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Literaturfest:Wenn München zur Bücherstadt wird

Literaturfest München Eröffnung Gasteig Carl-Orff-Saal

Das Literaturfest 2019 wird an diesem Mittwochabend im Gasteig eröffnet.

(Foto: Florian Peljak)

An diesem Mittwoch beginnt das Literaturfest. Es wird zehn Jahre alt - und das ist nicht der einzige Geburtstag, der zu feiern ist. Zu diesem Anlass neun Erinnerungen an und eine Vision für diese Institution.

Alle Termine und Veranstaltungsorte des Literaturfests 2019 finden Sie hier.

Die Eröffnung

Eine Drehtür sei eine Transitzone, wurde die Schriftstellerin Katja Lange-Müller bei der Eröffnung des Literaturfests 2016 in einem Film zitiert: "Man ist nicht drinnen und nicht draußen." So verhält es sich auch mit den Festival-Eröffnungen im Gasteig: Mal gelangt man sicher ins Innere, mal scheint es nur bei schnellem Gekreise zu bleiben. Insgesamt, so kann man sagen, ist das Programm im Laufe der Jahre immer stimmiger geworden. Die bisher vielleicht beste Eröffnungsfeier erlebte das Publikum 2016. Dazu trugen nicht nur die hübschen Filme von Andreas Ammer bei, nicht nur die besonders souveräne Moderation von Luzia Braun. Sondern auch eine sprachmächtige Kuratorin Elke Schmitter und Gäste wie Hinemoana Baker: Die lässige Singer-Songwriterin mit maorischen und Oberammergauer Wurzeln versetzte die Luft in geradezu sphärische Schwingungen - entrückend. Antje Weber

Die Premiere

Beim ersten Münchner Literaturfest im Jahr 2010 roch alles nach Aufbruch. Entsprechend war die Wahl des Kurators für das nagelneue Forum:Autoren auf einen Reisenden gefallen: Ilija Trojanow. Trojanow, der seine Erfahrungen auf Reisen und die Gedanken darüber zu Büchern macht, inszenierte in seinem geballten Programm unter anderem "Eine Geschichte, die weitergeht". Das war ein literarischer Gang durch München in mehreren Stationen, bei dem gegensätzliche Schriftstellerkollegen aus verschiedenen Ländern mit ihren Beiträgen aus der Münchentour eine Weltenwanderung machten. Auch eine Zeitenwanderung - zumindest in der eindrücklichsten Station, der damals 60 Jahre alten Tolstoi-Bibliothek in der Thierschstraße. Dort fühlte man sich, dank des russisch-tschetschenischen Poeten German Sadulajew, die Patina von alten Büchern atmend und umgeben von leise russisch parlierenden Damen, um mindestens 200 Jahre zurückversetzt. Unvergesslich! Eva-Elisabeth Fischer

Das Symposium

Was ist Lüge, was Wahrheit? Auch wenn es auf diese Fragen in den beiden Symposien 2017 keine eindeutigen Antworten gab, wurde doch eines klar: Der Mensch liebt als "homo narrans" gute Geschichten. Doris Dörrie, damals Forum:Autoren-Kuratorin, hatte das Motto "Alles Echt. Alles Fiktion" gewählt und Biologen, Hirnforscher, Philosophen, aber auch eine Zen-Meisterin oder den Kulturtheoretiker Klaus Theweleit eingeladen, nachzusinnen über das menschliche Bedürfnis, sich alles zusammenhängend zu erklären. Auch auf die Gefahr hin, die Wirklichkeit zu verbiegen, in Lebenslügen, Verschwörungstheorien und Fake News zu landen. Dank der klugen interdisziplinären Besetzung und konsequent eingehaltener Zeitpläne gelangen zwei ausnehmend anregende Nachmittage. Und stellenweise schaffte man es sogar, der Empfehlung der Zenmeisterin zu folgen, den Alltag der Selbstbezogenheit zu verlassen und nach heiterer Gelassenheit zu streben. Sabine Reithmaier

Der Spaßfaktor

Die wilde Wagentruppe um Clemens Meyer.

(Foto: Christian P Schmieder)

Widerspruch wird weggelacht! Auch wenn sich nicht alle für Clemens Meyers kuratorische Ideen erwärmen konnten: Das lustigste Event in zehn Jahren Literaturfest war zweifellos der Abend "Deutschland sucht den Superwagen". Man kann zwar nicht behaupten, dass damals Massen ins Mixed Munich Arts geströmt wären, um eine Parade skurriler Wägelchen über einen Laufsteg zu beobachten. Doch wer an jenem Abend dort war und offen fürs schön Blöde, der konnte sich einen abkichern, als die jurierenden Künstler und Autoren zum Beispiel einen Miniwagen, von Holger von Wägen mit einer platt gedrückten roten Milchkanne bestückt, als "Allegorie des Schmerzes" interpretierten. Absurderes Theater war beim Literaturfest nie. Doch das Motto des Forum:Autoren lautete 2014 ja nicht umsonst: "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod." Antje Weber

Die Bücherschau

Menasse macht's möglich. Der Carl-Orff-Saal ist der wohl schwierigste Saal des Gasteig - und man muss die mehr als 500 Plätze erst einmal besetzen. Für die Organisatoren der nunmehr 60 Jahre alten Münchner Bücherschau ist es daher nicht immer leicht zu entscheiden, welchen Autor man am besten in welchem Raum präsentiert. Bei Robert Menasse im Jahr 2017 ging das Kalkül wunderbar auf: der Saal ausverkauft, der Schriftsteller eloquent, die Zuhörer glücklich. Menasse zuzuhören, der für seinen Roman "Die Hauptstadt" soeben den Deutschen Buchpreis erhalten hatte, war wirklich eine Freude. Mit nicht nachlassender Begeisterung und profundem Wissen sprach er über sein Lieblingsthema, über Zustand und Zukunft der Europäischen Union - Sternstunden für Europa. Antje Weber

Die Wiedergänger

Salman Rushdie beim Diskutieren.

(Foto: Catherina Hess)

Martin Walser war jedes Mal da. Gefühlt zumindest. Der Eindruck trügt. Laut Statistik war der große alte Mann nur fünf Mal dabei. Nicht jeder seiner Auftritte in München findet eben auf dem Literaturfest statt. Aber trotzdem belegt er mit den fünf Teilnahmen einen Spitzenplatz. Nur Albert Ostermaier ist genauso oft da gewesen. Da der erst 51 Jahre alt ist, Martin Walser schon 92, könnte es gut sein, dass Ostermaier irgendwann noch Literaturfest-König wird. Sicher ist das nicht, weil einige andere Autoren den beiden dicht auf den Fersen sind: Hanns-Josef Ortheil, Navid Kermani, Alex Capus und Michael Krüger liegen mit bislang vier Teilnahmen ausgezeichnet im Rennen, verfolgt von einem breiten Dreier-Feld, in dem auch die ersten Frauen auftauchen: Sibylle Lewitscharoff, Herta Müller, Elke Heidenreich, Felicitas Hoppe. Männer gibt es hier auch reichlich, zu nennen wären Salman Rushdie, Rüdiger Safranski, Friedrich Ani oder John Burnside. Einen Negativrekord, was späte Absagen betrifft, gibt es übrigens auch. Den hält António Lobo Antunes. Der portugiesische Autor gab den Münchnern 2010 und 2015 einen Korb. Sabine Reithmaier

Der Geschwister-Scholl-Preis

Geschwister-Scholl-Preisträger Liao Yiwu.

(Foto: Kerstin Dahnert)

Liao Yiwu zog seine Flöte hervor, die er im Gefängnis zu spielen gelernt hatte. Und auch wenn es in der 40-jährigen Geschichte des Geschwister-Scholl-Preises viele bewegende Abende gab: Dieses Lied auf der Flöte im Jahr 2011 berührte besonders intensiv. Natürlich stoßen Bücher, die "moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut" fördern sollen, fast immer ins Herz der Finsternis vor. Doch ein kraftvoll schlichter Auftritt wie der von Liao Yiwu, ausgezeichnet für sein Werk "Für ein Lied und hundert Lieder" über seine Zeit in chinesischen Gefängnissen, kann den Schmerz manchmal beredter ausdrücken als viele Worte. Auch in diesem Jahr wird übrigens ein Gefängnis-Buch ausgezeichnet. Der türkische Schriftsteller Ahmet Altan wird wohl nicht zur Verleihung kommen können - doch dass er kürzlich aus der Haft entlassen wurde, kann, wer will, auch als neuerlichen Beleg für die enorme Bedeutung dieses Preises werten. Antje Weber

Die Orte

Carolin Emcke beim allerersten Literaturfest.

(Foto: Literaturfest)

Gleich am Anfang ging es rund: Kurator Ilja Trojanow verlegte 2010 Lesungen in die U-Bahn, ins Hotel, auf einen Friedhof. Originell war auch Clemens Meyer: Für sein Forum:Autoren an der Schnittstelle zwischen Kunst und Literatur zog er 2014 ins damals noch unbekannte Mixed Munich Arts - und ließ dazu noch einen "Laden für Nichts" hineinbauen. Kurator Ingo Schulze, der in diesem Jahr Umbrüche und Grenzen zum Thema macht, will ebenfalls ausschweifen: Mit Schriftstellerkollegen wird er in der JVA Stadelheim lesen, in einem Seniorenstift, beim Kinderprojekt Arche. Die Idee dahinter ist aber nicht, die Literaturgemeinde an ungewöhnliche Orte zu bewegen, sondern die Literatur zu denen zu bringen, die sonst nichts von ihr mitbekämen. Es gibt eben sehr unterschiedliche Grenzen und Schwellen. Überschreiten lassen sich fast alle. Antje Weber

Die Partys

Ein schwebender Kopf in der Bar Panoptikum.

(Foto: Catherina Hess)

Wohin mit sich nach dem Schlusspunkt, nach dem Ende der Reise in fantastische Bücherwelten? Diese Frage beschäftigt Leser wie Literaturfestgäste. Stilvoll weiterfeiern, die Nacht ist jung, poetisch nicht nachlassen, hochprozentige Hochkultur - Ansätze gab's zuhauf. Ob die "Séancen mit Substanzen" in der Schnapsbar oder, unvergessen, die Bar Panoptikum vor zwei Jahren. Hier, wo sonst die Ausstellungen des Literaturhauses locken, liebreizte eine schwebende Jungfrau in einem Kabinett des Staunens. Die Besucher berauschten sich nicht nur am farbengiftigen Gin Tonic namens "Illusionist", sondern auch am Nachtprogramm. Als Tobias Bamborschke von der Indie-Pop-Hoffnung Isolation Berlin Gedichte las und später sang, da geschah ein doppeltes Wunder: Endlich einmal rückte die unterschätzte Kunst schöner Songzeilen in den Fokus des Literaturfestes. Das Publikum: so jung wie selten. Bernhard Blöchl

Die Vision

Natürlich kann man nun so weitermachen. Und sich beim nächsten Jubiläum wieder darauf einigen, dass das Literaturfest ein großer Erfolg sei. Ist es auch. Doch so richtig zusammengefunden haben die beteiligten Akteure bisher nicht. Auch wenn das Getriebe geschmeidiger zu laufen scheint als vor zehn Jahren: Die ehrwürdige Bücherschau und das wendigere Forum:Autoren plus Literaturhaus-Tupfer passen nicht recht zusammen. Hinter den Kulissen klagt man übereinander, und dass die Bücherschau ausgerechnet im Jubiläumsjahr mit eigenem Motto aufwartet, wirkt irritierend. Vielleicht sollte man sich doch irgendwann im Guten wieder trennen - und mit dem Forum ins Frühjahr wechseln, wie einst? Das hätte zudem den Vorteil, dass man die Literaturfans nicht mit einem Überangebot überfordert. Oder zögert man, weil ein Groß-Festival besser Synergien bündeln und über München hinausstrahlen kann? Dann gerne weiter gemeinsam statt einsam. Aber vielleicht ließe sich doch mehr Leidenschaft füreinander aufbringen - auf dass sich die nächste Chronik des Literaturfests als reine Liebesgeschichte erzählen lässt. Antje Weber

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