Filmkomponistin Katherina HristovaEine Münchnerin in Hollywood

Lesezeit: 6 Min.

Großer Moment: Filmkomponistin Katherina Hristova dirigiert ein 65-köpfiges Orchester auf der historischen Eastwood Scoring Stage in den Warner Brothers Studios in Los Angeles. Das Aufnahmestudio wurde 1929 erbaut und 1999 zu Ehren von Clint Eastwood umbenannt, der sich für den Erhalt des Studios einsetzte.
Großer Moment: Filmkomponistin Katherina Hristova dirigiert ein 65-köpfiges Orchester auf der historischen Eastwood Scoring Stage in den Warner Brothers Studios in Los Angeles. Das Aufnahmestudio wurde 1929 erbaut und 1999 zu Ehren von Clint Eastwood umbenannt, der sich für den Erhalt des Studios einsetzte. Christian Amonson

„Ich liebe Los Angeles“, sagt die gebürtige Münchnerin Katherina Hristova. Die 25-Jährige nennt sich dort Kate und arbeitet hart an ihrer Karriere als Filmkomponistin. Denn sie hat einen großen Traum.

Von Jutta Czeguhn

Katherina Hristovas Urgroßvater Trifon war Geiger in einem Stummfilmorchester in Sofia. Welche Filme hat er damals wohl begleitet? Klassiker des frühen Kinos wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“, „Metropolis“ oder „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“? Womöglich sogar die ersten Leinwandschritte von Mickey Mouse, sollte es Disneys berühmter Cartoonheld in den späten 1920ern von Hollywood bis nach Bulgarien geschafft haben. Dort, in Los Angeles lebt heute seine Urenkelin Katherina. Und die 25-Jährige hat einen Traum: Eines Tages will sie die Musik für einen Disney-Film komponieren.

Die Frage nach dem Wetter hat Katherina Hristova erwartet. Die stellen ihr offenbar alle aus dem kalten Europa. Beim Zoom-Gespräch sitzt sie im T-Shirt vor ihrem Rechner mit einem entspannten Westküstenlächeln. Klar, Sonne in L.A., angenehme 25 Grad, sagt sie. „Zuletzt war ich über Weihnachten bei meinen Eltern in München und dann noch in Wien, ich habe entsetzlich gefroren.“ Diesmal haben sie die Eltern leichter ziehen lassen als noch vor rund einem Jahr, als die verheerenden Feuer in Los Angeles wüteten.

Im Januar 2025 wütete das Feuer im Stadtteil Pacific Palisades in Los Angeles.
Im Januar 2025 wütete das Feuer im Stadtteil Pacific Palisades in Los Angeles. Ethan Swope/dpa

„Damals war ich noch an der Uni, ich musste also unbedingt zurück in die USA.“ Für sie war es ein Flug ins Ungewisse. „Ich war schließlich noch nie inmitten einer Katastrophe.“ Aus dem Fenster des Fliegers sah Katherina Hristova die Rauchwolken über den Brandgebieten. Angekommen, fühlte sie die gedrückte Stimmung unter den Angelinos, hatte den Brandgeruch in der Nase und musste wochenlang Maske tragen. „Zum Glück wohne ich in der Stadtmitte, dort sind wir verschont geblieben.“ Doch hätten Musikerfreunde ihr Heim verloren, all ihre Instrumente.

Für die junge Filmkomponistin Katherina Hristova ist Los Angeles „the place to be“, sie hat das Lebensgefühl dort voll inhaliert. Das wird im Videocall – es wird nicht der einzige bleiben – rasch klar. München, wo sie aufgewachsen ist und ihr Abitur gemacht hat, liegt schon sehr weit hinter ihr. Manchmal sucht sie nach dem richtigen Wort im Deutschen, das Englische hat sich davorgeschoben. Sie spricht euphorisch über die Stadt, die trotz Krisenmodus immer noch das Zentrum der Musik- und Filmindustrie ist. Zu Fragen zur politischen Situation in den USA mag sie sich nicht äußern. „Ich liebe L.A.!“, sagt sie. Hier will sie bleiben, leben, ein Arbeitsvisum bekommen. Ihre Karriere vorantreiben. Hier nennt sie sich Kate.

Der Traum von einer Karriere, den träumen sie schließlich in dieser Stadt alle, seit Stummfilmzeiten. Und plötzlich liegt da Anspannung in Katherina Hristovas Zügen. Oder täuscht nur der leicht verpixelte Bildschirm, der das Lesen von Gesichtern in Video-Meetings so anstrengend macht? Der jungen Frau mit den dunkelblonden Haaren, die elf Flugstunden von München entfernt zu einem spricht, scheint die Sache absolut ernst. Sie hat schließlich einen enorm weiten Weg zurückgelegt, um da anzukommen, wo sie jetzt steht. Nicht nur geografisch.

Musikalische Familie: Katherina Hristova beim Hauskonzert mit ihrem Großvater Nikola Hristov. Eine Vorfahrin war Mitbegründerin der Oper von Sofia.
Musikalische Familie: Katherina Hristova beim Hauskonzert mit ihrem Großvater Nikola Hristov. Eine Vorfahrin war Mitbegründerin der Oper von Sofia. Privat

Hier beginnt er: Im Jahr 1999 ziehen Katherina Hristovas Eltern von Bulgarien nach Deutschland. Der Vater hat ein Forschungsstipendium für die Universität Karlsruhe bekommen. 2000 dann der Umzug nach Bayern, erst Kirchseeon, dann Ottobrunn, wo der Vater als Software-Entwickler arbeitet. 2001 wird Katherina geboren. Musikalische Früherziehung in einem Ottobrunner Kindergarten. 2006 dann erneut ein Umzug für die junge Familie. Es geht in die Niederlande nach Den Haag, wo der Vater einen Job beim Europäischen Patentamt bekommen hat. Nach ein paar Jahren geht es wieder zurück nach München, Katharina besucht bis zum Abi die Europäische Schule in Neuperlach. Und dann?

„Ich habe damals lange darüber nachgedacht. Aber es war klar: Etwas anderes als Musik will ich nicht machen.“ Musik, erzählt sie, habe in ihrer Familie immer schon eine Rolle gespielt. Da war Uropa Trifon, der Stummfilm-Geiger, und eine Urur-Großmutter – wie viele Urs genau, ist sich Katherina Hristova nicht sicher –, die das Opernhaus von Sofia mitbegründet hat. Auf einem Foto, das sie vor dem Gespräch gemailt hat, sieht man die kleine Katharina gemeinsam mit ihrem Großvater Nicola musizieren. Ein Hauskonzert, er trägt ein weißes Hemd und eine schwarze Fliege, spielt Querflöte, sie Blockflöte. Sie hat ihn sehr geliebt.

Die Bande nach Hause sind eng, doch Katherina Hristova möchte lieber über ihr Leben, ihre Karriere, über das Hier und Jetzt in Los Angeles sprechen. Über Filmmusik, um die sich alles in ihrem Leben dreht. Weshalb sie über ihr Studium an der Universität Royal Birmingham Conservatoire, dessen Präsident Sir Simon Rattle ist, schnell hinweg segelt. Mit einem Abschluss in Komposition, spezialisiert auf Filmmusik, kam sie 2024 in Los Angeles an. Hier wurde sie – als eine von nur 20 unter 250 Bewerbern – an der Kaderschmiede der Filmkomponisten aufgenommen: im Programm der Thornton School of Music, die zur University of Southern California (USC) gehört. Alumnis sind unter anderem Oscar-Gewinner oder -Nominierte wie James Horner, James Newton Howard oder Jerry Goldsmith.

„Für eine außergewöhnliche Laufbahn bestimmt“: Filmkomponist  und Mentor Christopher Young hat Katherina Hristova darin bestärkt, nach Los Angeles zu kommen.
„Für eine außergewöhnliche Laufbahn bestimmt“: Filmkomponist  und Mentor Christopher Young hat Katherina Hristova darin bestärkt, nach Los Angeles zu kommen. Nigel Ashley Lees

Emmy-nominiert und vor allem für seine Arbeit an Filmmusiken des Horror-Genres wie „Hellraiser“ oder der Neuvertonung zu Murnaus  „Nosferatu: Symphonie des Grauens“ bekannt, ist Christopher Young. Er hat die Deutsche nach L.A. geholt und sagt über sie: „Es ist ein großes Glück, jemanden so Talentierten und für Filmmusik Brennenden wie Katherina zu kennen. Als ich sie vor einigen Jahren im GEMS Sommer-Filmmusikprogramm in Spanien kennenlernte und ihre Musik hörte, war mir sofort klar, dass sie für eine außergewöhnliche Laufbahn bestimmt ist. Sie hat dieses gewisse Etwas!“

Mittlerweile gehört also auch Katherina Hristova zu den Alumni des Komponisten-Programms. Zum Master an der USC kamen Internationale Preise hinzu wie der World Artistry Award oder eine Goldauszeichnung beim Global Genius Music Competition für ihre Komposition zum Disney-Märchenfilm „Maleficent“. Sie komponiert Scores für Kurzfilme. Sitzt in ihrer Wohnung am Keyboard, ein kleines portables hält sie in die Kamera. Komponieren aber findet heute vor allem am Computer statt. Hristova beherrscht all diese Programme. Und doch liebt sie den direkten Kontakt zu Musikern. Unvergesslich für sie die Erfahrung, als sie vor einem 65-köpfigen Film-Orchester in den Warner Studios stand.

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Doch wie sieht der Alltag einer jungen Komponistin in Los Angeles aus? „Highly competitive“, sagt man hier, hart umkämpft sind schließlich die Jobs in der Filmbranche. „Networking“ ist deshalb das Zauberwort. Katherina Hristova ist viel unterwegs, auf Branchentreffen, bringt sich ins Spiel, knüpft Kontakte. Hilft Kollegen als Music Editor bei Projekten.

Beispielsweise David Bertok und Duncan Thum, die für ihre Musik zur Netflix-Dokumentation „Chef’s Table“ 2025 einen Emmy bekommen haben. „Als Music Editor arbeitet man eng mit dem Komponisten zusammen und fungiert gewissermaßen als dessen rechte Hand, sodass dieser sich auf das Komponieren neuer Musik konzentrieren kann“, erklärt Hristova.

David Bertok, der ebenfalls in München aufgewachsen ist, schätzt ihre Arbeit offenbar sehr, wenn er mitteilt: „Für ‚Loot: A Story of Crime and Redemption‘ hat sie als Music Editor meine Musik präzise, reflektiert und erfolgreich an den neuen Filmschnitt angepasst. Durch ihren multikulturellen Hintergrund bringt sie zudem eine besondere rhythmische, harmonische und melodische Perspektive in ihre Arbeit ein, die in dieser Form in der Filmmusiklandschaft selten ist.“ Und Duncan Thum pflichtet ihm bei: „Selbst in anspruchsvollen Situationen mit großen Studios und wichtigen Entscheidungsträgern bleibt sie professionell und souverän und liefert konstant hochwertige Ergebnisse.“

Katherina Hristova bei der Arbeit an der Musik für Alexi Scheibers Film „The Dreaming World“, der bei etlichen Independent-Filmfestivals erfolgreich lief.
Katherina Hristova bei der Arbeit an der Musik für Alexi Scheibers Film „The Dreaming World“, der bei etlichen Independent-Filmfestivals erfolgreich lief. Cameron Adams

Duncan Thun, der bei den Bränden in L. A. sein Haus verloren hatte, konnte sich auch auf Katherina Hristova als Editor verlassen, als er einen Podcast über das Feuer und seine Auswirkungen produzierte. Und eine Charity-Aktion organisierte. So konnten Instrumente und Spenden für Komponisten und Musiker gesammelt werden, die das gleiche Schicksal ereilt hatte. Es ist auch dieser Zusammenhalt in der Community, den Katherina Hristova in Los Angeles schätzen gelernt hat. Wenn es darauf ankommt, ist man für den anderen da.

Wie alle in Los Angeles fiebert Katharina Hristova der Verleihung der Oscars am 16. März entgegen. „Ich bin gespannt, wie es ausgehen wird.“ Und da denkt sie natürlich vor allem an die nominierten Filmkomponisten. Zwei Namen haben sie besonders gefreut. Da ist Max Richter, dessen melancholische und atmosphärisch dichte Streicherwolken zum Film „Mary Queen of Scots“  waren für sie „ein wesentlicher Grund dafür, warum ich meinen Weg in der Filmmusik eingeschlagen habe“. Er könnte mit dem Soundtrack für „Hamnet“ absahnen. Und der Schwede Ludwig Göransson, ein USC-Absolvent wie sie, der als zweifacher Oscar-Gewinner vorlebt, dass der Weg durch harte Arbeit und eine tiefe Liebe zur Musik zum Erfolg führen kann.

Einen Erfolg, an dem auch Katharina Hristova hart arbeiten will. Schließlich ist da ja dieser Traum von einer großen symphonischen Komposition für einen Disney-Animationsfilm. Wie bei ihrem Lieblingsfilm „Encanto“. Mit supergroßem Orchester, mit satter Klangfülle wie der von Max Richter und mit einer tiefen Message.

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