Es beginnt mit einem Gewehr und endet mit einem Gewehr. Zunächst ein Schuss in den piemontesischen Alpen, schließlich der Griff zur Waffe an der EU-Außengrenze zur Türkei. Dazwischen die Selbstfindung zweier Frauen, die die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben haben.
Die Ich-Erzählerin in Anja Gmeinwiesers Debütroman „Wir Königinnen“ (Berlin Verlag) wandert in Norditalien gegen eine diffuse Leere im Leben an. Die 37-Jährige fühlt sich „in der Wirklichkeit verrutscht. Als würde ich ein paar Millimeter neben mir stehen“. Zu Hause gibt es Swen, ihren Freund, Sarah, ihre Schwester, und dann ist da noch ihr Chef. „Es fehlt mir an nichts“, redet sie sich ein. Doch sie weiß: Ihre Welt ist aus den Fugen geraten.
Vier Wochen krankgeschrieben, Flucht nach vorn, Handy weg. In der selbst gewählten Bergeinsamkeit bereitet sie Spaghetti auf dem Gaskocher zu, als plötzlich eine Frau mit Gewehr vor ihr steht, kurz zuvor ist ein Schuss gefallen. „Ich hätte jemand anderes erwartet: Bauch, Bart, Bud Spencer“, denkt die Erzählerin über die Gleichaltrige in Jeans, Flip-Flops und kariertem Hemd.
Anna, so heißt die Fremde, hat mit Bud Spencer allenfalls die italienische Herkunft und die Dampfhammer-Courage gemeinsam. Anna ist Lkw-Fahrerin und transportiert trächtige Kühe von Frankreich in die Türkei. Bis der Abzug des Gewehrs am Ende noch einmal gedrückt wird, werden die zwei zu Komplizinnen bei den Widrigkeiten des modernen Lebens. Sie brüllen Schimpftiraden in den Lärm vorbeirauschender Autos, bedienen das breite Spektrum der Emotionen. Es wird gekotzt, gestritten, geküsst, gevögelt. Ein Leben endet, ein Leben beginnt. Dazwischen: vitale Freude am Diskurs.
„Wir Königinnen“ ist kein Plot-getriebener Roman, vielmehr eine literarisch spannende Momentaufnahme. Das Psychogramm zweier Frauen Mitte dreißig, verpackt als sommerheiße Roadnovel mit zarter Liebesgeschichte und – sozusagen als Bremsspur – nachhaltiger Gesellschaftskritik.

Literarisch spannend ist der Text vor allem deshalb, weil sich Autorin und Verlag getraut haben, die Hauptfiguren in einem realistischen Mix aus Englisch (ohne Übersetzung) und den deutschen Ergebnissen einer Übersetzungs-App miteinander sprechen zu lassen. Einmal sind die KI-Texthäppchen voller Fehler, einmal annähernd poetisch: „Aber wenn ich einen Lkw fahre, bin ich der Puls aller. Ich bin das Blut, das alles vorantreibt. Ohne uns geht nichts.“
Nicht nur bei den Dialogen, auch erzählerisch hat Gmeinwieser einen eigenen Sound entwickelt. Hier poetisch, da klar. Viele kurze Sätze. Ein ruheloser Geist. Mal atemlos wie der Sex. Mal laut beim Fluchen. Mal tief wie die Angst.
Die Themen, die der Roman setzt, sind brennend aktuell, brennend wie der Asphalt in Slowenien. En passant geht es um Solidarität unter Frauen, Lebenssinn und Alltagskraft, es geht um Ausbeutung, Profitgier und Arbeitsbedingungen, um Tierwohl und Verantwortung. „Ich regiere nicht die Welt“, lässt Annas digitale Übersetzerin mitteilen, „ich mache nur meinen Job.“ Und im Laderaum mit den Kühen steigt die Temperatur, je länger die Fahrt in Richtung Türkei dauert.

Anja Gmeinwieser, geboren 1989 in Mainburg, hat Soziale Arbeit sowie Politik-, Theater- und Medienwissenschaften in München und Erlangen studiert. Sie war Teilnehmerin der Schreibakademie BAS im Literaturhaus München (2022/2023). Noch vor der Veröffentlichung ihres ersten Romans wurde bekannt, dass sie den renommierten Literaturpreis der Stadt Fulda erhält, für das „literarisch bedeutendste Romandebüt der Buchsaison Herbst 2025/Frühjahr 2026“. Die Auszeichnung ist mit 10 000 Euro dotiert.
Nun, da „Wir Königinnen“ erschienen ist, stellt die Sozialarbeiterin aus der Nähe von Nürnberg ihr Buch mehrfach in Bayern vor. Zum Auftakt geht es dorthin zurück, wo ihre Reise begonnen hat: Am 3. März ist sie im Literaturhaus München zu Gast, gemeinsam mit Katinka Ruffieux („Zu wenig vom Guten“), präsentiert und moderiert von Meike Rötzer und Katrin Lange.
Anja Gmeinwieser: „Wir Königinnen“, Berlin Verlag, Lesungen (Auswahl): Dienstag, 3. März, 19 Uhr, Literaturhaus München, Donnerstag, 12. März, 20 Uhr, Wortspiele Festival München, Ampere, Donnerstag, 7. Mai, 19 Uhr, Fanny liest, München

