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LGBTIQ in München:Die Regenbogen-Community ist jetzt Chefsache

Virtueller Christopher Street Day in München in Zeiten der Corona-Krise, 2020

Mit Fahnen und Plakaten für die LGBTIQ-Rechte: Dafür demonstrieren die Teilnehmer beim Christopher Street Day.

(Foto: Robert Haas)

Gewalt und Diskriminierung gegen Transgender, Lesben und Schwule nimmt zu - auch in München. Um die Arbeit der Koordinierungsstelle für Gleichstellung besser zu unterstützen, siedelt sie Oberbürgermeister Reiter direkt bei sich an.

Von Thomas Anlauf

Oberbürgermeister Dieter Reiter erklärt das Engagement für die Münchner Gemeinschaft der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans-, Inter- und Queer-Personen (LGBTIQ) zur Chefsache. Er habe entschieden, die Koodinierungsstelle zur Gleichstellung von LGBTIQ "als persönliche Stabsstelle unmittelbar bei mir anzusiedeln", schreibt der SPD-Politiker an die Gruppen, Vereine und Einrichtungen der Community in München. "Dadurch wird die Arbeit der Koordinierungsstelle deutlich gestärkt und die Bedeutung des Themas und der Stelle in der Stadtverwaltung und in der Stadtgesellschaft betont." Die Koordinierungsstelle, die bislang im Direktorium angesiedelt war, erhält dadurch auch deutlich mehr Einfluss auf die Entscheidungen des Stadtrats.

Andreas Unterforsthuber ist Leiter der Koordinierungsstelle und der Münchner Regenbogen-Stiftung. Der Sozialpädagoge sitzt in einem Seminarraum an der Angertorstraße im Glockenbachviertel, wo die Münchner Community seit Jahrzehnten ihre Heimat hat. "Das macht mich schon auch stolz", sagt Unterforsthuber über den Schritt des Oberbürgermeisters, die kleine Koordinierungsstelle aus gerade mal dreieinviertel Planstellen direkt beim Rathauschef anzusiedeln. "Das ist ein klares Signal des Oberbürgermeisters", der in dem Brief schreibt, dass eine starke LGBTIQ-Community "ein wichtiger Pfeiler für eine demokratische, friedliche und weltoffene Stadtgesellschaft" sei.

Bereits in der Vergangenheit hatte sich der Stadtrat für die Gemeinschaft eingesetzt und die Angebote konnten deutlich ausgebaut werden, das Schwulenzentrum Sub an der Müllerstraße ebenso wie das Letra-Zentrum für lesbische, bisexuelle und transidente Frauen. OB Reiter ist es wichtig, gegen "das Gift von Hetze, Falschinformation und rechtem Gedankengut" Widerstand zu leisten "und diesen Entwicklungen entschieden entgegen zu treten", wie der Rathauschef Mitte Oktober in dem Brief an die Münchner Community schreibt.

Auch Unterforsthuber sieht die Entwicklung mit Sorge. Die Gewalt gegen Transgender, Lesben und Schwule nehme zu, von extremen Gruppen komme "ein ganz hässlicher Gegenwind". Gewalt und Aggression gegen Münchnerinnen und Münchner mit gleichgeschlechtlichen Lebensweisen habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Das habe mit mehreren Phänomenen zu tun: Da sei zum einen die politische Entwicklung im weit rechten Bereich, in dem einige Akteure "so tun, als gäbe es die Guten und die Schlechten". Zum anderen habe durch die zunehmende Sichtbarkeit der Community gerade in Großstädten wie München - wo ihr Unterforsthuber zufolge etwa 100 000 Menschen angehören - auch die Abwertung durch diskriminierendes Verhalten zugenommen.

Im Schwulenzentrum Sub an der Müllerstraße hat deshalb auch im Sommer das Projekt "Strong" die Arbeit aufgenommen. Es ist eine Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt mit derzeit eineinhalb Stellen, die vom Freistaat und der Stadt München finanziert werden und bereits einen eigenen Internetauftritt hat (https://strong-lgbti.de). "Wir wollen auch eine Statistik erstellen, wie viel Diskriminierung und Gewalt es gibt", sagt Kai Kundrath, Geschäftsführer des Sub. Die Dunkelziffer von feindlich motivierten Taten gegen LGBTIQ-Personen sei auch in München sehr hoch. Es sei deshalb wichtig, dass Betroffene oder Zeugen derartige Vorfälle bei der Polizei und in der neuen Fachstelle melden und gegebenenfalls Anzeige erstatten.

Die Aufklärungsarbeit ist für die städtische Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen auch eine zentrale Aufgabe. Da ist zum einen die fachpolitische Arbeit: So müssen Stadtrat und Referate die Koordinierungsstelle als Fachgremium einbinden, "das funktioniert auch im Großen und Ganzen", sagt Andreas Unterforsthuber. So startete im vergangenen März in München das Frauen-Nacht-Taxi, bei dem Frauen nachts mit Fünf-Euro-Gutscheinen günstiger nach Hause fahren können. Die Koordinierungsstelle erreichte damals, dass das Taxi-Angebot nun auch für Frauen jeglicher geschlechtlicher Identität gilt.

Des weiteren arbeiten Unterforsthuber und sein kleines Team an der Gleichstellung innerhalb der Verwaltung, "denn wir haben in einer Studie 2011 festgestellt: Da ist wirklich etwas zu tun." Eine weitere Aufgabe der Stelle, die es nun seit 2002 gibt, ist die Unterstützung der Community bei ihren Anliegen an die Stadt. Ein wichtiger Aspekt der Arbeit ist auch die Fortbildung und Schulung von Mitarbeitern in der Stadtverwaltung, insbesondere im Sozialreferat. Denn auch, wenn die meisten dem Thema LGBTIQ aufgeschlossen gegenüber stünden, seien die Fortbildungen immens wichtig.

Trotz der vielen kleinen Schritte, die nötig seien, auch in der Verwaltung und bei der Polizei Aufklärungsarbeit für gleichgeschlechtliche Lebensweisen zu leisten, ist der Chef der Einrichtung mit der Entwicklung zufrieden: "München ist bei dem Thema deutschlandweit mit am besten aufgestellt", sagt Unterforsthuber.

© SZ vom 30.10.2020/van, kafe

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