Listening-BarsBewusstes Zuhören – ein Trend erreicht München

Lesezeit: 4 Min.

In der „Spin Bar“ stehen Musik und ein sehr gutes Soundsystem im Vordergrund.
In der „Spin Bar“ stehen Musik und ein sehr gutes Soundsystem im Vordergrund. Johannes Simon
  • In München eröffneten Anfang Dezember mehrere Listening- oder Hi-Fi-Bars, in denen Musik und bewusstes Zuhören im Mittelpunkt stehen.
  • Das Konzept stammt aus Japan der 1950er-Jahre und spiegelt ein verändertes Ausgehverhalten wider, das von Ekstase zur Gemütlichkeit tendiert.
  • Die neuen Münchner Bars wie Spin Bar und Cozy setzen auf hochwertige Soundsysteme und Vinylplatten, erlauben aber auch Unterhaltung und Tanzen.
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In Listening- oder Hi-Fi-Bars ist Musik nicht nur Hintergrundgedudel – hier wird genau hingehört. Wo man das erleben kann und was der Trend über das Ausgehverhalten in der Stadt verrät.

Von Jacqueline Lang

Aus den Boxen tönt „Sweetie Pie“ von Stone Alliance. Der DJ scheint den Beat zu fühlen. Ob sich die Freude in seinem Gesicht widerspiegelt, bleibt sein Geheimnis, er steht mit dem Rücken zu seiner Zuhörerschaft – und das gehört zum Konzept in Listening- oder Hi-Fi-Bars, wie die „Spin Bar“ in der Theklastraße eine ist. Statt der Performance soll die Musik im Mittelpunkt stehen. Es geht um den warmen Klang von Vinylplatten, um hochwertige Soundsysteme und das bewusste Zuhören.

Ganz neu ist das Konzept nicht: In Japan, wo Listening-Bars ihren Ursprung haben, gab es die ersten Lokale dieser Art bereits in den 1950er-Jahren. Doch gerade erleben diese Jazz-Bars, auch Kissas genannt, ein Revival. Anfang Dezember war es in München so weit: Innerhalb weniger Wochen eröffneten gleich zwei solcher Bars.

Wobei man sagen muss: In der „O! Bar“ am Platzl, die mit der Eröffnung im Oktober sogar noch ein wenig früher dran war, pausiert das Konzept seit Mitte Januar nach nicht mal drei Monaten schon wieder. Man müsse sich solche „ruhigen, hoch kuratierten Phasen dauerhaft leisten können – sowohl wirtschaftlich als auch energetisch“, erklärt Betreiber Niklas Mosch. Gerade lasse sich solch ein Aufwand personell und organisatorisch nicht stemmen, deshalb öffne das O! aktuell gleich als Tanzbar, wenn auch „weiterhin stark musikalisch geprägt“. Trotzdem kann sich Mosch vorstellen, „den Listening-Aspekt“ zum Herbst hin wieder stärker in den Fokus zu rücken.

Das Listening-Konzept pausiert in der O! Dancebar aktuell, könnte aber zum Herbst hin wiederbelebt werden.
Das Listening-Konzept pausiert in der O! Dancebar aktuell, könnte aber zum Herbst hin wiederbelebt werden. Juri Bruhn

Ein wenig anders ist das Konzept des „Cozy“. Das geht schon damit los, dass die Bar von Berat Kllapia und David Hegewisch, die den Beinamen Listening-Bar trägt, bis auf Sonntag jeden Tag bereits um 11.30 Uhr aufmacht. Neben Drinks gibt es deshalb auch Kaffee.

Auf die Idee, das Cozy zu eröffnen, hat Kllapia sein Freund Christoph Teschner, bekannt für die DJ-App Djay, Ende November gebracht. Eine Woche später wurde der Mietvertrag unterschrieben und noch mal zwölf Tage später war die Eröffnung – und das, obwohl Kllapia weder Gastro-Erfahrung hat, noch zuvor jemals von Listening-Bars gehört hatte, geschweige denn in einer gewesen ist. Funktioniert aber auch so ausgezeichnet: Immerhin hat er ja mit Hegewisch jemanden an seiner Seite, der gastronomisch erfahren ist.

Berat Kllapia und David Hegewisch betreiben die Cozy Listening Bar seit Mitte Dezember.
Berat Kllapia und David Hegewisch betreiben die Cozy Listening Bar seit Mitte Dezember. Johannes Simon
Anders als in traditionell japanischen Kissas steht der DJ im Cozy hinterm Tresen, mit Blick auf die Gäste.
Anders als in traditionell japanischen Kissas steht der DJ im Cozy hinterm Tresen, mit Blick auf die Gäste. Johannes Simon
Die an der Wand angebrachte Isolierung deutet darauf hin, dass hier nicht nur Kaffee getrunken werden kann, sondern auch Musik aus den Boxen kommt.
Die an der Wand angebrachte Isolierung deutet darauf hin, dass hier nicht nur Kaffee getrunken werden kann, sondern auch Musik aus den Boxen kommt. Johannes Simon

Das Cozy erinnert an ein Wohnzimmer, sowohl von der Größe als auch von der Einrichtung: „klein und gemütlich“, fasst es Kllapia zusammen. An einem Freitag Ende Januar fühlt es sich an, als würde man auf eine WG-Party stolpern, bei der die Tanzfläche schon eröffnet ist – nur, dass im Cozy um 20 Uhr aktuell Schluss ist.

Im Cozy kann theoretisch jede und jeder zum DJ werden. Dafür reicht es, sich einen Slot zu mieten. Ob man mit dem Laptop oder an den Plattenspielern hinter der Bar auflegt, ist dabei egal, auch musikalisch gibt es kaum Grenzen, nur nicht zu elektronisch. In Zukunft wollen Klappia und Hegewisch aber auch vermehrt Profis einladen, schon allein „damit wir nicht selbst DJs spielen müssen“.

Ich finde, dass in jedes Gastrokonzept gute Boxen gehören.
Jens Milkowski, Betreiber der Spin Bar

Und damit zurück zu jenem Ort, um den sich der Hype in München gerade vor allem dreht: die Spin Bar. Die wird ebenfalls als Listening-Bar gefeiert. Fragt man Jens Milkowski, der die Bar gemeinsam mit Felix Ruëff betreibt, dann handelt es sich aber viel eher um eine Hi-Fi-Bar. Sprich: eine Bar, die auf guten Sound setzt. Wobei Milkowski sagt: „Ich finde, dass in jedes Gastrokonzept gute Boxen gehören.“

Auf die Idee mit ihrer Hi-Fi-Bar kamen Milkowski und sein Partner, weil sie gemerkt haben: Das Ausgehverhalten hat sich verändert. Glaubt man dem Gastronomen, dann geht der Trend von der Ekstase zur Gemütlichkeit. Noch dazu gehen die Menschen nicht mehr so viel, oft und wild feiern. Er beobachtet das schon länger im Goldenen Reiter, jenem Club, der sich die Adresse mit seiner neuen Bar teilt. Spin ist der Versuch, die Räumlichkeiten besser zu nutzen.

Jens Milkowski (vorne) ist nicht nur einer der beiden Betreiber der Spin Bar, er ist auch für den Club direkt nebenan verantwortlich.
Jens Milkowski (vorne) ist nicht nur einer der beiden Betreiber der Spin Bar, er ist auch für den Club direkt nebenan verantwortlich. Johannes Simon
Allzu dogmatisch geht es in der Spin Bar nicht zu: Es darf auch geredet und getanzt werden.
Allzu dogmatisch geht es in der Spin Bar nicht zu: Es darf auch geredet und getanzt werden. Johannes Simon
Wer will, kann, wenn die Spin Bar zumacht, direkt rüberwechseln in den Goldenen Reiter.
Wer will, kann, wenn die Spin Bar zumacht, direkt rüberwechseln in den Goldenen Reiter. Johannes Simon

Dass eine Bar mit einem Fokus auf Musik funktionieren könnte, war Milkowski klar. Aber dass das Konzept so eingeschlagen hat, überraschte auch ihn. Deshalb werden sie statt erst donnerstags, wohl schon mittwochs öffnen, dann mit tatsächlichen listening sessions, sprich: Gemeinsam ein Album hören und sich dazu austauschen. Eventuell wollen sie auch mit Reservierungen arbeiten.

Schon jetzt sind am Wochenende immer DJs oder sogenannte Selecter an den Plattenspielern. Von japanischem Jazz über Tracy Chapman und Prince bis zu jugoslawischem Disco darf alles gespielt werden, gerne so bunt gemischt wie das Publikum: Neben Männern, die Band-Shirts tragen, weil sie deren Musik vermutlich tatsächlich hören und Vinyls sammeln, trifft man auch Frauen, die nicht wieder, sondern altersbedingt zum ersten Mal Hüfthosen tragen und noch nie eine Platte gesehen haben.

Allzu dogmatisch geht’s in der Spin Bar nicht zu. Es darf sich sowohl unterhalten als auch getanzt werden. Das mag so manchen Audiophilen stören, aber nun ja: In erster Linie ist Spin immer noch eine Bar. Eine, die zumacht, wenn der „Druck“ steigt, wie Milkowski das nennt, wenn also die Stimmung steigt. Wenn es für ihn gut läuft, gehen ein paar noch in seinen Club nur einen Raum weiter.

Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis er auch in München ankommt.
Marvin Schuhmann, Betreiber von Public Possession

Mit dem Konzept samt Drinks wie einem Whiskey Highball ist die Spin Bar zwar „japanese inspired“, aber ebenso wenig wie das Cozy im klassischen Sinne eine Listening-Bar. Wobei Menschen wie der DJ und Plattenladen-Betreiber David Hornung ohnehin sagen würden: Das meiste, was sich in Deutschland und anderswo gerade Listening-Bar nennt, ist im Prinzip nur „eine Bar mit einem guten Soundsystem“. Nur: Listening-Bar klingt halt besser.

Diese generelle Kritik ist aber keine an den Neueröffnungen selbst, immerhin profitieren Plattenläden wie der von Hornung von solchen Konzepten. Und: In der Spin Bar haben er und seine Kollegen selbst schon aufgelegt.

Wobei man sagen muss:  Listening-Sessions haben sie schon davor gespielt. Und sie sind damit nicht allein. Auch die Jungs vom Münchner Musiklabel Public Possession spielen in ihrem Laden im Lehel schon länger solche Sessions. Für ihre monatliche Veranstaltung im Haus der Kunst habe man ebenfalls extra ein Soundsystem gebaut. „Auch hier versuchen wir, Musik in all ihren Facetten in den Vordergrund zu rücken“, sagt Marvin Schuhmann. Ganz neu sind Konzepte mit Musik in der Hauptrolle also nicht.

Gerade deshalb ist jemand wie Schuhmann nicht überrascht, dass der Trend – die einen sagen Listening-Bar, die anderen sprechen von Hi-Fi – nun auch seine Stadt erreicht hat: „Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis er auch in München ankommt.“

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