Gleißende Sonne erhellt den Saal des Literaturhauses, München scheint die Fesseln des Winters abzustreifen. Ein Gefühl von Frühling, ja Freiheit liegt an diesem Mittwoch in der Luft, und es wird in der nächsten Stunde vielfach verstärkt werden: „Freiheit!“, heißt das Motto des nahenden Literaturfests. Und das Programm, das Kuratorin Dana Grigorcea und Literaturfest-Geschäftsführerin Tanja Graf vorstellen, bekräftigt: Das Ausrufezeichen ist berechtigt.
Es ist kein einfaches Thema, das die rumänisch-schweizerische Schriftstellerin gewählt hat. „Eine mutige Entscheidung“, kommentiert Fridolin Schley vom städtischen Kulturreferat in einem Grußwort. Nicht nur sei die fragile Freiheit in Zeiten von Kriegen, Rechtsruck und schwindenden Sicherheiten vielfältig bedroht, sie sei auch zu einer Art „Kampfbegriff“ geworden. Doch Grigorcea gelinge es klug, nicht nur eine spezielle Freiheitsform, sondern „das Phänomen“ zu beleuchten. Freiheit sei schließlich „kein Zustand, sondern ein Prozess, der immer neu ausgehandelt wird“.
Die „Power“ und den „Enthusiasmus“, mit dem Grigorcea alle im Vorfeld „regelrecht angezündet“ habe, vermittelt die charismatische Schriftstellerin dann auch selbst. „Wir haben uns an das vielleicht wichtigste Thema des Moments herangewagt“, sagt sie. Selbst in der Diktatur unter Nicolae Ceaușescu aufgewachsen, weiß sie nur zu gut: „Es gibt kaum ein Wort, das so oft gebraucht und missbraucht wird“. Umso mehr beschwört sie die Freiheit als das Thema der Kunst, denn: „Man braucht eine innere Freiheit, um zu schaffen.“ Kunst dürfe auch nicht nur utilitaristisch auf ihren Gebrauchswert abgeklopft werden. Vielmehr müsse man in diesen bedrückenden Zeiten „mit der Kunst die wahre Freiheit feiern“. Dazu gehört für Grigorcea auch „das Versonnene, die Sinnlichkeit des Lebens“.
Ihr Programm, bei dem Tanja Graf ihr stimmigerweise alle Freiheiten gelassen habe, spiegelt das wider. Stärker als bisher öffnet sich das Literaturfest anderen Sparten wie der Musik und der Kunst. In Opern zum Beispiel findet Grigorcea stets den „Drang nach Freiheit“, und darüber will sie mit Opernfan und Philosoph Peter Sloterdijk diskutieren. „Kunst als Widerstand“ wiederum hat der rumänische „Freedom Artist“ Dan Perjovschi für sich entdeckt. Er wird knapp zwei Wochen lang das Foyer im Literaturhaus mit seinen reduzierten Zeichnungen bemalen, und das Publikum darf mitmachen: „Kunst integriert alle“, sagt Grigorcea strahlend.
Es wird beim Literaturfest jedoch nicht nur um Akte künstlerischer Freiheit, sondern auch um Freiheit im konkreten Sinne gehen. Die Flötistin Maria Kalesnikava, die wegen ihres Einsatzes für die Demokratie in Belarus im Gefängnis saß, wird die Keynote bei der Eröffnung halten. Maria Aljochina, Mitgründerin des Performance-Kollektivs Pussy Riot, saß in Russland im Gefängnis, sie wird einen Tag später ihre Autobiografie vorstellen. Und die türkisch-kurdische Dichterin Meral Şimşek, vor einem Prozess ins Exil geflohen, hat für das Festival eigene Gedichte unter dem Titel „Songs of Freedom“ vertont.
An prominenten Namen – von Helga Schubert über Sharon Dodua Otoo bis Robert Menasse oder Navid Kermani, von der rumänischen Grande Dame der Literatur Gabriela Adameșteanu bis zum Konzert mit Daniel Kahn – ist auch sonst kein Mangel, und die unterschiedlichen Formate sind kaum zu zählen. Es gibt eine Gala zum Welttag des Buches, eine Art Mitmach-„Symposium“ am Wochenende, „Silent Reading“, Workshops, eine digitale Bühne und ein Kino-Programm, das Grigorcea nicht minder emphatisch anpreist.
Und dann ist da ja auch noch die „Münchner Schiene“, die mit weiteren 18 Veranstaltungen an neun Tagen auf sich aufmerksam machen will. Dorothee Lossin, Fachbereichsleiterin Literatur und Film der Münchner Volkshochschule, stellt es mit den beiden Kuratoren Christina Madenach und Christian Schüle vor. „Kein Buch fällt einfach so vom Himmel“, war der Ausgangspunkt ihrer Überlegungen, sie begeben sich daher in den „Werkraum der Literatur“ und würdigen die vielen Gewerke, die am Entstehungsprozess beteiligt sind.
Alles ist auch hier in Bewegung, das sollen neben einem Open House etwa Spaziergänge mit Autoren zeigen oder ein Wettstreit Mensch und Maschine. Besonders schön: Alle Veranstaltungen sind für die Besucher kostenfrei. Wie sagte eingangs Fridolin Schley: Vielen Menschen Zugänge zu Kultur zu ermöglichen – „auch das ist Freiheit“. Und wie war später auf der Leinwand des Literaturhauses zu lesen, als Zitat von Dana Grigorcea: „Wer für die Freiheit kämpft, gewinnt immer.“
Literaturfest München, 21. bis 30. April, Vorverkaufsbeginn am 1. März, Infos unter literaturfest-muenchen.de


