Programm 2026Was das Literaturfest München bietet

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Die belarussische Dissidentin und Musikerin Maria Kalesnikava wird bei der Eröffnung des Literaturfests am 21. April eine Rede halten.
Die belarussische Dissidentin und Musikerin Maria Kalesnikava wird bei der Eröffnung des Literaturfests am 21. April eine Rede halten. Sergei Gapon/afp

„Freiheit!“ ist das Motto des Literaturfests München. Lesungen und Diskussionen sowie Konzerte oder Comic-Workshops sollen die Möglichkeiten der Kunst ausloten. Auch eine „Münchner Schiene“ nimmt sich allerlei Freiheiten. Ein Überblick.

Von Antje Weber

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„Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“, lautet ein berühmtes Zitat der Politikerin Rosa Luxemburg. Beim diesjährigen Literaturfest München, das die Kuratorin Dana Grigorcea unter das Motto „Freiheit!“ gestellt hat, wird das immer mitschwingen. In Lesungen und Diskussionen, meist im Literaturhaus zu erleben, werden vom 21. bis zum 30. April unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen, in Ausflügen in die Kunst und die Musik so manche Genre-Grenzen überschritten. „Perspektivwechsel“ sind der Schriftstellerin ein Anliegen. Darum geht es auch der Münchner Volkshochschule, die für eine ergänzende „Münchner Schiene“ ein ambitioniertes Programm zusammengestellt hat, das den „Werkraum der Literatur“ besichtigt. Eine Übersicht.

Lesungen von Maria Aljochina bis Navid Kermani

Sich nicht einschüchtern lassen – das lebt Maria Aljochina, Mitgründerin von „Pussy Riot“, seit Jahren vor. Sie stellt beim Literaturfest ihre Autobiografie vor.
Sich nicht einschüchtern lassen – das lebt Maria Aljochina, Mitgründerin von „Pussy Riot“, seit Jahren vor. Sie stellt beim Literaturfest ihre Autobiografie vor. Vaclav Vasku/imago images/EST&OST

Die vielen Facetten der Freiheit ausloten – das ist, wie bei einem Literaturfest zu erwarten, zuallererst Anliegen etlicher Lesungen. Um die Folgen physischer Freiheitsberaubung geht es am ersten Festivaltag: Maria Aljochina, Mitbegründern des berühmten Performance-Kollektivs Pussy Riot, hat in Putins Russland im Gefängnis gesessen, was ihren Widerstandsgeist nicht minderte; am 22. April stellt sie im Literaturhaus ihre Autobiografie vor. Zuvor sind im Lyrik Kabinett die eritreische Dichterin Yirgalem Fisseha Mebrahtu, der syrische Autor Yassin Al-Haj Saleh und die türkisch-kurdische Dichterin Meral Şimşek zu erleben. Auch sie sprechen über politische Verfolgung und Literatur als Widerstand, und nicht zuletzt hat Şimşek einige Gedichte fürs Festival vertont: „Songs of Freedom“.

Wie bewahrt man sich zumindest eine innere Freiheit während einer Diktatur? Und wie lässt sich weiterschreiben, ohne Würde und Wahrhaftigkeit zu verlieren? Diese Gratwanderung ist der rumänischen Schriftstellerin Gabriela Adameşteanu gelungen, eine der bedeutendsten Stimmen ihres Landes. In ihrem neuen Roman „Stimmen auf Abstand“, der eigens zum Literaturfest in deutscher Übersetzung erschienen ist, erzählt sie, so die Ankündigung des Wallstein Verlags, von den „Verwerfungen einer Gesellschaft, die mit der Vergangenheit nie abrechnen wollte“ (24. April).

Wie viel Freiheit haben wir, auch wenn wir in demokratischen Gesellschaften leben, in unseren Lebensentscheidungen? Dies beschäftigt auf unterschiedliche Weise Robert Menasse (26. April) und Navid Kermani (28. April) in ihren neuen Romanen. Und welche Freiheit verschafft es, zwischen verschiedenen Sprachen und kulturellen Räumen wechseln zu können? Sharon Dodua Otoo wird davon anhand ihres neuen Romans „So, in etwa, ist es geschehen“ erzählen (29. April).

Auch die Freiheit, die das Lesen selbst vermittelt, wird am Welttag des Buches mit Autorinnen wie Doris Dörrie und Meike Winnemuth gefeiert (23. April, ausverkauft, aber Live-Übertragung auf Bayern 2) – und zum Abschluss des Literaturfests noch einmal mit Blick auf die USA bekräftigt, in beschwörenden Worten wie „I Have a Dream“ (30. April).

Diskussionen über Wehrpflicht und Völkerrecht

„Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“, erklärt Ole Nymoen in einem Buch gleichen Titels. Mit Artur Weigandt, der das ganz anders sieht, diskutiert er über die Wehrpflicht.
„Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“, erklärt Ole Nymoen in einem Buch gleichen Titels. Mit Artur Weigandt, der das ganz anders sieht, diskutiert er über die Wehrpflicht. Mark Bueschel

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will“, befand einst der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, „sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ Was aber soll der Mensch wollen, was ist das Richtige? Etliche Diskussionen beim Literaturfest machen deutlich, dass das nicht immer eindeutig ist. So diskutiert etwa der Strafrechtler und Autor Wolfgang Kaleck mit dem Politikwissenschaftler Stephan Bierling über das Völkerrecht, das immer mehr einem Recht des Stärkeren zu weichen scheint (24. April).

Wie neutral ist, wenn wir schon bei der Geopolitik sind, zum Beispiel die Schweiz? Die Schriftstellerinnen Zora del Buono und Seraina Kobler diskutieren mit dem Journalisten Daniel Binswanger über die Verantwortung des Landes und funken „SOS Alpenidyll!“ (27. April). „Im Osten nichts Neues?“, dieser Frage wiederum stellen sich, auf den Osten Deutschlands bezogen, zwei Stimmen unterschiedlicher Generationen mit jeweils einigem Gewicht: Helga Schubert und Lukas Rietzschel diskutieren anhand ihrer neuen Bücher über die Entwicklungen von der DDR bis heute, über innere und äußere Freiheit (29. April).

Wie schwierig die Übergänge sein können, wie groß die Gefahren und Verletzungen, zeigt exemplarisch auch ein Abend über den umstrittenen, heute 92-jährigen rumäniendeutschen Autor und Pfarrer Eginald Schlattner. Eine abgründig schillernde Lebensgeschichte und ein bedeutendes Werk sind an einem Abend zu entdecken, an dem unter anderem der Schriftsteller Ingo Schulze und Moderator Robert Schwartz als Neffe Schlattners über Literatur in und trotz Diktaturen diskutieren (30. April).

Welcher Widerstand ist wann gerechtfertigt? Für ein jüngeres Publikum ist da sicher ein Abend zur Wehrpflicht interessant. Die Autoren Artur Weigandt und Ole Nymoen haben sich in ihren Büchern bereits gegensätzlich positioniert: „Für euch würde ich kämpfen“, sagt der eine bereits im Titel. „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“, stellt der andere klar. Mit der Autorin Mithu Sanyal, die eine erneute Wehrpflicht ablehnt, werden sie sich vermutlich die Köpfe heißreden (27. April). Auf andere Weise explosiv ist ein weiterer Abend: Was passiert, wenn Klassiker der Literatur sieben Jahrzehnte nach dem Tod der Verfasser gemeinfrei werden – darf man sie dann zeitgemäß bearbeiten, gar entschärfen? Die Experten Lukas Mezger und Thomas Strässle diskutieren darüber in der Monacensia: „Gemein oder frei?“ (28. April).

Die Freiheit in Kunst, Comic und Musik

Mit „Kunst als Widerstand“ hat er jede Menge Erfahrung: Der rumänische Künstler Dan Perjovschi wird das Literaturfest begleiten.
Mit „Kunst als Widerstand“ hat er jede Menge Erfahrung: Der rumänische Künstler Dan Perjovschi wird das Literaturfest begleiten. pirje-mykkaenen

Kunst kennt keine Grenzen – ein besonderes Anliegen der Kuratorin Dana Grigorcea ist es daher, neben der Literatur in weitere Genres auszuschwärmen. Ihr rumänischer Landsmann Dan Perjovschi, als „Freedom Artist“ seit Langem international gefragt, zum Beispiel bei der letzten documenta, passt ihr da bestens ins Konzept. Ein Meister des auf das Nötigste reduzierten Strichs, wird der Künstler während des gesamten Festivals im Literaturhaus-Foyer im dritten Stock sein Werk stetig frei wachsen lassen – unterstützt vom Publikum. Am Festival-Samstag kann man ihn auch im Gespräch über „Kunst als Widerstand“ erleben (25. April, 14.30 Uhr).

Gleich anschließend geht es um „Freiheit und Aufbruch im Comic“: Maren und Ahmadjan Amini sprechen dann mit dem Berliner Comic-Künstler Mikael Ross über die Widerständigkeit auch ihrer Werke (16 Uhr). Und wer jetzt gleich im Literaturhaus bleibt, kann nach einer Pause direkt zum musikalischen Teil übergehen (20 Uhr): „Freedom is A Verb“, behauptet Daniel Kahn in einem seiner Lieder. Der in Berlin lebende Musiker, Schauspieler und Regisseur ist inspiriert von Brecht bis Tucholsky und verbindet Klezmer und Punk.

Literaturfest-Kuratorin Dana Grigorcea im Gespräch
:„Kunst öffnet das Tor zur Freiheit“

Die Schriftstellerin Dana Grigorcea kreist nicht nur in ihren Büchern um die Freiheit, sie kuratiert auch das nächste Literaturfest München zum Thema. Ein Gespräch über Heroismus in politischen Kämpfen – und die Freiheit in der Literatur und der Liebe.

SZ PlusInterview von Antje Weber

Wer es dagegen eher mit der klassischen Musik hält, ist am Sonntag 26. im Literaturhaus richtig. „Mich hat die Oper gerettet“, sagt Kuratorin Dana Grigorcea, in ihrer Kindheit in Bukarest schlich sie sich ins benachbarte Opernhaus, um hinter der Bühne zu lauschen. Zu Zeiten des Kommunismus, als Grigorcea früh lernte, der Sprache zu misstrauen, habe die Musik ihr „so viel Wahrheit gezeigt“, sagt sie. Bis heute übt sie sich, auch als Statistin an der Oper Zürich, im Bewundern – und sie wird ihre Begeisterung in einer Matinee mit dem Philosophen Peter Sloterdijk teilen. Schließlich gehe es, so Grigorcea, in der Oper „immer um den Drang nach Freiheit“ (11 Uhr).

Begleitet wird das Gespräch von der Sopranistin Nontobeko Bhengu und dem Tenor Michael Butler, beide Mitglieder des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper. Und gleich anschließend kann man sich in Texten und Musik auf die nächste Uraufführung an der Staatsoper vorbereiten: Brett Deans „Of One Blood“ (14 Uhr).

Kino für Nachtschwärmer

Viel gesehen und gehört, aber noch nicht müde? Dann sind die Late-Night-Kino-Formate des Literaturfests eine gute Möglichkeit, sich die letzte Bettschwere zu holen. An fünf Abenden zwischen 22. und 29. April kann man sich um 22 Uhr im Saal des Literaturhauses lümmeln und die Themen der vorhergehenden Veranstaltungen vertiefen. Ein Dokumentar-Film über Pussy Riot steht ebenso auf dem Programm wie die oscarnominierte Dokumentation „Kollektiv – Korruption tötet“, die 2019 einem verheerenden Brand in einer Bukarester Diskothek nachging und erschütternde Korruption im rumänischen Gesundheitswesen entlarvte. Milo Raus Film „Das neue Evangelium“ steht ebenfalls auf dem Programm, neben dem Western „Aferim!“ und der Politsatire „Marschall Titos Geist“.

Wer danach immer noch nicht einschlafen kann, kann sich den Orchester-Podcast „Schoenholtz“ in der ARD-Audiothek herunterladen: Host ist Anne Schoenholtz, die mit Kuratorin Dana Grigorcea über Musik und Literatur spricht. Wer dagegen etliche digitale Livestreams der Lesungen des Literaturfests – kostenlos –abrufen möchte, kann dies nur während der Veranstaltungen selbst tun.

Mit der „Münchner Schiene“ in die Werkstatt der Literatur

Die „Münchner Schiene“ wird diesmal von der Münchner Volkshochschule organisiert. Dorothee Lossin (Mitte) hält als Leiterin des Fachgebiets Literatur, kreatives Schreiben und Film die Fäden in der Hand, Christina Madenach und Christian Schüle sind die Kuratoren.
Die „Münchner Schiene“ wird diesmal von der Münchner Volkshochschule organisiert. Dorothee Lossin (Mitte) hält als Leiterin des Fachgebiets Literatur, kreatives Schreiben und Film die Fäden in der Hand, Christina Madenach und Christian Schüle sind die Kuratoren. Catherina Hess

Wie entsteht Literatur, wie wird sie hergestellt, verbreitet und irgendwann beurteilt? Der „Werkraum der Literatur“ interessiert Christina Madenach und Christian Schüle, die als Kuratoren für eine zusätzliche diesjährige „Münchner Schiene“ der Münchner Volkshochschule ein experimentierfreudiges Programm erarbeitet haben. Damit wollen sie an unterschiedlichsten Orten die freie Szene einbinden und insbesondere auch ein junges Publikum ansprechen.

Experimentell klingt schon der Anfang: In einem zweitägigen Workshop im März konnten Interessierte den Eröffnungsabend der „Münchner Schiene“ am 22. April im HP8 entwickeln. „Überraschung!“ heißt der dementsprechend. Wer sich darüber hinaus über die Relevanz von Literatur heute Gedanken machen möchte, kann sich in der Halle E über das Festival hinweg von Texten Münchner Autorinnen und Autoren inspirieren lassen: „Wozu der Aufwand?“, fragt die Ausstellung, die Antworten sind hoffentlich ermutigend.

Während der Schiene können Interessierte jedenfalls nicht nur an vier Abenden gemeinsam lesen und „Texte teilen“, sondern noch weiteren Experimenten beiwohnen: Wer schreibt besser, die KI oder der Mensch, ist etwa die Ausgangsfrage eines Abends im Munich Urban Colab im Kreativquartier (23. April). Wie Literatur entsteht, ob auf der Schreibmaschine oder auf dem Laptop, führt eine Live-Performance in der Nymphenburger Porzellanmanufaktur vor (24. April). Die freie Literatur-Szene der Stadt trifft sich am Samstag, 25. April, bei einem bereits traditionsreichen „Open House“, diesmal im Einstein 28. Mal erzählen Verleger kleiner unabhängiger Verlage vom Büchermachen (Munich Urban Colab, 27. April), mal Autorinnen und Autoren vom Übersetzen (Einstein, 28. April), und abschließend Kritikerinnen und Kritiker vom Bewerten der Ergebnisse (Lyrik Kabinett, 29. April).

Das ist noch nicht alles, denn wer zwischendrin mal Luft schnappen will, kann „Auf literarischen Pfaden“ mit Münchner Schriftstellern durch die Stadt wandern und das Zusammenspiel von Ort und Literatur erleben. Mit Hans Pleschinski, Dagmar Leupold und Markus Ostermair können die Leser jeweils durch sehr unterschiedliche Stadtteile und Bücher wandern (23., 24. sowie 26. April). Und wer sich nun leicht verzweifelt fragt, wie sich nur eine Wahl treffen lässt angesichts all dieser vielen Optionen? Da muss nun jeder und jede selbst entscheiden: Zweifel ist der Preis der Freiheit.

Literaturfest München, Dienstag, 21. April, bis Donnerstag, 30. April, alle Infos und Termine unter www.literaturfest-muenchen.de

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