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SZ-Serie: Im Lichte der Stadt:Die Kraft der flammenden Schönheit

1400 Grad heiß ist eine Kerzenflamme, sie speist sich aus sich selbst: Durch ihre Hitze schmilzt das Wachs, wandert über den Docht nach oben, um dort selber zum Licht zu werden.

(Foto: mauritius images / Bernd Schunac)

Kerzenschein steckt voller Symbolkraft. Elektrische Lichtlein können das magische Schimmern nicht ersetzen - oder doch? Zu Besuch im Dom, bei einem echten Experten fürs Lodern und Glimmen.

Trambahnhaltestelle Lautensackstraße, kurz nach zehn Uhr abends, irgendwann vergangene Woche: Straßenlaternen beleuchten die Gleise, Haarstudio, Reinigung und Boazn haben schon geschlossen, ebenso die Versicherungsagentur und das Wettbüro. Sie alle versichern mit kaltem, weißen Licht ihre Anwesenheit, Leuchtschilder werben auch nach Ladenschluss. Die meisten Wohnungsfenster sind schon dunkel, nur aus wenigen flimmert noch blau der Fernseher. Drüben aber, im dritten Stock, da flackert es rötlich und gelb und warm durch das Glas. Kerzenlicht.

Wer mag da sitzen? Ein einsamer Genießer, der zum Rotwein die Kerze entzündet hat? Zwei Freundinnen, die über einer Kanne Tee die Unbill der Welt besprechen? Jemand, der bei offener Flamme nach sich selber sucht, nachdenkend, meditierend, betend? Kerzenlicht ist etwas anderes als nur Beleuchtung - die kommt aus der Wand, aus einem Kabel oder aus der Steckdose. Das Licht aus dem Docht hingegen ist Geborgenheit, Sehnsucht und ein Versprechen, "ein Licht uns, stille brennend in der Brust" (Ludwig Uhland).

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Am Nachmittag desselben Tages haben zwei Männer im Liebfrauendom das Licht am Boden ausgelegt: Elektrische Kerzen an Kabeln für die beiden Christbäume im Altarraum, im Lauf der Woche werden sie noch zwei weitere Tannen schmücken, unten vor dem Presbyterium - gut 80 Glühbirnen pro Baum, die aus der Ferne vielleicht so ähnlich aussehen wie Kerzen.

Zwischen den Bäumen steht Bernhard Stürber, schaut ein bisschen skeptisch, sagt aber dann: "Das geht wegen der Sicherheit schon nicht anders." Stürber ist Domzeremoniar, eine Art Regisseur und Planer für alle Gottesdienste im Dom und damit zuständig für den Schmuck der Kirche und für die Kerzen. Stürber ist aber auch Theologe, Diakon, und hat eine überraschende Erklärung bereit, warum elektrische Beleuchtung am Baum in der Kirche okay ist, nicht aber am Adventskranz, der groß und mächtig über dem Altar hängt, drei Meter Durchmesser, 150 Kilogramm schwer, allein jede der vier Kerzen wiegt zehn Kilo: "Der Christbaum", sagt Stürber, "ist kein liturgisches Element, sondern nur Schmuck."

Im Kranz und seinen Kerzen hingegen entfaltet sich für den Christen die Symbolik von Advent und Weihnachten: Das wachsende Licht durch jede Kerze, die neu hinzukommt an den vier Adventssonntagen und auf die Ankunft des Messias verweist. Gleichzeitig aber auch darauf, dass er kam, um sich zu opfern, zu verzehren für die Menschheit, wie eine Kerze, die durch die Erfüllung ihres Zwecks - zu leuchten - ihrem Ende entgegengeht.

1400 Grad heiß ist eine Kerzenflamme, sie speist sich aus sich selbst: Durch ihre Hitze schmilzt das Wachs, wandert über den Docht nach oben, um dort selber zum Licht zu werden. Im Docht eingewebt ist ein sogenannter Spannfaden, er sorgt dafür, dass das Ende des Dochts sich zum Rand der Flamme krümmt - dort ist die Temperatur am höchsten, sodass er verbrennt. Bevor der Spannfaden erfunden wurde, musste das Dochtende, die Schnuppe, mit einer Schnuppenschere abgeschnitten werden - erhalten hat sich der Begriff in der Redewendung "Das ist mir schnuppe", wenn etwas so egal, so wertlos ist wie ein abgebrannter Docht.

Das ist die banale Physik hinter der Kerzenflamme. Metaphorisch aber ist sie mit viel mehr aufgeladen. Der tschechische Schriftsteller Karel Čapek schrieb über das Feuer: "Der Mensch blickt hinein, verliert das Bewusstsein, steht still; er denkt nichts mehr, weiß nichts mehr und entsinnt sich an nichts mehr, aber alles, was er je erlebt, spielt sich gestaltlos und zeitlos vor seinem inneren Auge ab." Und der amerikanische Beat-Autor Jack Kerouac meinte sogar, die einzig wirklichen Menschen seien für ihn "die Verrückten, die verrückt danach sind zu leben, (...) - jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen wie fantastische gelbe Wunderkerzen". Als Prinzessin Diana starb, dichtete Elton John sein Lied "Candle in the wind" - Kerze im Wind - zu ihren Ehren um und sang "Goodbye England's Rose"; in all der weltweiten Ergriffenheit fiel es niemandem ein zu fragen, wie denn eine Rose gleichzeitig eine Kerze sein könne.

"Zu einem Altar gehören Kerzen"

Bernhard Stürbers Lichter-Rundgang durch den Dom ist mittlerweile bei der Taufkapelle angekommen, wo die diesjährige Osterkerze aufgestellt ist. Er scheint ein bisschen zu schaudern, wenn er von der Osternachtsfeier erzählt: Zum gesungenen "Exsultet" wird die Kerze brennend hereingetragen bei völliger Dunkelheit, die Gläubigen entzünden dann ihre eigenen Wachsstöcke an ihr. Vom Altarraum aus muss das ein ergreifender Anblick sein, der Vergleich allerdings mit einem Rockkonzert, wenn alle Zuhörer ihre Feuerzeuge anzünden, verbietet sich wegen Profanität.

Kerzenlicht ist nie profan: Sogar das billige Teelicht, im Hunderter-Sack bei Ikea für 2,99 Euro gekauft, verbreitet im Stövchen sofort warme Gemütlichkeit. Jeder bessere Gastronom weiß ein Abendessen dadurch aufzuwerten, indem er es zum "Candlelight-Dinner" verklärt, obwohl die Kerzen am Tisch mit dem Wohlgeschmack der Speisen gewiss nichts zu tun haben. In vielen Teilen Bayerns werden bei Gewittern immer noch Wetterkerzen angezündet, ein magisches Ritual zur Abwehr der bösen Blitz- und Donnergeister. In der Geburt-Christi-Kapelle des Doms brennt das "Friedenslicht aus Bethlehem", das seine mystische Bedeutung einzig daraus bezieht, dass es am Geburtsort Jesu entzündet wird und dann ungelöscht nach Europa gelangt, wo es vieltausendfach weiterverbreitet wird.

An vier Stellen im Dom können die Menschen Opferkerzen aufstellen und entzünden, 50 Cent das Stück. Bernhard Stürber sagt, gerade in der Kapelle der Schmerzhaften Muttergottes sehe er oft Frauen, die vor dem Altar und ihrer Kerze sitzen und weinen, weinen weinen - vielleicht, weil auch sie den größten aller Schmerzen erlebt haben: ein Kind zu verlieren, und jetzt ihre Trauer, ihre Not, ihre Verlorenheit zur Mutter Jesu tragen. Manchmal, sagt Stürber, hat er das Gefühl, dass sie auf wundersame Art getröstet sind, wenn sie dann gehen. Ob das auch mit dem Licht der Kerze zusammenhängt? Stürber jedenfalls bezweifelt, dass der Effekt auch mit den elektrischen Opferkerzenanlagen erreicht werden kann, die er in italienischen Kirchen gesehen hat: Geld reinschmeißen, dann leuchtet für zehn Minuten die Glühbirne in einer Kerzenattrappe.

Auch wenn die bayerische Wachszieherinnung pflichtgemäß betont, dass hochwertige Kerzen kaum oder gar nicht rußen - natürlich kann der Feinstaub aus der Flamme den historischen Denkmälern, die Kirchen ja meistens sind, gehörig zusetzen: Die "Schwarze Madonna" in der Altöttinger Gnadenkapelle erhielt ihren dunklen Teint hauptsächlich durch den Kerzenruß, dem sie jahrhundertelang ausgesetzt war. In einer riesigen Kathedrale wie dem Münchner Dom ist es wahrscheinlich weniger ein Problem, wenn ein paar Kerzen brennen - für Bernhard Stürber geht aber sowieso Liturgie und Glaubenssymbolik vor Denkmalschutz: "Wir sind ja schließlich kein Museum." Deshalb stehen Kerzen auch an den Seitenaltären, von denen die meisten mit Gittern versperrt und nicht in Benutzung sind: "Zu einem Altar gehören Kerzen", sagt Stürber.

Zum Altar. Zu Weihnachten, zum Advent. Immer, wenn Menschen etwas feiern, wenn sie bei sich sein wollen oder mit ihren Liebsten, mit einem Glas Rotwein, einer Kanne Tee, einem Gebet oder einer Meditation - dann zünden sie Kerzen an, wie ein archaischer Rückgriff auf Höhlenzeiten, als das offene Feuer Geborgenheit, Schutz und Gemeinschaft versprach - das Licht im Dunkeln, das viel mehr ist als ein Glühfaden in einer Birne, zum Leuchten gebracht durch den Strom aus dem Kabel. Menschen zünden Kerzen an, sagt Bernhard Stürber: "Damit sie nicht alleine sind."

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