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Tierrechte:Wissenschaftsminister Sibler will Schweinehaltung der LMU prüfen lassen

Lehr- und Versuchsgut der LMU in Oberschleißheim, 2019

Die Schweinehaltung im landwirtschaftlichen Versuchsgut der LMU steht nach einem Bericht der SZ in der Kritik.

(Foto: Florian Peljak)
  • Die Kastenhaltung von Schweinen im landwirtschaftlichen Versuchsgut der LMU hatte massive Kritik von Studierenden hervorgerufen.
  • Eine derartige Haltung ist in vielen Ländern längst verboten. Jedoch noch nicht in Deutschland, dem drittgrößten Schweineproduzenten der Welt.
  • Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung hat jetzt Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) reagiert, er nehme die Diskussion um etwaige Misstände sehr ernst.

Die Schweinehaltung im landwirtschaftlichen Versuchsgut (LVG) der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in Oberschleißheim hat eine Welle der Empörung hervorgerufen. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung hat jetzt Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) reagiert. "Die aktuelle Diskussion um etwaige Missstände nimmt das Wissenschaftsministerium sehr ernst und geht diesen zusammen mit der Hochschule nach", sagt eine Sprecherin des Ministeriums. "Gemeinsam werden wir erörtern, ob die Kastenstandhaltung zwingend für die Ausbildung angehender Veterinäre erforderlich ist. Bei den Planungen für die Neubauten Rinder- und Schweinestall werden wir darauf bestehen, dass das Tierwohl einen besonderen Stellenwert erhält."

Die Kastenhaltung hatte massive Kritik von Studierenden hervorgerufen. Die Muttersauen werden dabei wochenlang in engen Käfigen gehalten, in denen sie sich nicht bewegen können. Diese Haltung ist in vielen Ländern längst verboten. In Deutschland, dem drittgrößten Schweineproduzenten der Welt, wird noch über eine Neuregelung beraten. Allerdings wird es für bestehende Betriebe eine Übergangsfrist geben, von 15 Jahren ist die Rede. Solange müsste die LMU also nichts ändern.

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Ein Sprecher der Universität hatte die Haltung so gerechtfertigt: "Das Lehr- und Versuchsgut dient der Ausbildung künftiger Tierärzte und soll diese auf die Berufspraxis vorbereiten. Die Haltungssituation am LVG entspricht derjenigen, die sie in konventionellen Schweinezuchtbetrieben vorfinden werden." Diese Haltung vertreten auch etliche Studierende. Die Frage aber, warum ein Hochschulbetrieb Methoden anwendet, die bald verboten werden, anstatt Alternativen zu zeigen, bleibt damit unbeantwortet.

Die Fakultät sei sich bewusst, "dass gewisse Haltungsformen umzustellen sind", schreibt Dekan Reinhard Straubinger in einer Stellungnahme, und weiter: "Man muss aufhören, das Tier dem Haltungssystem anzupassen. Die Bedürfnisse des Tieres müssen die Normen vorgeben." Deshalb habe die Fakultät schon vor langer Zeit die Umstrukturierung des Lehr- und Versuchsgutes beschlossen und den Bau von neuen Ställen beim Freistaat beantragt. Die Planung eines neuen Rinderstalls sei abgeschlossen, die Kosten müssten nur noch vom Landtag genehmigt werden. Für den Schweinestall seien erst die Planungsgelder genehmigt. "Hier sind wir noch nicht so weit, wie wir sein möchten."

Straubinger weist darauf hin, dass das LVG gerade beim staatlichen Qualitätsprüfverfahren mit der Note 1 bewertet wurde. Auch die Kontrolle durch den leitenden Veterinärdirektor des Landkreises München habe keine Beanstandungen ergeben. Straubinger räumt allerdings ein, "dass jedes Haltungssystem zu ,seinen' spezifischen Technopathien (durch Haltung bedingte Krankheiten, Anm. d. Red.) bei den Tieren führt". In den Ställen des LVG träten diese allerdings seltener auf als in anderen Ställen, "der Grund ist der hohe Einsatz der Mitarbeiter am LVG".

Das Problem ist also allen Beteiligten bewusst. Allein, es fehlt am Geld. Straubinger hatte die Verhältnisse unter anderem damit begründet, dass das LVG angehalten sei, eine Million Euro pro Jahr zu erwirtschaften. Das sei nicht richtig, sagt Sibler. Zwar stünden diese Einnahmen im aktuellen Doppelhaushalt des Freistaats. Man habe sich dabei jedoch nur an den "Ist-Ergebnissen" der vorigen Jahre orientiert.

An der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft gibt es schon seit 2012 einen Arbeitsschwerpunkt Tierwohl. "Die Lebensbedingungen der landwirtschaftlichen Nutztiere sollen durch Forschung, Entwicklung und Wissenstransfer verbessert werden", heißt es da. "Die Einzelhaltung in Kastenständen ist eine Belastung für die Sauen, da sie deren Verhalten in vielerlei Weise erheblich eingeschränkt", stellte Christina Jais auf der Jahrestagung der Anstalt fest. Auch die Spaltenböden steigerten das Krankheitsrisiko. "Dagegen reduzieren schon geringe Mengen an Stroh den Stress", sagt die Agrarwissenschaftlerin. Jais und ihre Kollegen beraten Landwirte bei der Umsetzung der Gesetzesvorgaben. Die Grenzen des quantitativen Wachstums seien erreicht, in Zukunft werde es um qualitatives Wachstum gehen, sagen die Experten, und darum, "gesellschaftliche Akzeptanz zu sichern beziehungsweise wieder zu erlangen". Auch die Belastung von Luft, Wasser und Böden durch Massentierhaltung rufe immer mehr Widerstand hervor.

Mehr Platz für Tiere heißt mehr Kosten für die Landwirte. Ob Verbraucher bereit sind, weniger Fleisch zu essen und dafür mehr für ein Schnitzel aus artgerechter Tierhaltung zu zahlen, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. "In Großstädten mag das der Fall sein, aber gehen Sie mal aufs Land", sagte Straubinger vor Kurzem beim Besuch in Oberschleißheim. Dort würden die meisten billig einkaufen wollen. Und es gibt offenbar noch zu wenige Tierärzte, die sich für einen Bewusstseinswandel zugunsten mehr Tierwohl einsetzen.

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