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Schriftstellerin Dagmar Nick:Gedichte über Mut und Erblinden

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Grande Dame der Literatur: Dagmar Nick.

(Foto: Sven Zellner)

Die Schriftstellerin Dagmar Nick wird 95 - und schreibt noch immer luzide Gedichte. Es geht auch darum, dass das Glück eines so hohen Alters seine dunklen Seiten birgt.

Von Antje Weber

Vor Jahrzehnten schon hat sich Dagmar Nick immer wieder mit dem Alter auseinandergesetzt. "Abenteuer, das wußte ich, werden in fortgeschrittenem Alter nicht mehr geplant", ließ sie die Ich-Erzählerin etwa in ihrem eindrucksvollen Monolog "Penelope, eine Erfahrung" sagen: "Man läßt sich von ihnen überraschen und erinnert sich höchstens daran, daß früher manches weniger umständlich war."

Diese Zeilen schrieb sie im Jahr 2000, damals war Dagmar Nick aus heutiger Sicht jugendliche 74 Jahre alt. An diesem Sonntag nun, am 30. Mai, feiert die Münchner Schriftstellerin ihren - man mag es kaum glauben - 95. Geburtstag. Und sie macht ihren Leserinnen und Lesern aus diesem wahrhaft feierwürdigen Anlass auch noch das Geschenk eines neuen Gedichtbands. "Getaktete Eile" heißt der Band, im Rimbaud Verlag erschienen, aus leicht nachzuvollziehendem Grund: Naheliegenderweise hat sich Nicks Auseinandersetzung mit dem Alter, mit dem Tod in den vergangenen Jahrzehnten noch einmal vertieft.

Dass sie so charmant und geistreich erzählt wie eh und je, geradezu jugendlich sprühend, hat erst jüngst ein Monacensia-Film über die seit jeher zart, dabei nicht zerbrechlich wirkende Grande Dame der Literatur vorgeführt. Darin erzählte Nick schwungvoll von ihrem Leben, das 1926 in Breslau begann, und las aus dem seit ihren ruhmreichen Nachkriegs-Anfängen stetig gewachsenen lyrischen Werk. Auch in ihrer Prosa jedoch, ihren Neuinterpretationen der mythologischen Frauenfiguren Medea, Lilith und Penelope bis hin zum akribisch recherchierten jüdischen Familienbuch "Eingefangene Schatten", hat sie sich immer wieder als elegante Stilistin erwiesen; prägnant und unprätentiös, rhythmisch fließend - vielfach ist Nick denn auch für ihr Werk ausgezeichnet worden, vom Eichendorff-Literaturpreis bis zur Medaille "Pro meritis scientiae et litterarum" des Freistaats im vergangenen Jahr.

Dass das Glück eines so hohen Alters auch seine dunklen Seiten birgt, liest man aus den ungeschminkt daherkommenden Gedichten des neuen Bandes heraus, dessen erster Teil vor drei Jahren bereits unter dem Titel "Abtrünniges Herz" erschien. Der Herzinfarkt wird in einem Titel klar benannt. Ein anderes Gedicht beginnt mit den Worten: "Mein zum Sterben entschlossenes Herz, / noch halte ich dich an der Longe". In späteren Gedichten wird auch das Nachlassen der Sehkraft thematisiert: "unleserlich gaukeln geschilderte Namen / vorbei", wenn das lyrische Ich durch die Straßen geht; "Vertauschobjekte und Wort-/bruch, meiner Wahrnehmung / Hinfälligkeit". Der Titel dieses Gedichtes heißt: "Erblindung".

Dennoch kommt jede dieser Zeilen, in denen jedes Wort ganz selbstverständlich an seinem Platz wirkt, ohne Sentimentalität oder Selbstmitleid aus, auch ohne Pathos. Selbst wenn das lyrische Ich, von Aphasie und Schwindel geplagt, seine Grenzen sieht, "die Schleuderkurven des Abstiegs", mündet das höchstens in eine Mahnung an sich selbst: "Die Herausforderung. / Nimm sie an." Dagmar Nick gewinne der Erfahrung von Schmerz und Verlust poetische Bilder ab, folgert denn auch Christoph Leisten in einem Begleittext, "die die Grundbedingungen menschlicher Existenz auf überraschende Weise neu in den Blick nehmen".

Zu diesen Grundbedingungen gehört natürlich der Tod. Schon im Monolog von Penelope vor 20 Jahren lief alles auf das Sterben zu: Die ihrem Alter zum Trotz immer noch abenteuerfeste Penelope verging da, am Ende auf der Insel der einst Odysseus betörenden Kirke gelandet, "in einem einzigen Lichtblitz". In einem grandiosen Schlussbild ließ Nick die Zauberin Kirke mit ihrem Wagen gen Himmel schießen, im selben Augenblick atmete die zurückbleibende Penelope eine Flamme "und spürte, wie mir die Adern barsten, wie ich verschmolz mit der Wand, mit dem Stein, mit den Schatten der Anderen. Und dann spürte ich nichts mehr. Keinen Schmerz. Nichts."

Solch spektakuläres Verglühen, womöglich noch mit Unsterblichkeit belohnt, gehört zum Reich der Mythen. Dagmar Nick gibt sich da keinen Illusionen hin; in ihrem Gedicht "In summa" fasst sie ihre Erkenntnisse heute vielmehr so zusammen: "So langsam das Leben./ Zuendeleben. So langsam / die Schritte, die Griffe ins Nichts, / das Erinnern, das Finden. / So langsam das Sterben." Und dann: "Ich hatte es mir dramatischer / vorgestellt mit dem Blick / in die nächstliegende Galaxie". Und auch wenn in jener Galaxie kein Götterhimmel warten mag - neugierig ist Nick doch darauf, "ob sich da / hinter dem Undurchschaubaren / etwas bewegt". Sie ist jedenfalls "startbereit", das machen diese luziden Gedichte deutlich. In der Ahnung: "Es gibt so viel Neues / unter jenseitigen Sonnen." Auch unter diesseitigen Sonnen jedoch, dies sei Dagmar Nick in Verehrung zugerufen und gewünscht, wartet noch so manches Neue.

© SZ vom 29.05.2021/sonn
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