Jubiläum:Münchner Literaturhaus wird 25 Jahre alt

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Jubiläum: Von vorne allzeit hui, von hinten derzeit pfui: das Literaturhaus München.

Von vorne allzeit hui, von hinten derzeit pfui: das Literaturhaus München.

(Foto: Catherina Hess)

Das Konzept, inzwischen international erfolgreich, hat sich auch in München gegen alle Widerstände behauptet. Was nun zum Jubiläum geplant ist.

Von Antje Weber

"Werte, die bleiben": Mit diesen Worten wirbt die Bayerische Hausbau auf dem hinteren Salvatorplatz für ihr Werk. Es ist weder zu übersehen noch zu überhören. Es rattert, knattert, kreischt, schließlich baut sich ein Luxushotel in der einstigen Staatsbank nebenan nicht von allein. Gewiss entstehen dort für die Investoren bleibende Werte. Aber stifteten die nicht einst die Dichter?

Je nun, die Dichter. Die dürfen zwar das stattliche Literaturhaus am Salvatorplatz ihr Zuhause nennen. Wenn sie dort abends aus ihren Büchern lesen, werden sie allerdings noch bis Ende 2023 immer wieder von Techno-Bässen der Bauarbeiter durchgerüttelt werden. Auch die Liegestühle für die "Sommerlese", die traditionell hinter dem Haus auf dem Salvatorplatz stattfindet, werden in diesem Juli wegen all der Container halt nicht draußen, sondern drinnen aufgestellt. So sieht's aus, im Herzen Münchens, im Jahr 2022.

Nein, dem Kulturpessimismus will dieser Text dennoch nicht viel Raum geben. Man könnte es ja auch freundlich so formulieren: Unsere Gesellschaft befindet sich im Umbau, fortwährend. Und das Literaturhaus spiegelt diese Umbauprozesse wider, innerlich und äußerlich, seit einem Vierteljahrhundert.

"Genie-Simulantentum" befürchtete einst Joachim Kaiser

25 Jahre Literaturhaus sind in diesem Sommer zu feiern, ob drinnen oder draußen; dass es dazu kommen konnte, ist keineswegs selbstverständlich. Wer das Münchner Kulturleben seit Jahrzehnten mitverfolgt, erinnert sich an die Widerstände, die dieses Projekt bei der Gründung begleiteten. Erinnert sich, nur zum Beispiel, an einen "Einspruch" des SZ-Kritikers Joachim Kaiser: "Literaturhaus: was für ein Donnerwort, was für eine Alibi-Unternehmung, was für ein Pseudo-Aktivismus in dürftiger Zeit", schrieb er 1996. Und: "Literaturhaus-Zentralisierung des Geistigen, unkt mein Gefühl, hat mit Wichtigtuerei zu tun, mit Geschäftigkeit aus rastloser Impotenz, mit Genie-Simulantentum". Kaisers Skepsis verflog mit den Jahren, spätestens mit der Literaturhaus-Ausstellung zu seinen Ehren 2003.

Widerstände verstummen zu lassen, Kritiker für das Projekt einzunehmen, das verstanden die Gründerväter ausgezeichnet, und auch die derzeitige Chefin Tanja Graf beherrscht die Kunst der Diplomatie, gepaart mit Überzeugungskraft. Die Grundsteine für dieses Institut zur "Zentralisierung des Geistigen" jedoch, um kurz in die Vergangenheit zu schweifen, legten Anfang der Neunzigerjahre Ulrich Wechsler als Stiftungsvorstandsvorsitzender und Reinhard G. Wittmann als Gründungs- und langjähriger Leiter. Sie überzeugten die Stadtspitze davon, dass eine Professionalisierung des Lesungsangebots geboten und die ehemalige Mädchenrealschule am Salvatorplatz dafür herzugeben sei. Sie dachten sich die Stiftungsform der Public Private Partnership aus, bei der zwar insbesondere die Stadt die - nach schwierigen Pandemiejahren wieder stabile - Finanzierung sichert, doch zusätzliche Geldgeber wichtig sind, ob Freistaat oder Verlage; die Pacht für die Brasserie sowie Vermietungen sind ebenso nötige Einnahmequellen.

Jubiläum: "Die Idee des Literaturhauses hat Schule gemacht", sagt Tanja Graf, Leiterin des Literaturhauses München.

"Die Idee des Literaturhauses hat Schule gemacht", sagt Tanja Graf, Leiterin des Literaturhauses München.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Diese Basis machte eine "tolle Erfolgsgeschichte" möglich, wie Tanja Graf sagt. Man kann ihr nicht widersprechen; das Modell hat sich flächendeckend durchgesetzt, von Basel bis Rostock, von Norwegen bis Kroatien: "Die Idee des Literaturhauses hat Schule gemacht." Das Angebot, hochrangige Autoren in stimmiger Umgebung live zu erleben, wird vom Publikum nach wie vor geschätzt. Auch wenn es seinen Preis hat: Ein Lesungsticket in München kostet inzwischen stolze 15 Euro, "und dabei wird es nicht bleiben", sagt Graf. Die Streams etwa, die mit kürzlich erworbener Technik - "wir müssen konkurrenzfähig bleiben" - weiterhin angeboten werden sollen, sind teuer. Auch die Honorare seien enorm gestiegen; viele Autoren finanzieren über Lesereisen und damit Selbstvermarktung ihren Lebensunterhalt. Ein Modell, das man nicht mögen muss; der Literaturveranstalter Thomas Kraft etwa forderte jüngst im Börsenblatt einen grundlegenden Wandel, insbesondere mehr staatliche Unterstützung. Ein Wunschtraum?

Tanja Graf beschäftigen andere Probleme. Sie und ihr kleines Team müssen 200 Veranstaltungen im Jahr stemmen, Ausstellungen mitkuratieren, eine Schreibakademie am Laufen halten. Sie versuchen, das "anspruchsvolle und informierte" Stammpublikum zu halten und ständig neues, auch jüngeres hinzugewinnen, mit einer großen Bandbreite an Themen und Autoren, "von Margarete Stokowski bis Martin Walser". Dennoch wird nicht jeder im Programm alles finden, was ihm persönlich gefällt. Tanja Graf selbst ist es besonders wichtig, "die weibliche Perspektive verstärkt einzubeziehen", mit Lesungen von Nino Haratischwili bis Helga Schubert. Krimis und Kinder etwa kommen eher in den Schreibwerkstätten vor. In diesem Herbst allerdings wird man sehen, wie sich viel Kindergewusel im Haus anfühlt: Beim Literaturfest wird die Bücherschau, aus dem Gasteig vertrieben, erstmals in die Ausstellungshalle ziehen. Graf freut sich: "Gerade im Jubiläumsjahr ist das ein Statement der Geschlossenheit."

Ein Statement ist gewiss auch, dass es in diesem Jahr beim Literaturfest nicht nur ein Forum geben soll, das von der ukrainischen Schriftstellerin Tanja Maljartschuk kuratiert wird. Sondern, erstmals, eine zweite "Münchner Schiene": Der Schriftsteller Benedikt Feiten entwickelt ein Programm, das "der Vernetzung und Neuentdeckung Münchner Autorinnen und Autoren" gewidmet ist. Nicht nur damit, sondern mit etlichen Abenden mit Münchner Autoren und Übersetzern entkräftet Graf den vor Jahren oft erhobenen Vorwurf, das elitäre Haus kümmere sich zu wenig um die heimische Szene.

Jubiläum: "Herrlich war´s in der Germanistenhölle": Gästebucheintrag des Zeichners Nicolas Mahler, dem das Literaturhaus 2019 eine Ausstellung widmete.

"Herrlich war´s in der Germanistenhölle": Gästebucheintrag des Zeichners Nicolas Mahler, dem das Literaturhaus 2019 eine Ausstellung widmete.

(Foto: Literaturhaus)

Es ist eine Gratwanderung, "jedes Jahr das Top-Niveau zu halten", wie Graf sagt, und sich gleichzeitig für Neues zu öffnen - auch für veränderte Erwartungen des Publikums. Die Seh- und Hörgewohnheiten haben sich weiterentwickelt: Die einstige reine Wasserglas-Lesung wird heute durch Hintergrund-Bilder auf der LED-Wand untermalt; da die Aufmerksamkeitsspanne schrumpft, wird weniger gelesen und mehr gesprochen. Dazu wolle sich nicht nur die junge Generation, social-media-geprägt, mehr selbst einbringen, mitmachen, sagt Graf. Weshalb man sich fürs Jubiläumsprogramm, das am 4. Juli beginnt, die Frage stellte: "Was können wir unserem Publikum zurückgeben?" Zum einen kann es wie immer live Autoren lauschen, von Katerina Poladjan bis Gerhard Polt. Bei freiem Eintritt bietet man zum anderen zwei Reihen an: eine rückwärtsgewandte mit literarischen "Dauerbrennern" der vergangenen 25 Jahre. Und eine zukunftsträchtige, bei der die Literaturfans in offenen Lesekreisen Bücher des Herbstes vorab lesen und diskutieren dürfen, Werke von Éduard Louis, Dörte Hansen, Martin Kordić.

Ein Fest gehört natürlich auch dazu, unter dem Motto "Wenn wir uns was wünschen dürften...". Damit will Graf den Traum sommerlicher Sorglosigkeit anklingen lassen, jenseits von Pandemie und Krieg. Den einen oder anderen konkreten Wunsch hat sie jedoch auch. Obwohl sich weitreichende Umbaupläne vom Amphitheater bis zum Dachgarten, von den Architekten Kiessler+Partner schon vor Jahren in eine Machbarkeitsstudie gegossen, derzeit nicht umsetzen lassen: Zumindest den Eingang will Graf aufwerten lassen.

Denn interessant ist es ja doch, sich rückblickend noch einmal klarzumachen, wie wenig Vertrauen man vor 25 Jahren in das Konzept Literaturhaus setzte: Man schlug den Haupteingang dem Café zu, während die Freunde der Literatur sich bis heute durch eine Seitentür ins Treppenhaus schleichen. Eine neue Lichttechnik immerhin soll den Bereich bald einladender machen. Wer immer an den Baumaschinen vorbei zum Eingang stapft, der weiß ja: Dies sind Werte, die bleiben.

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