Das Mikrofon versagt ihm zwischendurch den Dienst, aber Ludwig Spaenle schafft es auch so, sich Gehör zu verschaffen. „Was wir heute hier erleben, ist ein Wunder“, ruft er. Was hier geschehe, zeuge von Mut, ja, das sei die Zukunft, denn letztlich gehe es um nicht weniger als die Menschenwürde. Spaenle spricht vom Lion-Feuchtwanger-Stammtisch, der an diesem Montagabend erstmals zusammenkommt.
Es ist, das mögen Bayerns Antisemitismus-Beauftragter und der Name des jüdischen Schriftstellers bereits verraten, nicht irgendein Stammtisch. Vielmehr wollen die beiden Organisatoren Grigori Dratva und Michael Movchin – und das ist in dieser Form bislang einzigartig – mit ihrem Stammtisch jüdisch-bayerische Geschichte, vor allem aber ihre Gegenwart in München sichtbar machen.
Während der Namensgeber zu Lebzeiten nach seinen Besuchen der Synagoge Ohel Jakob häufig im Hofbräuhaus eingekehrt sein soll – fiel der Besuch auf den Schabbat, soll er angeschrieben und später bezahlt haben –, kommt der neu gegründete Lion-Feuchtwanger-Stammtisch im Biergarten des Augustiner-Kellers zusammen. Als er ihm von der Idee erzählt habe, so erzählt es Dratva, habe dessen Wirt Christian Vogler keinen Moment gezögert. In seiner Rede würdigt Dratva Vogler sodann auch als jemanden, „der nicht still bleibt, wenn es darauf ankommt“.



Dazu muss man wissen: Als Dratva und Movchin Vogler ihren Plan unterbreiteten, hatte gerade erst der Anschlag auf das Restaurant Eclipse stattgefunden – und Dratva ist der Schwager des Betreibers. Mit diesem Wissen erhält der Satz „Ich hoffe, dass sie den Abend heute nie bereuen werden“, den eine ältere Dame Vogler am Rande der Veranstaltung lächelnd mit auf den Weg gibt, noch einmal eine ganz andere Bedeutung: Sich mit Jüdinnen und Juden zu solidarisieren, ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr, war es womöglich nie.
Und doch: Nur ein paar Monate nach dem Treffen steht der runde Holztisch, dessen schwarze Füße einer siebenarmigen Menora nachempfunden sind, nicht irgendwo abseits, sondern gut sichtbar direkt am Eingang des Biergartens an der Arnulfstraße. Gekommen, um ihn einzuweihen, sind neben mehreren Vertreterinnen und Vertretern der Stadtpolitik, dem US-Generalkonsul James Miller, dem Präsidenten des Landeskriminalamts, Norbert Radmacher, Elias S. Jungheim als Vertreter des Staates Israel, dem Münchner Rabbiner Levi Freedman und dem Präsidenten des Landesamts für Verfassungsschutz, Manfred Hauser, auch Michael Goldstein und Benjamin Greiner. Menschen also ohne Amt und Würden und damit genau jene, für die der Stammtisch in Zukunft gedacht ist.



Die zwei Männer sitzen an einem Tisch etwas abseits, haben sich teilweise gerade erst kennengelernt. Wie ihnen die Idee des Stammtischs gefällt? Er sei eine „schöne Verbindung von Tradition und Moderne“, sagt Goldstein. Und hatten sie zu irgendeinem Zeitpunkt Sicherheitsbedenken? Kurz vielleicht, sagen sie. Aber so ihre Gedanken, die machen sie sich ja ohnehin ständig. Ein paar Tische weiter sitzen Securitys, die man lediglich an ihrem Knopf im Ohr erkennt, kurz haben auch ein paar Polizeibeamte vorbeigeschaut, ansonsten aber ist für Außenstehende – mal abgesehen von ein paar wenigen Männern mit Kippa – kaum ersichtlich, dass hier gerade zahlreiche Jüdinnen und Juden vor Bier, Hendl und – zur Feier des Tages – koscherem Essen aus dem Restaurant Einstein sitzen.
Veranstalter Dratva wird später sagen, dass er sich über die Sicherheit tatsächlich keine Gedanken gemacht habe. Auch Michael Weinzierl, Beauftragter der bayerischen Polizei gegen Hasskriminalität mit Schwerpunkt Antisemitismus, sagt auf Nachfrage zu etwaigen Sicherheitsbedenken: „Ich habe um keinen Menschen, der heute Abend hier ist, Angst.“ Anders dagegen Hélène Estelle Gleitman: „Ich schaue schon“, sagt die Münchner Jüdin, deren Familie, wie viele der Anwesenden, die Shoah überlebt hat, und lässt den Blick prüfend durch den Biergarten schweifen. Bis auf ein paar neugierige Blicke ist ihr allerdings bislang nichts Verdächtiges aufgefallen. Ob es daran liegt, dass bayerische Biergärten Orte der Offenheit, der Freiheit sind, wie das sowohl Spaenle als auch Goldstein gesagt hatten?
Erst die Zeit wird aber wohl zeigen, ob sich der Stammtisch der Weltpolitik zum Trotz als „lebendiger Treffpunkt“ für die jüdische Gemeinschaft, ihre Verbündeten und Freunde etablieren kann, wie mehrere Redner sich das gewünscht hatten. Und ob es stimmt, was Organisator Movchin zu Beginn gesagt hatte: dass das Jüdische und das Bayerische „immer noch“ zusammenpassen.
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