FreizeitZusammen liest man weniger allein: Münchens schönste Buchclubs

Lesezeit: 5 Min.

Reden über Bücher, gemeinsam statt allein: eine Runde des Leseclubs „Buch trifft Bühne“ im Marstall des Residenztheaters.
Reden über Bücher, gemeinsam statt allein: eine Runde des Leseclubs „Buch trifft Bühne“ im Marstall des Residenztheaters.
Adrienne Meister

Was macht man, wenn man ein Buch gelesen hat und dringend darüber reden will? Man sucht sich einen Buchclub. Derzeit werden in München so viele gegründet wie lange nicht. Die schönsten Lesekreise und ihre Besonderheiten.

Von Sophie-Louise Gartmann

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Ein Kreis älterer Damen, die sich ruhig über einen Roman austauschen. Und natürlich Tee, vorzugsweise Lindenblütentee. Und dazu Madeleines, das süße, muschelförmige Gebäck, das Marcel Proust einst in seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“ beschwor. So ungefähr stellen sich wahrscheinlich viele einen Lesekreis vor. Doch an diesem Bild stimmt heute nichts mehr.

In München treffen sich Buchclubs auf Schiffen oder in Hexenhäusern. Sie feiern zusammen auf der Wiesn und planen gemeinsame Events. Lesen ist hier nicht die einsamste aller Freuden. Denn viele Bücherwürmer leiden, kaum ist der letzte Satz gelesen und das Buch zugeklappt, an einem herrlich ansteckenden Symptom: jemandem davon erzählen zu müssen. Nur wenig ist so befriedigend, wie ein hinreißendes Buch weiterzuempfehlen.

Die Gründerin des queeren Buchclubs „queergelesen“ zum Beispiel kennt dieses Gefühl nur zu gut. „Ich hatte ein gutes Buch fertig, saß da und dachte mir: Mit wem kann ich jetzt darüber sprechen? Ich hatte noch Redebedarf“, sagt Lisa Attmanspacher. Aus diesem Redebedarf ist ihr Club entstanden – und wahrscheinlich auch jede andere leidenschaftliche Leserunde.

Seit einiger Zeit, so schreibt die Münchner Stadtbibliothek auf ihrer Webseite, würden „wieder vermehrt“ Buchclubs und Lesekreise gegründet, nachdem sie lange als Mode von gestern galten. Und tatsächlich lässt sich ein erstaunlich diverses Bild zeichnen. Die Unterschiede liegen darin, wer sich trifft, warum man sich trifft, was gelesen wird und in welcher Atmosphäre. Ein Rundgang durch sechs sehr unterschiedliche Kreise.

Das Buch ist nur der Bonus: Ananas Buchclub

Fast 200 „Buchclubbies“ gehören inzwischen zum „Ananas Buchclub“. Hier ein Treffen zu Florence Knapps „Die Namen“ in der Buchhandlung Literatur Moths.
Fast 200 „Buchclubbies“ gehören inzwischen zum „Ananas Buchclub“. Hier ein Treffen zu Florence Knapps „Die Namen“ in der Buchhandlung Literatur Moths.
Anna Ossipova

Man kann diesen Club auch besuchen, ohne eine einzige Seite gelesen zu haben – das ist ausdrücklich erlaubt. „Regel Nummer eins: Man hat eine coole Zeit und Spaß“, sagt Anna Ossipova, die die Runde einst gründete, weil sie selbst keine fand. Der „Ananas Buchclub“ ist mit fast 200 Mitgliedern weniger Lesekreis als Community: Man geht zusammen auf Lesungen, feiert Sommer- und Weihnachtsfeste, zieht gemeinsam auf die Wiesn. Die Runde trifft sich gleich viermal im Monat, zweimal auf Deutsch, zweimal auf Englisch. Meist im Café Lozzi im Glockenbachviertel oder in der Buchhandlung Literatur Moths. Gelesen wird quer durch die Genres, möglichst aktuell. Im September ist Sachbuch-, im Februar Klassikermonat. Mit dem Erlös deckt Anna Ossipova ihre Kosten. Ein Ticket kostet 15 Euro, feste Mitglieder zahlen die Hälfte.

„Ananas Buchclub“, Café Lozzi und Literatur Moths, viermal im Monat, Ticket 15 Euro, ananas-buchclub.de

Mit Theaterbesuch: Buch trifft Bühne

In ihrer Freizeit besprechen sie die Romane hinter den Theaterstücken: Lea Maria Unterseer und Isabell Antonia Höckel (von links) laden am Residenztheater zu „Buch trifft Bühne“.
In ihrer Freizeit besprechen sie die Romane hinter den Theaterstücken: Lea Maria Unterseer und Isabell Antonia Höckel (von links) laden am Residenztheater zu „Buch trifft Bühne“.
Adrienne Meister

Erst blättern, dann klatschen. So funktioniert der Leseclub des Residenztheaters „Buch trifft Bühne“. Hier werden die Bücher gelesen, die in dieser Spielzeit für die Bühne des Hauses
adaptiert werden. So erleben die Mitglieder dieselbe Geschichte
zweimal: einmal auf dem Papier, einmal unter Scheinwerfern.

„Izzi und ich sind absolute Leseratten“, erzählt Dramaturgin Lea Unterseer, die den Club gemeinsam mit Ensemblemitglied Isabell Höckel ehrenamtlich in ihrer Freizeit betreibt. Auf der Leseliste standen bisher Stoffe von Irmgard Keun über Christopher Isherwood und Toni Morrison bis Simone de Beauvoir, zuletzt Sebastian Haffners „Abschied“.

Man trifft sich zwei Nachmittage im Abstand eines Monats. Beim ersten Treffen bekommen die Teilnehmer einen kurzen dramaturgischen Input über Autor und Epoche, dann lesen sie gemeinsam die ersten Seiten und beginnen darüber zu diskutieren. Vorbereitung ist ausdrücklich nicht nötig. Dann geht es ins Theater. Beim zweiten Treffen kommt die eigentlich spannende Frage: Wie hat sich der Stoff gelesen, und wie wurde er gespielt?

Zwischen 20 und fast 40 Leuten besuchen den Club, vom Studierenden bis zum emeritierten Literaturprofessor.  Viele davon kommen immer wieder. Der Club ist eine der wenigen Veranstaltungen im Resi, die kostenlos sind und zu denen man einfach dazukommen kann – nur die Theaterkarte kostet extra.

„Buch trifft Bühne“, Residenztheater, Marstall Salon, Marstallplatz 4, monatlich nachmittags (zwei Sitzungen je Buch), Eintritt frei, residenztheater.de, Buch trifft Bühne | Residenztheater München

Mit allen Sinnen: der Inklusive Lesekreis

In der Stadtbibliothek im Motorama liegt dasselbe Buch in mehreren Formen auf dem Tisch: als Schwarzschrift, in Blindenschrift, als Hörbuch und in Großdruck, heißt es auf der Website. Der Inklusive Lesekreis bringt blinde, sehbehinderte und sehende Leserinnen und Leser zusammen. Und jede und jeder liest in dem Format, das passt. Besprochen wird am Ende dieselbe Geschichte. Moderiert wird die Runde von Sabine Tscheschlock. Der Zugang ist bewusst niedrigschwellig und die Teilnahme kostenlos.

„Inklusiver Lesekreis“, Stadtbibliothek im Motorama, Rosenheimer Straße 30, einmal im Monat, muenchner-stadtbibliothek.de

Aus der Kommentarspalte ins Hexenhäuschen: Munich Book Bubble

Aus Online-Bekanntschaften sind echte Freundinnen geworden: Das Team der Munich Book Bubble in Partnerlook-Hoodies vor dem Café Fika.
Aus Online-Bekanntschaften sind echte Freundinnen geworden: Das Team der Munich Book Bubble in Partnerlook-Hoodies vor dem Café Fika.
privat

Als das Monatsbuch auf einem Schiff spielte, traf man sich kurzerhand auf der Alten Utting. Als zuletzt ein Hexen-Fantasy-Roman dran war, ging es in ein „Hexenhäuschen“. Die „Munich Book Bubble“ sucht sich zu jedem Buch den passenden Ort. Entstanden ist der Club aus dem Aufruf einer Bookfluencerin, sich lokal zu vernetzen, und aus vier Leserinnen wurden über die Jahre 40 und mehr, die teils aus Rosenheim, Landshut oder Ingolstadt anreisen. Der Schwerpunkt liegt auf Fantasy und Romance, aber willkommen ist alles: „Es ist völlig egal, was du liest. Hauptsache, du liest und hast Spaß am Austausch.“

Für ihren eigentlichen Beruf hat Gründerin Barbara Dobrovitz nicht so viel Interesse übrig wie für ihre Bücherrunde. „Ich arbeite in der Filmbranche, aber ich lese lieber“, sagt sie. „Ich kann gar nicht sagen, was gerade im Kino läuft, aber sehr wohl, welche Bücher gerade gehypt werden.“ Der Club ist reines Hobby, komplett unkommerziell: keine Eintritte, die Cafés verdienen über den Mindestverzehr. Nebenbei entdecken Zugezogene durch die wechselnden Orte die Stadt – manche Münchnerin war wegen des Buchclubs zum ersten Mal im Planetarium.

„Munich Book Bubble“, wechselnde Orte in und um München, monatliches Clubtreffen plus Lesepartys, kostenlos, Instagram @themunichbookbubble

Nur für Frauen: Books and Breakfast

Hier gibt es keine Pflichtlektüre. Beim Frauen-Buchclub „Books and Breakfast“ (ausdrücklich auch für trans und nicht-binäre Personen) bringt einfach jede das Buch mit, das sie gerade liest, und erzählt davon, bei Kaffee und einer Kleinigkeit zum Frühstück. Weil die Mitglieder aus aller Welt kommen, läuft das Gespräch überwiegend auf Englisch.

„Books and Breakfast“, wechselnde Münchner Stadtbibliotheken, muenchner-stadtbibiothek.de

Queere Bücher lesen: queergelesen

Angefangen hat alles mit dem Wunsch, über queere Bücher zu reden. Inzwischen kommen die Mitglieder auch auf der Pride zusammen, mit einem eigenen Info-Stand.
Angefangen hat alles mit dem Wunsch, über queere Bücher zu reden. Inzwischen kommen die Mitglieder auch auf der Pride zusammen, mit einem eigenen Info-Stand.
Lisa Attmanspacher

Seit Juli 2023 gibt es „queergelesen“. Das Prinzip ist denkbar einfach: Kommen darf jede und jeder, „unabhängig von Sexualität und Geschlecht“. Aber die Bücher, die besprochen werden, sind alle queer. Die Treffen sind alle zwei Monate und diskutiert wird abwechselnd auf Deutsch und Englisch. Das öffnet die Runde für Menschen, die andere Sprachen sprechen, und es ermöglicht Bücher, die (noch) nicht auf Deutsch übersetzt wurden.

Anmelden muss sich niemand, man kann einfach dazukommen. Welches Buch drankommt, entscheidet ein kleines Ritual: Per Losverfahren wird ein Überbegriff gezogen – mal ein Genre (auch ein Sachbuch kann es sein), mal „Bücher aus Polen“, mal ein Werk einer trans Person. Dann darf eine Woche lang vorgeschlagen und schließlich abgestimmt werden. So bleibt die Auswahl vielfältig: nicht immer nur Frauen als Hauptfiguren, nicht immer nur Geschichten aus Amerika. Moderiert wird nur sanft, dazwischen läuft das Gespräch frei.

„Es ist eher ein nettes Gruppengespräch“, sagt die Gründerin Lisa Attmanspacher, die den Club ehrenamtlich neben ihrem Job als Rezeptionistin organisiert. Ein Hinweis ist ihr wichtig, weil es dazu Nachfragen gab, gerade von Männern: Der Treffpunkt im LeZ, dem Lesbisch-Queeren Zentrum, bedeute nicht, dass die Runde nur für Frauen sei. „Alle, die sich an die Hausregeln des LeZ halten, sind willkommen. Ganz egal, welches Geschlecht sie haben.“ Ob man selbst queer ist oder Ally, spielt keine Rolle.

„queergelesen“, LeZ – Lesbisch-Queeres Zentrum, Müllerstraße 26, alle zwei Monate, aktuelle Termine über Instagram @queergelesen_muc

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