Literatur Das sind Münchens größte Schriftsteller

Carry Brachvogel

(Foto: Münchner Stadtmuseum/oh)

Zum ersten Mal gibt es einen Abriss über die Literaturgeschichte der Stadt - vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Ein großes Projekt mit kleinen Lücken.

Von Antje Weber

Eigentlich sollte es nur eine "Kleine Literaturgeschichte Münchens" werden. Angesichts von mehr als 600 Seiten wurde dann aber nicht nur den Herausgebern Waldemar Fromm, Manfred Knedlik und Marcel Schellong, sondern auch ihrem Verleger klar: Klein ist das nicht. Und so heißt der jüngst im Verlag Friedrich Pustet erschienene Band nun so schlicht wie selbstbewusst "Literaturgeschichte Münchens".

Es sei der erste Versuch, einen Abriss über die Literatur der Stadt zu geben, schreiben die Herausgeber mit einigem Stolz: "Eine Geschichte der Literatur Münchens von den Anfängen bis zur Gegenwart gibt es bisher nicht." Beziehungsweise gibt es sie nun doch - und das ist höchst verdienstvoll, auch wenn sich das dicke Buch streckenweise etwas akademisch spröde liest und bei der Gegenwartsliteratur ein paar Lücken schmerzen.

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Die Aufgabe war aber auch kniffelig: Wo beginnen, bei wem aufhören? Die Herausgeber und vielen Mitautoren des Bandes - ein Who is Who der Münchner Germanistik, von Sven Hanuschek über Elisabeth Tworek bis zum jüngst verstorbenen Wolfgang Frühwald - lehnten sich an das Konzept einer "kleinen Literatur" an, der literarische Orte und Räume angehören. Sie wollten lokale Entwicklungen beschreiben, ohne globale Zusammenhänge zu vergessen. Als Beispiel nennen sie das Exil etlicher Autoren von Oskar Maria Graf bis Thomas Mann während des Nationalsozialismus; auch das gehört selbstverständlich zu einer Literaturgeschichte Münchens. Aber von Anfang an.

Mittelalter und Barock

In ausführlichen Darstellungen der Literatur des Mittelalters und des Barock bemühen sich die Autoren redlich, dem Verdikt von unter anderen Heinz Schlaffer zu widersprechen, auf der Landkarte der deutschen Literatur hätten Bayern und Österreich "vom 16. bis zum 19. Jahrhundert leere Flächen" gebildet und vor Karl Valentin und Bert Brecht habe es keine bayerischen Dichter gegeben, "die mehr als eine lokale Erscheinung gewesen wären". Für das Mittelalter verweisen die Autoren da auf den Arzt und Gelehrten Johannes Hartlieb, auf den "bayerischen Marco Polo" Hans von Schiltberg oder auf Johannes von Indersdorf. Auch der berühmte Meistersinger Hans Sachs übte sich hier zumindest in seiner Kunst: "Doch eins noch ist, weßhalb mir blieb / Stadt München stets vor allen lieb,/ Das ist: ich hab hier mit Bedacht / Mein allererstes Lied gemacht."

Was die Zeit des Humanismus angeht, liest man allerdings doch: Das literarische Schaffen sei "rege und gattungsreich, doch mangelt es an großen Namen", abgesehen vom Wirken eines Johannes Aventinus. Er allerdings musste, wie andere Humanisten, Bayern in späteren Jahren "aus konfessionellen Gründen" verlassen: Der Hof der Wittelsbacher "setzte der freien Entfaltung der Geister zunehmende Grenzen". Im Zeitalter des Barock wurde der von Herzog Albrecht V. an die Isar berufene Jesuitenorden immer wichtiger, München immer mehr zum "geistigen Zentrum der katholischen Erneuerung und Gegenreformation im deutschsprachigen Kulturraum". Will heißen: Es ging erzkatholisch zu.

18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert jedoch kam aufklärerische Dynamik in die Stadt. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften wurde gegründet, der Jesuitenorden aufgehoben. Ein "relativ autonomes" Literatursystem entstand, wenn auch immer wieder eingeschränkt. Debatten und Streit prägten das Verhältnis von Autoren, Buchdruckern und Verlegern. So gab es da zum Beispiel den "machtbewussten und in seinen Mitteln rücksichtslosen Aufsteiger Johann Baptist Strobl", der schnell zum führenden Verleger aufstieg. Aufklärerisch gesinnte Adlige, Geistliche, Lehrer und Beamte abonnierten in dieser Zeit auch Lorenz Westenrieders "Baierische Beyträge zur schönen und nützlichen Litteratur".

19. Jahrhundert

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling.

(Foto: SZ-Photo)

Auch die Entwicklung der Romantik stand in München noch in diesem "Spannungsfeld von aufklärerischen Tendenzen und Katholizismus". München galt im 19. Jahrhundert eher als Kunst- denn als Literaturstadt. Doch fühlten sich hier offensichtlich auch Dichter wie Clemens Brentano wohl, befördert durch die Gastfreundschaft des an die Isar berufenen Naturphilosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling samt Ehefrau Caroline Schlegel-Schelling. Das philhellenische München unter Ludwig I. wurde allmählich auch bei den Literaten populär, sogar Heinrich Heine zog zeitweise in die Stadt, weil er - vergeblich - auf eine LMU-Professur hoffte. Über den nicht nur mit Stein, sondern auch mit eigenen Gedichten erbauenden König spöttelte er: "Herr Ludwig ist ein großer Poet, / Und singt er, so stürzt Apollo / Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht: / Halt ein, ich werde sonst toll, o!"

Ludwigs Sohn und Nachfolger Maximilian II. setzte weiterhin auf Berufungen und holte trotz mancher Proteste bayerischer Autoren einige prominente Nordlichter in die Stadt: Emanuel Geibel, Friedrich Bodenstedt und Paul Heyse; das literarische Leben wurde geprägt durch Salons und Dichtervereinigungen wie die "Krokodile".

Frühes 20. Jahrhundert

Um 1900 schließlich war München endgültig schwer in Mode und zog immer mehr Boheme an: Als "Paradies und Hexentanzplatz" erschien es einem Franz Hessel. In den Salons, zum Beispiel einer Carry Brachvogel, wurde auch die Emanzipation der Frauen vorangetrieben. Vertreter der Münchner Moderne wie Michael Georg Conrad oder Otto Julius Bierbaum sorgten für eine "Lufterneuerung".

Endlich entwickelte sich auch ein "eigenständiger München-Roman"; von Paul Heyses "Im Paradiese" über Franziska zu Reventlows "Herrn Dames Aufzeichnungen" über Josef Ruederers "Das Erwachen" bis hin zu Feuchtwangers "Erfolg". Überhaupt wären unzählige berühmte Namen zu nennen, die in diesem Buch auch alle nach Kräften gewürdigt werden; Stefan George ebenso wie Ludwig Thoma, Lena Christ oder Frank Wedekind. Die Schriftsteller der Räterevolution 1918/19 sind ebenso präsent wie - nun also endlich! - Karl Valentin und Bert Brecht. Ausführlich werden, wie angekündigt, auch jene vorgestellt, die während des Nationalsozialismus flüchten mussten: von der Familie Mann bis zu Grete Weil oder Annette Kolb.

Nachkriegszeit

Franz Xaver Kroetz.

(Foto: Dpa/Tobias Hase)

Schön ist auch die Ausführlichkeit, mit der die Literatur der Nachkriegsjahre bis hin zu den Achtzigern Eingang in die Literaturgeschichte Münchens findet. Das Spektrum reicht von der Dichterin Dagmar Nick bis zur Satirikerin Gisela Elsner, von Herbert Rosendorfer bis zu Paul Wühr oder Uwe Timm. Selbst die beklemmenden München-Texte einer Marie Luise Kaschnitz, die allerdings nur ein knappes Jahr hier lebte, werden aufschlussreich analysiert. Und natürlich sind auch rebellische Autoren wie Rainer Werner Fassbinder, Franz Xaver Kroetz, Martin Sperr und Herbert Achternbusch eng mit Münchens Literaturgeschichte verbunden.

Gegenwart

Am interessantesten und naturgemäß problematischsten wird die Auswahl, je näher es in Richtung Gegenwart geht. Kein Wunder, denn die Kanonisierung der Schriftsteller von heute ist ja noch in vollem Gange. Die Autoren des Bandes haben sich bemüht, den popkulturellen Entwicklungen seit den Siebzigern gerecht zu werden, in denen ein Thomas Meinecke nach "Roxy Munich" zog, Andreas Neumeister oder Rainald Goetz den Sound prägten. Und sie würdigen exemplarisch Autoren wie Keto von Waberer, Hans Pleschinski, Patrick Süskind, Matthias Politycki oder Ulrike Draesner. Um möglichst viele Namen zumindest antippen zu können, erhalten auch die Genres des Krimis und der Lyrik eigene Beiträge. Natürlich ist da keine Vollständigkeit möglich. Eines erstaunt allerdings doch: Einerseits beschwört man die "Glokalisierung", widmet sich dem Thema Exil und bezieht auch immer wieder Autoren ein, die nur kurz in München lebten. Andererseits werden ausgerechnet die Stimmen zuletzt zugewanderter Schriftsteller ganz ausgeblendet. Dabei war gerade München zu Zeiten des Eisernen Vorhangs der Zufluchtsort mancher Dissidenten, etwa des tschechischen Schriftstellers Ota Filip. Seit Jahrzehnten lebt der iranische Dichter Said hier im Exil. Zuletzt fiel Abbas Khider auf, der nach seiner Flucht aus dem Irak einige Jahre in München lebte und schrieb. Sie alle kommen in diesem Band nicht vor.

Überhaupt gibt es noch ein paar klingende Namen, die man gerne in einer solchen Literaturgeschichte genannt wüsste; Petra Morsbach zum Beispiel, Doris Dörrie oder Gerhard Köpf. Auch das Phänomen der überaus vitalen Poetry-Slam-Szene hätte zumindest eine Erwähnung verdient. Vielleicht in der nächsten Ausgabe? Dann könnte man diesem bereits jetzt alles andere als kleinen Werk gerne auch den Titel "Große Literaturgeschichte Münchens" geben.

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