bedeckt München

Lockdown in München:2600 Schritte zur Kontrolle

Kami Najib von Kare verkauft per Handyvideo.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mäusejagd, Wasserproben und Rundflüge über die Alpen: Was passiert eigentlich in Museen, Kinos, Konzerthallen und anderen Häusern, wenn sie für Gäste geschlossen sind?

Von SZ-Autoren

Viel bekommen die Münchner derzeit ja nicht mit von ihrer Stadt. Der Lockdown bremst das Leben, die meisten Einrichtungen sind geschlossen. Aber was passiert denn in den Häusern, die nicht wie gewohnt besucht werden können? Was ist in Museen los? Finden im Deutschen Museum auch jetzt noch technische Versuche statt? Ist in einem Hotel weiterhin Wasser im Pool? Läuft in einem Kino der Filmprojektor? Wird im Möbelhaus umdekoriert? Was ist im Hofbräuhaus los? Und warum achtet man im Backstage darauf, dass sich keine Mäuse ansiedeln?

Deutsches Museum: Runden über Innsbruck

In 36 Sekunden in die Karibik: Überkäme Volker Füßmann das Fernweh, könnte er sich einfach ins Cockpit setzen, den Computer einschalten, abheben, und schon tauchten Palmen und Meer vor ihm auf. Der 59-Jährige hat einen beneidenswerten Job. Er ist im Deutschen Museum unter anderem für den Flugsimulator zuständig. In normalen Zeiten, also ohne Lockdown, führt er das Gerät zweimal am Tag Besuchern vor. Meist sind sie zu zweit. Ein Mitarbeiter sitzt im Cockpit und steuert, der andere erklärt die Instrumente und beantwortet Fragen. Doch auch ohne Besucher muss der Simulator regelmäßig gestartet und geprüft werden. Er stammt aus einem Originalflugzeug, einer Diamond 42, wie sie weltweit für die Pilotenausbildung eingesetzt wird. Die Zuschauer sehen zugleich auf einer gekrümmten Leinwand das Panorama, das der Pilot gerade überfliegt. In einer Datenbank ist die gesamte Erdoberfläche gespeichert. Man kann also jeden Flughafen der Welt ansteuern. "Wir müssen auch selbst in Übung bleiben", sagt Volker Füßmann, denn das Fliegen nach Instrumenten ist eine hochkomplexe Sache. Auch erfahrene Berufspiloten müssen regelmäßig in den Simulator, um außergewöhnliche Szenarien durchzuspielen.

Füßmann kümmert sich aber nicht nur um den Simulator. Er erklärt einzelne Objekte aus der Luftfahrt für die Video-Führungen des Museums (www.deutsches-museum.de/angebote/digitale-angebote). Dort erzählt er spannende Geschichten, zum Beispiel, warum die Brüder Montgolfier Schafswolle an Bord ihres Ballons verbrannten und glaubten, dass er damit mehr Auftrieb hätte. Oder warum es an Bord des historischen Zeppelins erlaubt war, zu rauchen - obwohl er in seiner Hülle doch Tausende Kubikmeter Wasserstoff mitführte - und welche Rolle Blinddärme von Rindviechern dabei spielten. Die Museumsmitarbeiter bereiten sich außerdem auf den "Science Summer" im Innenhof vor, der von Mai an stattfinden soll. Ja, und dann planen sie auch noch die Wiedereröffnung der 19 renovierten Ausstellungen am Ende des Jahres. In Zukunft soll es noch viel mehr Führungen und Experimente geben als bisher.

Füßmann ist privat Segelflieger, doch auch dieses Hobby ist im Lockdown verboten. Deshalb genießt er die wenigen Minuten im Simulator. Die Karibik interessiert ihn aber nicht. Er dreht am liebsten ein paar Runden über Innsbruck. Dort ist die Reliefdarstellung am genauesten, sagt er, "das ist, als würde ich wirklich über die Alpen fliegen". Martina Scherf

Hotel Roomers: Nächtlicher Wasserrohrbruch

So ein Hotel herunterzufahren, ist keine einfache Angelegenheit. Rauchmelder, Sprinkleranlagen, Notstromdiesel, die Löschanlage in der Küche müssen - Lockdown Light oder nicht - einmal im Jahr gewartet werden. Aus dem Swimmingpool darf man das Wasser nicht ablassen, auch wenn gerade kein Gast darin baden darf, sonst drohen beim Austrocknen die Fliesen abzufallen. Also lässt Jens Vierling Wasser im Becken, mit einem Minimum an Chemie für die Hygiene. Der Elektrotechniker ist als "Director of Engineering" dafür verantwortlich, dass die Technik im 2017 eröffneten Hotel Roomers läuft, egal, ob in allen 280 Zimmern Menschen wohnen, oder nur ein paar Dutzend Geschäftsreisende in der Woche gezählt werden wie derzeit. Trotz Corona sind die großen Suiten gerade besonders gefragt, mit Jacuzzi auf der Terrasse und Billardtisch im Zimmer.

Vierling im schwarzen Handwerker-Outfit sorgt dafür, dass die monatlichen Kosten für Strom, Wasser und Gas klein bleiben - ohne, dass die paar Besucher auf gewohnten Luxus verzichten müssen. Er hat Zimmer außer Betrieb genommen und die Klimaanlage dort abgestellt, Pumpen heruntergefahren, die ganze sensible Technik kostenschonend eingestellt. Beim täglichen Rundgang durchs Haus prüfen er und seine vier Mitarbeiter, ob Lüftung, Wasseraufbereitung und all die Elektrotechnik, ohne die ein Hotel heute nicht mehr vorstellbar ist, auch rundlaufen. Und sie behalten die Energiezähler im Blick, um früh zu erkennen, wenn es Ausreißer gibt, die unnötig Geld kosten.

Wie der Techniker das so erzählt, in der menschenleeren "Library" des Hotels, strahlt er große Ruhe und Gelassenheit aus. Die Erfahrungen aus der ersten Coronawelle helfen ihm beim Krisenmanagement. Und mehr noch die vielen Jahre, in denen Vierling im Hotel Vier Jahreszeiten technischer Direktor war. Sein Wissen und die guten Kontakte zu Handwerkern bescheren ihm immer wieder Anrufe von Headhuntern, auch in Zeiten der Pandemie. Gerade steckt er in Kurzarbeit, 20 Prozent. Wenn aber - wie in der vergangenen Woche - nachts ein Wasserrohr bricht, ist er zur Stelle. Denn keiner außer ihm und seinen Männern weiß, wie das Wasser abzustellen ist. Catherine Hoffmann

Kare Kraftwerk: Beats für die Mitarbeiter

Es wird heller im Kare Kraftwerk, denn die neuen Möbelkollektionen kommen. Der Frühling naht und der drückt sich in der Textil- und Möbelbranche gerne in leichten Farben aus. Sofas in zarten Grautönen und Cremefarben, auch Stoffe in Mintgrün würden derzeit angeliefert, erzählt Jami Najib, 42. Er ist Leiter des Einzelhandels und für die fünf Kare-Läden in Deutschland zuständig. Er koordiniert die Umgestaltung in diesen Vorfrühlingstagen, die also gar nicht so still sind. Er sitzt auch an den Reglern bei Heizung und Musik. Die einen fährt er aus Umweltschutzgründen etwas runter, die anderen hoch, um die Stimmung bei den im Haus verbliebenen Mitarbeitern zu heben. Es sind meist nur eine Handvoll da, je nach Terminen, die anstehen. Zu ihrer Belebung schlagen die Beats morgens und abends ein bisschen schneller, tagsüber höre man eher Lounge-Musik, erzählt Najib. Viele Wände werden gerade im Kraftwerk passend zur neuen Ware umgestrichen. Auf die Tische kommt neues Geschirr und Besteck. Der Weihnachtsglitzer muss weg.

Ungewöhnlich viele Neueinrichtungen habe man in den vergangenen Wochen geplant, erzählt Najib. Ob das an einer gestiegenen Scheidungsrate liege, wisse er nicht. Eine Trennung sei aber durchaus Grund für die eine oder andere Abbestellung einer Sofalandschaft. Apropos Sofa. "Die Leute haben gemerkt, dass ein Netflix-Abo mit einer gemütlichen Sitzfläche spannender wird", sagt Najib. Überhaupt seien Wohnzimmer das Thema. Beraten wird am Telefon, oft mit Videoschalte. Was braucht der Kunde, wie viel Geld möchte er ausgeben? Nach der Bedarfsanalyse nimmt Najib die Interessenten per Handy mit auf einen Rundgang durch die 11 000 Quadratmeter große Ausstellungsfläche. Um einen Eindruck zu vermitteln, wie weich ein Polster ist, setze er sich schon mal mit Karacho nieder. "Die Deutschen sitzen lieber härter", weiß Najib. Neulich habe sich jemand für einen Barhocker interessiert. Dem Mann hat er gesagt: "Ich bin 1,90 Meter groß und wiege 75 Kilo. Für mich ist der Stuhl bequem." Sabine Buchwald

Backstage München: Ungebetene Gäste

Vergangene Woche ist er erst um drei Uhr morgens heimgekommen. Kein Problem, eine normale Uhrzeit für einen Konzertveranstalter. Nur leben auch Konzertveranstalter gerade nicht in normalen Zeiten, so ganz ohne Veranstaltungen. Auch wenn im Augenblick nichts los ist, hat Backstage-Betreiber Hans-Georg Stocker, 52, immer viel zu tun - zuweilen auch bis spät in die Nacht. Und Stocker hat, wie er sagt, aus dem ersten Lockdown im Frühjahr jede Menge gelernt. Das hat mit Mäusen zu tun. Mit undichten Dächern. Und mit Einbrechern.

Das Problem kommt in der Nacht. Tagsüber sind die Büros im Backstage auch während der Corona-Pandemie besetzt. Bis zu 25 Menschen sind vor Ort. Konzerte müssen immer wieder aufs Neue verschoben werden, das Programm muss stehen, sollte es irgendwann wieder eine Normalität geben. Hygienekonzepte müssen überarbeitet, Umbauten geplant werden. "Wir verballern gerade unsere Rücklagen", sagt Stocker. Und statt den 30. Geburtstag der Location zu feiern, wurden in der Zwangspause die Toiletten entkernt und ein neuer Trafo für den Grundstrom eingebaut. Tagsüber. "Aber nachts ist es hier zuweilen gespenstisch", sagt Stocker. Das Backstage im Münchner Westen liegt direkt an den Bahngleisen zwischen der Landsberger Straße und der Arnulfstraße - nachts ist hier kaum einer unterwegs, erst recht nicht bei Ausgangssperre. "Beim ersten Lockdown hatten wir viele Einbrüche", sagt Stocker. Deswegen ist er manchmal auch abends da, "ich kann den Laden ja nicht alleine lassen".

Geld, um Security die ganze Nacht über zu zahlen, wollte er nicht ausgeben. Jetzt hat er das Problem anders gelöst. Stocker hat auf zwei Schichten umgestellt. Abends arbeiten die Barkräfte und all jene, für die das Backstage ein wichtiger Nebenjob zur normalen Tätigkeit ist. Dann werden schon mal die Hallen gereinigt und gestrichen. "Seitdem ist es besser geworden", sagt Stocker. Und noch etwas hat der erste Lockdown gezeigt - oder vielmehr das erste Konzert nach der Zwangspause. Es gab technische Probleme. Nicht alle Boxen haben funktioniert, deswegen wird die Musikanlage immer mal wieder angemacht. Und in den Räumen laufen regelmäßig die Heizung und die Entfeuchter. Auch ein Teil der Endstufe funktionierte nicht - "hier hatten sich Mäuse eingenistet", sagt Stocker. Michael Bremmer

Mathäser Filmpalast: Das Popcorn fehlt

2600 Schritte. Ulrike Silberbach, Betriebsleiterin im Mathäser Filmpalast, braucht eine gute Kondition, um in ihrem Kino nach dem Rechten zu sehen. Alle paar Tage macht sie eine Kontrollrunde. Dann läuft sie die 14 Kinosäle auf mehreren Etagen ab, inspiziert die Kassen, Foyers und Toiletten, die Technik-, Lager- und Aufenthaltsräume. Insgesamt ist das Kino am Münchner Stachus auf 19 000 Quadratmetern untergebracht, die meisten Räume bekommen die Besucher nie zu sehen. "Vor kurzem habe ich meine Tochter mit auf einen Kontrollgang genommen", erzählt Ulrike Silberbach, "seitdem weiß ich, wie viel ich da immer herumlaufe." 2600 Schritte, Silberbachs Tochter hatte einen Schrittzähler dabei.

Ulrike Silberbach, Mitte 40, arbeitet seit 25 Jahren in der Branche, 16 Jahre davon im Mathäser. Vor der Pandemie kamen bis zu 10 000 Besucher täglich, kein anderes Kino im Land kann solche Zahlen auffahren. An solchen Spitzentagen waren stets 50 bis 60 Mitarbeiter im Einsatz, derzeit seien sie aber nur zu viert. Die restlichen Kollegen sind in Kurzarbeit. "Einmal die Woche fahren wir die komplette Projektionstechnik hoch", erzählt Silberbach. So solle sichergestellt werden, dass nach dem Lockdown noch alles funktioniert. Dasselbe gelte für Heizung, Lüftung, Rolltreppen oder Sanitäranlagen. Die Concession-Theken sind leer, zu einem großen Teil wurden Nachos, Schokolade oder Gummibärchen an gemeinnützige Organisationen abgegeben. Es ist still geworden in diesem sonst so lauten Haus. Das könne man nicht nur sehen, sondern auch riechen, sagt Silberbach: "Ich vermisse den Duft von frischem Popcorn." Josef Grübl

Hofbräuhaus München: Engel Aloisius wacht

Wer sich dem Hofbräuhaus vom Isartor her nähert, erst über die Marienstraße, dann über die Bräuhausstraße, kommt an einem Schild mit der Aufschrift "Warenanlieferung" vorbei. Am vorigen Mittwoch stand dort ein Transporter, und ein Tor des Hofbräuhauses war geöffnet. Ansonsten war das ganze Gebäude verriegelt. Welche Waren braucht denn das Hofbräuhaus in diesen Tagen? Bier wird nicht getrunken, Schweinshaxn werden nicht gegessen.

Der Wirt des Hofbräuhauses, Wolfgang Sperger, lacht am Telefon, als er auf den Transporter angesprochen wird, er lacht überhaupt sehr viel bei diesem Gespräch. "Die Leute mit dem Transporter - das sind Handwerker", sagt er. "Die Handwerker und ich halten während des Lockdowns die Stellung - und unser Stammgast natürlich, der Engel Aloisius."

Als das Hofbräuhaus im Spätherbst schließen musste, war auch Sperger nur noch "zweimal die Woche" in seinem schönen Büro, von dem man aufs "Platzl" blicken kann. "Ein Serviceleiter kam da einmal am Tag vorbei und hat geschaut, ob alle Lichter aus sind oder ob ein Fenster eingeschlagen ist", berichtet Sperger.

Erst nach Heiligdreikönig kam wieder ein bisschen mehr Leben ins Hofbräuhaus. "Die Handwerker sind seitdem für Sanierungsarbeiten hier, die man sonst nicht machen kann, wenn Gäste im Haus sind", sagt Sperger. "Küche, Brandschutz, Toiletten." Sie installieren auch eine neue Sprachalarmierung. "Wenn Gefahr im Verzug ist, etwa ein Feuer ausbricht, springt dieses automatisierte Warnsystem an", sagt Sperger, mit einer Stimme, die "durch und durch" gehe. "Die hört man selbst, wenn man betrunken ist."

Der Wirt selbst arbeitet derweil an einem modernen, grünen Konzept für das Hofbräuhaus, das es seit 1589 gibt. "Unser Kern bleibt Bier, Blasmusik und gutes Essen", sagt Sperger, "aber außer Schweinsbraten und Schweinshaxn soll es nach dem Lockdown auch viel regionales Gemüse geben." Kohlrabi oder Rosenkohl. "Diese wunderbare Art bayerischer Küche, wie's die Oma gemacht hat." Gerhard Fischer

© SZ vom 21.01.2021/van
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