„Contra spem spero“ – „Gegen alle Hoffnung hoffe ich“. In der Ukraine gibt es kaum jemanden, glaubt man der äußerst vertrauenswürdigen Schriftstellerin Tanja Maljartschuk, der das Gedicht mit diesem Titel nicht kennt. Ebensowenig wie die Gedichte „Nein, selbst im Weinen werde ich lachen“ und „Ich werde Blumen im Frost säen“.
Diese mutmachenden Zeilen stammen von Lesja Ukrajinka (1871–1913). Die im damaligen Russischen Kaiserreich, der heutigen Ukraine geborene Schriftstellerin gilt auch als frühe Kämpferin für den Feminismus. Wie bedeutend sie war, erfahren nun auch deutsche Leser: Die Herausgeberinnen Tanja Maljartschuk und Claudia Dathe haben ihr einen der ersten Ehrenplätze in einer „Ukrainischen Bibliothek“ im Wallstein Verlag gewidmet.
Mit solchen Klassikern das Wissen über ukrainische Literatur zu vertiefen, ist eine hervorragende Idee. Und es ist sicherlich ein Genuss, sie sich von zwei bedeutenden ukrainischen Schriftstellern der Gegenwart vorstellen zu lassen: Juri Andruchowytsch wird am 14. Oktober im Literaturhaus einen von ihm herausgegebenen Band für den berühmten Dichter Taras Schewtschenko präsentieren, Tanja Maljartschuk ebenjenen zu Lesja Ukrajinka.
Wie sie im Vorwort schreibt, war Lesja Ukrajinka nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil sie neun Sprachen beherrschte, darunter Sanskrit. Und sie „lernte stets eine weitere Sprache hinzu, etwa Norwegisch, um ihren Lieblingsautor Henrik Ibsen im Original lesen zu können“. Auf Russisch schrieb sie, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ansonsten in der damals verbotenen ukrainischen Sprache; ihre Briefe spickte sie mit deutschen und französischen Zitaten.
Ein Hoch also auf die Mehrsprachigkeit und den Austausch zwischen den Kulturen! Und hier gleich noch weitere Tipps für Lesungen im überreichen Literatur-Oktober, die andere Sprachen und Kulturkreise erschließen.

Lesungen in München:Die Literatur-Highlights im Herbst
Von Caroline Wahl bis Ian McEwan, von Rita Falk bis Christopher Clark: Zahlreiche prominente Schriftstellerinnen und Schriftsteller stellen ihre neuen Romane, Krimis und Sachbücher im Herbst im Literaturhaus, bei der Münchner Bücherschau und andernorts vor. Ein Überblick.
Im Schweizer Haus etwa feiert man am 9. Oktober zum 15. Mal den internationalen Nachsommer der Dichter, mit Jachen Andry (Schweiz) , Elisa Biagini (Italien) und Lydia Daher (Deutschland). Im Italienischen Kulturinstitut liest am 13. Oktober der Tessiner Autor Andrea Fazioli, bei Lehmkuhl einen Tag später Andrea Bajani. Im Theater im Fraunhofer wiederum steigt am 25. Oktober eine Kurz-Ausgabe von „Il Fest“, unter anderem mit der aus Südtirol stammenden Autorin Maddalena Fingerle.
Und da wir schon gen Italien schauen, hier ein kleiner Mode-Exkurs: Am 9. Oktober stellt Michaela Karl bei Literatur Moths ihre Biografie über die italienische Modeschöpferin Elsa Schiaparelli vor, am 29. Oktober ebenda Mona Horncastle eine Biografie über die amerikanische Kunstsammlerin Peggy Guggenheim – „Freigeist, Mäzenin, Femme fatale“.

Michaela Karls Biografie über Elsa Schiaparelli:Die Modeschöpferin, die Platz für den Flachmann schuf
Elsa Schiaparelli dominierte die Mode der 1930er-Jahre. Michaela Karl zeichnet Leben und Werk der skandalumwitterten Modeschöpferin in einer Biografie nach.
Ein Schwenk gen Frankreich: Sylvain Prudhomme wird mit einer grenzüberschreitenden Geschichte im Literaturhaus erwartet (9.10.); „Der Junge im Taxi“ handelt von einem verleugneten Sohn, den der Großvater des Erzählers als Soldat am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland zeugte. Ein besonderer Abend wird sicher auch die Lesung des kongolesischen Slammers und Dichters Fann Attiki, der im Institut Français am 16. Oktober von einer Bar in Brazzaville als Treffpunkt von Nonkonformisten erzählt; sein Roman „Cave 72“ erhielt den Preis „Voix d’ Afriques“.
Ein erneuter Blick gen Osten: Wie prägend ist eine Kindheit in Russland? Die Schriftstellerin Lena Gorelik spricht in der Internationalen Jugendbibliothek über „Bücher der Kindheit“ (29.10.). Wie viele Einflüsse in Europa und seinen Menschen zusammenkommen, erzählt auch das Buch „Familienbande“ von Lenn Kudrjawizki: Der Schauspieler, Musiker und Autor stammt aus einer russisch-ukrainischen Einwandererfamilie, die in den Siebzigerjahren in die DDR immigrierte, und verweist dazu auf italienische Wurzeln (Pasinger Fabrik, 8.10.).
Je klarer man sich macht, dass in jedem einzelnen Menschen viel Welt zusammenfließt, desto unverständlicher werden Hass und Ausgrenzung. „Was wir als Migrationsgesellschaft lernen müssen“, erklärt daher der Autor Derviş Hızarcı am 15. Oktober im Jüdischen Museum. Und wie es überhaupt „Vom Vorurteil zur Gewalt“ kommt, analysiert der Historiker und Autor Wolfgang Benz am 8. Oktober im Wilhelmsgymnasium.
Es hilft nur, immer wieder andere Perspektiven einzunehmen, wie Joana Osman in ihrem Buch „Frieden. Eine reale Utopie“ nahelegt, das die Münchner Autorin, Tochter eines palästinensischen Vaters, am 14. Oktober im Marstall-Theater vorstellt. „Erst wenn wir bereit sind, die Perspektiven und Traumata der ,anderen Seite‘ zu sehen, können wir einander wirklich begegnen“, schreibt sie. Ihre Hoffnung? „Ein Gegenbild, das Hoffnung statt Angst erzeugt, das verbindet, statt Feindschaft zu schüren.“

