Im 19. Jahrhundert trank der Münchner Wissenschaftler Max von Pettenkofer eine Flüssigkeit voll von gefährlichen Cholera-Bakterien, um seine Theorien zur Infektionsmedizin zu verteidigen. Er wurde nur leicht krank davon, vermutlich aber nur, weil er wegen einer bereits durchlebten Cholera-Erkrankung teilweise immun war. Heute braucht es keine Selbstexperimente mehr, um an Bakterien und Viren zu forschen. An dem nach Pettenkofer benannten Institut des LMU-Klinikums können Krankheitserreger fortan fast kontaktlos und besonders schnell erforscht werden: Ein neues Gebäude, das Zentrum für Diagnostik und translationale Forschung der Infektionsmedizin, hat nun eröffnet.
Der Neubau bringt gleich zwei Vorteile mit sich. Da wäre zunächst der bessere Standort. Das Zentrum steht direkt auf dem Klinikgelände in München-Großhadern. So müssen die Proben von Patienten aus dem Operationssaal oder von der Intensivstation nicht mehr mit dem Auto in die Innenstadt zum Labor gefahren werden, wie es früher bei der Viren-Diagnostik der Fall war. Stattdessen werden sie per Rohrpost innerhalb von Minuten in die neuen Labore nebenan geschickt.
Und da, auf mehr als eintausend Quadratmetern Laborfläche, können die Proben heute besonders schnell und viel automatisierter als früher erforscht werden. Denn der zweite Vorteil des neuen Diagnostik-Gebäudes ist die „hochmoderne Ausstattung“, so beschreibt es die Universität. Dazu gehören etwa die Geräte im 150 Quadratmeter großen Diagnostiklabor im ersten Stockwerk.
Im Diagnostiklabor können die Forschenden Bakterien in einer automatisierten Laborstraße untersuchen: Ein kleines Fließband transportiert dort die Petrischalen mit den Nährböden für die Bakterien von einer Station zur nächsten. Erst wird die Probe eines Patienten völlig automatisch auf den Nährboden aufgetragen, danach landet die Petrischale in einem 37 Grad Celsius warmen Brutkasten und wird darin automatisiert überwacht und analysiert. Die Proben können die Forschenden über Fotos überprüfen, die regelmäßig von den Petrischalen gemacht werden – und irgendwann die Bakterienkolonien mit einem weiteren Gerät bestimmen lassen. Wenn sie dann wissen, mit welchem Bakterium die Patienten infiziert sind, wird die Information an die Station weitergegeben.


Die Laborstraße ist zur Eröffnungsfeier auch schon in Betrieb, die 20 Mediziner und Wissenschaftler sowie 70 technischen Mitarbeiter und Hilfskräfte arbeiten im Neubau bereits seit Mai vergangenen Jahres. Während es sie in anderen Fachbereichen häufiger gebe, sei so eine automatisierte Laborstraße in der Mikrobiologie bisher sehr selten, sagt Sebastian Suerbaum, Professor für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene. München zählt aber nicht zu den Ersten in der Anwendung. Die Mikrobiologie des Universitätsklinikums Heidelberg hat schon im Jahr 2016 als erste deutsche Uniklinik eine solche Laborstraße bekommen.
Als Vorstand des Max-von-Pettenkofer-Instituts hat Suerbaum die Planung und den Bau des Diagnostik-Gebäudes begleitet und kennt auch einen eher ungewöhnlichen Vorfall, zu dem es während des Baus gekommen sein soll. Im Mai vergangenen Jahres sollen einige Kühleinrichtungen für die Petrischalen mit den Nährböden nicht gleich funktioniert haben. So sei kurzerhand ein Kühllaster, den man sonst fürs Bier auf dem Oktoberfest braucht, aufgestellt worden, sagt Suerbaum. „Der stand dann etwa zwei Monate lang hier neben dem Gebäude, bis die Probleme mit der Kühlung gelöst waren.“
Ein weiteres Highlight für Suerbaum und sein Team sei das 100 Quadratmeter große neue Hochsicherheitslabor der Sicherheitsstufe 3 im dritten Stockwerk des Neubaus. Das ist beispielsweise für die Diagnostik der Tuberkulose oder der HIV-Erkrankung erforderlich. Bauminister Christian Bernreiter (CSU) zufolge war das eine besondere Herausforderung im fast vierjährigen Bau des neuen Zentrums, weil die hochansteckenden Erreger eben nicht das Labor verlassen dürfen.

„Bauliche Champions-League“, so wird das Diagnostik-Gebäude gleich mehrfach bei der Eröffnung genannt. Insgesamt 35,9 Millionen Euro hat der Freistaat in den Neubau investiert – viel Geld, um Viren und Bakterien schneller erforschen zu können.
Diese Laborarbeit scheint für Laien vielleicht nicht auf Anhieb relevant, sie steht schließlich selten im Rampenlicht. Die Diagnostik ist bei Infektionserkrankungen aber essenziell für die spätere Behandlung von Patienten. Das hat die Corona-Pandemie bewiesen. „Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt: Wer Krankheitserreger schnell versteht, kann Leben retten“, fasst Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) zusammen. Pandemien kündigten sich nun mal nicht an, aber man könne sich darauf vorbereiten.

