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Lockdown in München:Wenn der Vertreter trotz Corona klingelt

Coronavirus - Stuttgart

Superschnelles Internet - ein Segen im Home-Office

(Foto: dpa)

Wie verkauft man in Home-Office-Zeiten einen neuen Internetanschluss? M-net-Vertreter haben da ihre Tricks: Bei den Opfern klingeln und sie auf keinen Fall nachdenken lassen.

Glosse von Max Ferstl

Es ist gerade oft von der Bedeutung des Home-Office die Rede. Viel mehr Menschen als bisher sollen zu Hause arbeiten, damit die Infektionszahlen weiter sinken. Natürlich gilt das nicht für alle: Der Krankenpfleger muss ins Krankenhaus, der Briefträger Briefe zustellen. Und die Metzgerin kann die Schweinehälfte schlecht im Wohnzimmer zerteilen. Es gibt allerdings auch überraschende Ausnahmen.

Vergangene Woche klingelte zum Beispiel ein Vertreter von M-net an der Wohnungstür. Er habe ein wirklich tolles Angebot, sagte der Vertreter mit einem Lächeln, das er für vertrauenswürdig hielt, und das gut sichtbar war, weil der Mund-Nasenschutz unter Mund und Nase hing. Ohne Umschweife knallte er dem Bewohner jenes wirklich tolle Angebot hin: Superschnelles Internet, kein Aufwand, und das für nur 30 Euro pro Monat. Deal?

Das Überrumpeln zählt zu den wichtigsten Strategien des Vertreterberufs. Auf keinen Fall darf man dem Opfer - Vertreter würden wohl sagen: dem Kunden - Zeit zum Nachdenken geben. Denn wer nachdenkt, gelangt womöglich zu der Erkenntnis, dass man den angepriesenen hypersaugstarken Staubsauger gar nicht unbedingt braucht, und auch nicht das ultrascharfe Messerset aus Shirogami-Stahl. Wer nachdenkt, schließt vielleicht auch seltener langjährige Knebelverträge ab. Mit unabsehbaren Folgen für die gesamte Knebelvertragsbranche.

Der M-net-Vertreter verschwendete also keine Zeit. Wie ein Ermittler nahm er den Bewohner ins Verhör: Wie lautet der Name des aktuellen Internetanbieters? Wie lange läuft der Knebelvertrag noch? Wie langsam ist das Internet genau? Und nochmal, M-net habe da ein wirklich tolles Angebot. Nur müsse man sich leider schnell entscheiden, sonst sei es weg.

Druck aufbauen - auch das ist sehr wichtig. So gesehen ist es schon nachvollziehbar, dass der M-net-Vertreter das Home-Office ablehnt: Druck lässt sich aus der Distanz viel schwerer erzeugen. Briefe und Anrufe können ignoriert werden. Keine einfache Situation, schon klar. Allerdings hätte man M-net, immerhin ein modernes Telekommunikationsunternehmen mit superschnellem Internet, durchaus kreativere Lösungen zugetraut. In Zeiten der allgemeinen Kontaktreduzierung ganz analog Menschen zu besuchen, noch dazu mit verbesserungswürdiger Gesichtsmaskierung, das ist wirklich kein tolles Angebot.

© SZ vom 27.01.2021
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