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Lieferdienst "Vino Infernale":Na dann Prost

Adi Sadija (links) ist der Mann für kreative Wein-Beschreibungen. Philipp Hanrieder (Mitte) und Moritz Jahn (rechts) haben die Wein-Expertise.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wegen der Pandemie hatten Philipp Hanrieder, Moritz Jahn und Adi Sadija keine Aufträge mehr. Jetzt liefern sie Wein an junge Menschen, die bislang eher Wodka-Bull getrunken haben.

Von Julia Huber

Wie es sich für einen guten Lieferanten gehört, hat Adi Sadija die Liste genau überprüft. Die Liste der Menschen, denen er heute Pakete bringen soll. Da hat er einen bekannten Namen entdeckt: "Judith", sagt er. "Mit der habe ich früher zusammengearbeitet. Das wird ein freudiges Treffen an der Haustür!" Ob sie nur wegen ihm bestellt hat? Er frohlockt. "Ich hoffe es!"

Adi Sadija, 33, sitzt auf dem Beifahrersitz. In einer Google-Bewertung hat ihn mal jemand als "der kleine Dicke" beschrieben. Zum Glück ist Adi Sadija einer, der alles schönreden kann: Wer klein ist, hat kurze Beine und kurze Beine bedeuten mehr Platz im Auto. Also ein klarer Vorteil. Gemeinsam mit seinem Kollegen Moritz Jahn, 32, auf dem Fahrersitz, ist er aufgebrochen, um Wein in München auszuliefern. Es ist die erste Fahrt für "Vino Infernale". Ihr Lieferwagen, ein Mini Cooper, ist fast voll mit gestapelten Weinkisten.

Es ist kurz nach sechs am Freitagabend. Judiths Weinpaket ist erst ganz am Ende dran. Jetzt geht es ins Unbekannte. "Ich glaub', hier war ich noch nie in meinem Leben", sagt Moritz Jahn, dabei dauert die Fahrt erst sieben Minuten. Er fährt auf eine kleine Brücke zu. "Ich hab mich immer gefragt, wohin diese Brücke führt. Die sieht man immer von der S-Bahn aus." Adi Sadija sagt: "Jetzt wissen wir's. Das ist Mittersendling."

Vino Infernale ist nicht weit von hier, in der Kochelseestraße in Sendling, entstanden. Dahinter stecken drei junge Münchner. Neben Moritz Jahn und Adi Sadija ist das Philipp Hanrieder, 36. Er und Sadija sind schon hier in Sendling aufgewachsen. Sie kennen sich noch aus der Städtischen Maria-Probst-Realschule. Philipp Hanrieder war zwei Stufen über Adi Sadija, in der Klasse mit all den schönen Mädchen. Adi Sadija erkundigte sich mal, ob er für die Klassenfahrt in Philipps Klasse wechseln dürfe. Durfte er nicht. Gut zwanzig Jahre später steckten sie mitten in Jobs, die jede Menge Zeit kosteten. Adi Sadija als selbständiger E-Commerce-Berater, Philipp Hanrieder als Gastronom des Lokals "Spezlwirtschaft", Moritz Jahn als Geschäftsführer eines Catering-Unternehmens. Bis die Pandemie kam, alles dichtmachte, alle Aufträge wegbrechen ließ.

Da saßen die drei zusammen, hatten nichts zu tun und arbeiteten an einer Idee, die sie zwar vorher schon hatten, für die aber nie genug Zeit gewesen war: Guten Wein an Menschen zu verkaufen, die bislang noch kaum Ahnung von gutem Wein haben.

Ursprünglich richteten sie sich nur an Großkunden. An Bars und Restaurants, die neue, bessere Weine auf ihren Karten anbieten wollten. Weil die Großkunden im neuen Teil-Lockdown keinen Wein mehr bestellen, richten sie sich seit neuestem auch an den Endverbraucher: Menschen, von denen Adi Sadija sagt, dass sie bislang eher Wodka mit Red Bull getrunken haben. Und keinen Wein.

Er steht jetzt mit dem ersten Weinpaket vor einer Haustür mit sehr vielen Namen am Klingelschild. Er klingelt. Gleich kommt er, der große Moment, der erste belieferte Kunde. Nur meldet sich niemand. Eigentlich konnten die Kunden extra ein Zeitfenster auswählen, in dem geliefert werden soll. Aber jetzt ist keiner da. Hier draußen kann das Paket nicht bleiben. Es muss ins Haus. "Ich hasse es, woanders zu klingeln. Ich fühl' mich dann immer so doof", sagt Adi Sadija. Er hat schlimme Erinnerungen an den Zeitungsausträger-Job in seiner Jugend. Er wartet noch kurz, dann überwindet er sich, nimmt irgendeine Klingel. Es klappt.

Die nächste Adresse. Wieder öffnet keiner unten an der Haustür. "Boah, wehe, der ist jetzt auch nicht da. Ich hasse es." Wieder muss er sich überwinden. Doch als er die beiden Weinkisten zur richtigen Wohnungstür hochgetragen hat - einmal das Weißweinpaket, einmal das Rotweinpaket -, geht die Tür nach einer kurzen Pause auf und ein frisierter Mann Mitte zwanzig guckt raus. Adi Sadija sagt: "Da bist du! Ich hab geklingelt. Hast du gschlafn?" Es stellt sich heraus, dass die Mutter des Mannes auch im Haus wohnt, logischerweise mit demselben Nachnamen. Ein Test für alle Lieferanten. Adi Sadija hat am falschen Namensschild geklingelt.

Der Mann hat sein Home-Office für diese Woche beendet, Feierabend, die zwei Kisten Wein kommen gerade recht. Zwölf Flaschen. "Die hauen wir heute ... vielleicht nicht alle weg. Aber ein paar sind fällig", sagt er. Seine Freundin und er haben ein befreundetes Paar eingeladen, zwei-Haushalte-konform. Normalerweise wären sie vielleicht in ein Restaurant oder eine Bar gegangen. Jetzt machen sie daheim das Beste draus. Adi Sadija flitzt die Treppe runter. Er freut sich. "Voll geil, dass die jetzt einen schönen Abend haben. Check!"

Profit hat Vino Infernale bislang noch nicht abgeworfen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wer die Zielgruppe von Vino Infernale ist, wird auf ihrem neuen Plakat schnell klar. Am Vortag ist es fertig geworden, seitdem kleben sie es überall hin, wo sie vorbeikommen. An Dixi-Klos, Park-Automaten, Bau-Container. Auf neongelbem Papier steht da: "Nüchtern und gelangweilt im zoom-call? Sei nur gelangweilt! Die Lösung: VINO". Vino Infernale richtet sich an junge Münchner, deren Leben vorher aus Arbeit und Bar, Essen gehen und Fußballtraining, Yoga und Schafkopfen, WG-Party und Chorprobe, Freunden und Tinderdates bestand. Und die jetzt daheim in kleinen Wohnungen sitzen, wo sich alles zwischen Laptop und Bett abspielt. Wo es eine willkommene Abwechslung ist, wenn Adi Sadija mit einer Kiste Wein unterm Arm klingelt.

Dritte Adresse. "Welcher Stock?", ruft er, während er die Treppe hochstapft. "Dritter!", ruft eine fröhliche Frau von oben. Als Adi Sadija um die Ecke biegt, strahlt sie ihn an, Jogginghose, Tukan-Sweatshirt, Adiletten. Sie bedankt sich und entschuldigt sich, weil sie kein Trinkgeld dahabe. Warum sie den Wein bestellt hat, erklärt sie so: "Ich trinke noch gar nicht so lang Wein. Und ich würde mich gern mehr ausprobieren." Auf Instagram habe sie Vino Infernale entdeckt und das "Mashup"-Paket ausgesucht, in dem ein Riesling, ein Custoza, ein Perlwein, ein Rosé und zwei Cuvées angeboten werden.

"Hammer", sagt Adi Sadija, als er hört, dass die Kundin über Instagram kam. Schließlich befüllt er den Instagram-Account von Vino Infernale. Er gibt sich große Mühe, vor allem bei den Weinbeschreibungen. Über den Perlwein "Frizzante 3000", aus Muskatellertrauben gekeltert, schreibt er: "Geschmacklich irgendwo zwischen einem Tag in Disneyland, ,Miami Vice', 'Barbie Girl' von Aqua, knisternden Lutschern aus der Kindheit und einem Capri-Eis einzuordnen." Oder über einen Grünen Veltliner: "Fischsemmel und dieser 17er Honivogel passen besser zusammen, als du und deine Jugendliebe von damals."

Die Pandemie ermöglichte den drei Jungunternehmern, an einer Idee zu arbeiten, die sie schon zuvor hatten: Guten Wein an Menschen zu verkaufen, die keine Ahnung von gutem Wein haben.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Bei all den Witzen, die Adi Sadija macht, geht manchmal unter, dass Vino Infernale nicht nur Gaudi ist, sondern viel Arbeit für wenig Geld. Die drei Gründer haben bislang "keinen Cent" daraus gezogen, sagt er. Jeder hält sich mit Erspartem über Wasser und versucht, nebenher genug zu verdienen. Philipp Hanrieder bietet in seiner "Spezlwirtschaft" Essen zum Mitnehmen an. Adi Sadija hat erst seit Kurzem wieder Aufträge als Freelancer. Sie versuchen, das Beste draus zu machen, und hoffen, dass alles, was sie an Zeit und Geld in Vino Infernale stecken, sich irgendwann lohnt.

Viele junge Münchner wollen das unterstützen. Adi Sadija bekommt mit Weinbestellungen auch Kommentare mitgeschickt. "Merci, dass ihr des macht's", steht da zum Beispiel, oder "geil, vielen Dank". Sie haben auch Pullis, T-Shirts, Jacken und Mützen mit ihrem Logo bedrucken lassen. Erst vorhin kam eine Bekannte vorbei und kaufte zwei Flaschen Wein. Sie trug den Vino-Infernale-Pulli, obwohl sie eigentlich selbst ein Modegeschäft am Gärtnerplatz leitet.

Die Liefertour geht weiter nach Haidhausen. Die Straßen sind so gut wie leer. Freitagabend, zu einer Zeit, wenn Leute sonst rausgehen, um das Wochenende zu feiern. Aber wohin sollten sie jetzt auch gehen. Einsam radelt eine Frau vor dem Mini Cooper her, auf deren greller Warnweste "Corona-Angst? Nein, danke!" steht. Adi Sadija liefert ein Weinpaket an einen jungen Mann, der zwar im Home-Office arbeitet, aber trotzdem eine enge Hose trägt. Er ist bei der Hypo-Vereinsbank angestellt, Adi Sadija sagt: "Leg ein gutes Wort für uns ein!" Danach beliefert er eine Frau, die in einem Haus mit dem vielleicht schicksten Treppenhaus Münchens wohnt, frisch gestrichen, Holzparkett. Ihre Freundin hat das Weinpaket als Geburtstagsgeschenk für sie bestellt.

Und dann, als Allerletzte auf der Tour, ist Judith dran. "Das ist die eine, die ich von früher kenne", sagt Adi Sadija jetzt noch mal. "Ich bin gespannt, wie die aussieht. Ich hab die zehn Jahre nicht mehr gesehen", sagt er. "Die war eine schöne Frau. Und knallhart - eine richtig gute Betriebsleiterin." Sie arbeitete damals in einem Club, wo er Veranstaltungen organisierte, erzählt er.

"Servuuus, Vino Infernaaale", sagt er in die Gegensprechanlage. Sie wohnt im fünften Stock ohne Aufzug, was schlecht für die Puste ist. "Lang nicht gesehen", sagt Adi Sadija und übergibt ihr das Weißweinpaket, das sie bestellt hat. Judith ist eine schöne Frau in einer großen Jogginghose. Es stellt sich heraus: Sie hat den Wein tatsächlich wegen ihm bestellt. "Ich habs zufällig in deiner Instagram Story gesehen, da dachte ich: Wir müssen uns ja gegenseitig unterstützen."

Adi Sadija lacht, wird aber gleich wieder ernst. Denn wie so viele, macht auch Judith eine schlimme Zeit durch. Sie leitet inzwischen ein Kosmetikstudio, "wir haben auch zu", sagt sie. Die beiden unterhalten sich noch eine Weile über früher. Und darüber, was für ein Mist das jetzt alles ist. Zum Abschied sagt Judith: "Vielleicht sehen wir uns ja nächste Woche wieder." Es klingt wie Galgenhumor: Weil ihre Weinkiste nächste Woche vielleicht schon leer sein könnte und sie dann Nachschub bräuchte. Adi Sadija sagt: "Und wenn alles wieder okay ist, komm ich zum Augenbrauen zupfen."

© SZ vom 11.11.2020/van
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