Konflikte im Nahen OstenSo läuft die umstrittene Palästina-Vortragsreihe an der LMU

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Andreas Kaplony, Lehrstuhlinhaber für Arabistik und Islamwissenschaft und Organisator der dreitägigen Reihe, appellierte: Löst euch von eurem Tunnelblick!
Andreas Kaplony, Lehrstuhlinhaber für Arabistik und Islamwissenschaft und Organisator der dreitägigen Reihe, appellierte: Löst euch von eurem Tunnelblick! Robert Haas
  • Die zunächst abgesagte Palästina-Vortragsreihe an der LMU fand nach Überarbeitung und mit anderen Referenten statt.
  • Organisator Andreas Kaplony appellierte an alle Beteiligten, den „Tunnelblick“ zu überwinden und auch das Leid der anderen Seite zu sehen.
  • Die ersten Veranstaltungen verliefen ohne Antisemitismus-Vorfälle, das Publikum war mehrheitlich propalästinensisch eingestellt.
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Die Veranstaltung war nach Kritik zunächst abgesagt worden. Nun findet sie doch statt – überarbeitet und in größerem Rahmen. Beim Auftakt bleibt der Antisemitismus-Alarm stumm, emotional wird es trotzdem.

Von Bernd Kastner

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Die Tür zum Hörsaal quietscht bei jedem Öffnen, die Klappstühle klappern, die lädierten Tischchen scheppern beim Runterklappen. Vorn steht ein Professor in Anzug und Krawatte und spricht in nüchternem Ton. Ganz normales Uni-Geschehen, eigentlich. Der Hörsaal ist locker besetzt, vielleicht 50 Personen sind da, allein die breite Altersspanne bis ins fortgeschrittene Alter lässt ahnen, dass das Thema auch außerhalb der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) interessiert. Palästina, Israel. Der Konflikt, der Krieg. Die Veranstaltungsreihe dazu war zum Politikum geworden.

Das spricht Andreas Kaplony, Lehrstuhlinhaber für Arabistik und Islamwissenschaft und Organisator der dreitägigen Reihe, gleich an. „Ich habe verstanden, wie wichtig es ist, ein solches Thema richtig zu rahmen.“ Deshalb habe er das Angebot der Unileitung, die Reihe neu und größer aufzuziehen, „dankbar angenommen“. Unter ihrem neuen Präsidenten Matthias Tschöp hatte die LMU die zunächst für November geplante Reihe abgesagt, nachdem es Kritik gegeben hatte, auch aus der CSU-Landtagsfraktion: Zu einseitig wäre die Reihe geworden, zu kritisch der zu erwartende Blick auf Israel.

Nun also, neu konzipiert mit anderen Referenten, dreimal vier Stunden Vorträge und Diskussionen: über den „Sehnsuchtsort Palästina“, übers Reden in Deutschland über Palästina, und am 21. Mai über das dortige Bildungssystem. Er habe mit vielen Menschen das Konzept gründlich besprochen, sagt Kaplony, unter dem Programm finden sich die Namen zahlreicher Professorinnen und Professoren als „Unterstützer“.

Nach vier besuchten Vorträgen kann gesagt werden, dass kein Antisemitismus-Alarm ansprang, dass es ein interessanter, akademisch-politischer Austausch wurde, in dem das Emotionale durchschimmerte. Er mündete in einen wissenschaftlich grundierten politischen Appell des Organisators an alle Interessierte, im Hörsaal und außerhalb: Löst euch von eurem Tunnelblick!

Kaplony beschäftigt sich mit Palästina und Jerusalem als Sehnsuchtsorte und legt über die Jahrtausende dar, welche Völker dort lebten und leben. Wie nach und nach drei Religionen das Gebiet beanspruchten, Juden, Christen, Muslime. „Alle träumen von Jerusalem“, fasst Kaplony zusammen. Eines der ersten schriftlichen Dokumente, das die Sehnsucht belege, stamme von Juden, verfasst im babylonischen Exil, daraus auch das Zitat, mit dem Kaplony seinen Vortrag überschreibt: „Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, soll meine Rechte verdorren.“ So stark die Anziehung, so gewaltsam immer wieder das Ringen um die Vorherrschaft in diesem „Land des Glaubenskampfes“.

„Wir müssen irgendwie einen Weg finden“, raus aus der Gewaltspirale, sagt Arabistik-Professor Kaplony

Im Publikum, erkennbar mitunter an Kleidungsstücken, vor allem aber in der Diskussion, sind jene mit propalästinensischer Einstellung in der Mehrheit. Deutlich wird das auch beim Vortrag von Sarah El Bulbeisi, Akademische Rätin am LMU-Institut für den Nahen und Mittleren Osten. Sie spricht über „Tabu und Trauma“, über das Leiden während der Nakba, der Vertreibung Hunderttausender Palästinenser im Kontext der Staatsgründung Israels.

Diese Gewalterfahrung und ihre transgenerationale Wirkung sei in Deutschland noch immer kaum bekannt. Die Erinnerung daran werde oft als Konkurrenz zum Holocaust-Gedenken wahrgenommen, werde tabuisiert, beklagt El Bulbeisi. Inzwischen verbreite sich in Palästina die Ansicht, dass die Nakba ein Prozess sei, der bis heute andauere. Ihr Tenor: Auch Palästinenser wollen mit ihrer Geschichte wahrgenommen werden, in Palästina und in der Diaspora. Das Hörsaal-Publikum hört gebannt zu und dankt El Bulbeisi vielfach für ihre Perspektive.

Es ist Andreas Kaplony, der Arabistik-Professor, der eine Klammer liefert, mitunter das Politische einschließend. Die aktuelle Lage in Israel und Palästina beschreibt er als „Albtraum für alle Beteiligten“, alle seien „im Teufelskreis der Gewalt gefangen“. Jede Seite, jede Partei sei überzeugt, im Recht zu sein. Kaplony gesteht dieses Gefühl auch allen zu, es habe auch jeder aus seiner Perspektive recht. Er verstehe das, denn jeder blicke mit seinem „Tunnelblick“ auf das Geschehen. Also wünsche er sich, dass die Beteiligten ihren Blick weiten und versuchen, auch das Leid der anderen zu sehen.

Kaplony betont, er sehe seine Aufgabe im Erklären, um das Geschehen in Israel und Palästina zu verstehen. Er schließt mit einer Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg in Deutschland, der 1648 endete: Auch hier seien Katholiken und Protestanten jeweils überzeugt gewesen, im Recht zu sein. Irgendwann aber hätten beide Seiten eingesehen: „Es langt.“ Das wünscht sich Kaplony auch für Israel und Palästina: „Wir müssen irgendwie einen Weg finden“, raus aus der Gewaltspirale. „Es langt einfach.“

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