Installation im Alten Botanischen GartenWas bleibt von Kunst, wenn sie vernichtet wird?

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Michaela Rotsch und Kadir Fadhel bei den Vorbereitungen zu der Intervention „Originalisierungen_Makhazin“.
Michaela Rotsch und Kadir Fadhel bei den Vorbereitungen zu der Intervention „Originalisierungen_Makhazin“. (Foto: Robert Haas)

Das deutsch-irakische Projekt „Originalisierungen_Makhazin“ ergründet, ob Lost Art wirklich unwiederbringlich verloren ist? Für zwei Tage entsteht eine Kunstinstallation im Alten Botanischen Garten, wo einst der Münchner Glaspalast mit mehr als 3000 Gemälden niederbrannte.

Von Anna Grimbs

„Der Blick irrt über das Feuermeer. Züngelnd schlägt es herauf, wie Brandung donnert es heran, sinkt hinunter, braust wieder empor“, so beschreibt ein Lokalredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten den Brand des Glaspalastes im Jahr 1931. Das Feuer am Abend des 6. Juni zerstört das Gebäude bis auf die Grundmauern. Mit ihm mehr als 3000 Gemälde. Ein herber Schlag für die deutsche, ja die gesamte Kunstwelt. Nur wenige Jahre darauf erklärte das NS-Regime die Moderne für „entartet“ und ließ tausende Werke verschwinden oder vernichten. Viele von ihnen sind bis heute verschollen. Wenn überhaupt, sind nur unscharfe Schwarz-Weiß-Fotografien erhalten. Die verschwundenen Werke werden als „Lost Art“, also verlorene Kunst bezeichnet.

Auch der Bestand des Museums für Moderne Kunst in Bagdad ging weitgehend verloren, als es 2003 geplündert wurde. „Lost Art“, nicht nur für die Iraker, dokumentiert in Fotografien im Museumskatalog. Wenn auch der Begriff vor allem durch die NS-Zeit geprägt wurde, ist das massenhafte Verschwinden von Kunst ein Phänomen, das sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht.

Doch ist Lost Art wirklich unwiderruflich verloren? Kann man sie nicht doch zumindest in Teilen wieder zurückholen? Oder bleibt sie nur als nüchterner Eintrag in Datenbanken bestehen? Die Münchnerin Michaela Rotsch und der Iraker Kadir Fadhel versuchen diese Fragen mit ihrer Installation „Originalisierungen_Makhazin“ im Alten Botanischen Garten künstlerisch zu ergründen. An dem historischen Ort, an dem vor knapp einem Jahrhundert der Glaspalast und tausende Kunstwerke vernichtet wurden.

Ein Glasraum der Installation wurde probehalber auf dem Parkplatz vor Rotschs Atelier bestückt.
Ein Glasraum der Installation wurde probehalber auf dem Parkplatz vor Rotschs Atelier bestückt. (Foto: Michaela Rotsch)

Unter „Originalisierungen“ verstehen die beiden Künstler einen Ansatz, den sie im Rahmen des Projekts erarbeitet haben. Sie ließen ausgewählte Werke aus der deutschen Lost-Art-Datenbank von irakischen Künstlern reproduzieren. Als Referenz hatten sie unscharfe Schwarz-Weiß-Fotografien und eine kurze Beschreibung des Werkes zur Verfügung. Bei der Farbgebung hatten sie also große Freiheit. Entstanden sind unter anderem zwei freie Rekonstruktionen einer Porträtmalerei. Während ein Ergebnis farbenfroh und bunt ist, ist das andere eher klassisch gehalten. Welches nun näher am verschollenen Original liegt, kann wohl niemand beantworten.

Zum Teil verdeckt werden die Objekte während der Installation von geschreddertem Dichtungsmaterial, das aus einem Bilderrahmen zwischen den Werken quillt. Repräsentieren soll es die Asche der im Glaspalast verbrannten Gemälde. Eine visuelle Darstellung eines Gedankenspiels Fadhels: „In meiner Vorstellung zerfielen die verbrannten Werke in bunte Farbpixel statt in schwarze Asche.“ Präsentiert werden diese und weitere künstlerische Assoziationen in vier großen begehbaren Glaskästen. Sortiert auf Registergittern liefern Ausschnitte aus Büchern, Fotografien und Notizen Raum für weitere Denkanstöße.

Die Glaspassagen, die Arbeit im Stadtraum, die Registergitter sowie das assoziative Arbeiten zu einem Themenkomplex sind essenzielle Bestandteile von Michaela Rotschs Schaffen. Immer finden sich in ihren Aktionen Elemente vergangener Projekte wieder. Rotsch selbst sieht ihre Arbeiten als Werkprozess und die unterschiedlichen Aktionen als Werkstrukturen: „Der Werkprozess ist mein Leben und dieser wird dann auch mit ihm enden. Begonnen hat er 1996 mit meiner Auseinandersetzung mit der Arabeske.“

Arabeske beschreibt ein künstlerisches Verfahren, das von Umwegen, Ausschweifungen und Verschlingungen lebt. Zentral ist dabei die Lücke, die Raum für neue Bedeutungen eröffnet. So entstehen Arbeiten, die nicht linear erzählen, sondern offene Geflechte von Spuren und Andeutungen darstellen. So auch bei der Installation im Alten Botanischen Garten.

Wie Rotschs Werke entstand auch die Zusammenarbeit mit Kadir Fadhel fast schon arabesk und zufällig. Ihr Projekt Syntopian Vagabond führte Rotsch 2016 nach Bagdad im Irak. Für die Umsetzung suchte sie damals Hilfe bei ortskundigen Künstlern. Darunter war auch Fadhel, der sie bei ihrer Aktion unterstützte. Die beiden Künstler merkten schnell, dass sie die Suche nach Lücken und die Arbeit mit dem Stadtraum verband. Seitdem setzten sie gemeinsam etliche Aktionen in Bagdad um und gründeten vor Ort das Turbulenzzentrum. Ein Raum zur künstlerischen Erforschung von Bagdad. Dorthin wird die temporäre Installation aus München 2026 reisen. Festgehalten wird die ortsspezifische Installation in einem Werkbuch. Dieses wird am 25. und 26. Oktober bei „Super Books“ im Haus der Kunst vorgestellt.

Originalisierungen_Makhazin, Alter Botanischer Garten, Sophienstraße 7, 20. und 21. September 2025, 11 bis 18 Uhr

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