Alles hängt mit allem zusammen. Wenn es dafür noch eines Beweises bedürfte, dann liefert ihn Pierre Jarawan mit seinem Roman „Frau im Mond“. Nicht nur geht er darin auf Spurensuche zwischen Armenien, Kanada und Libanon: Auch in der Dramaturgie des Romans gehört alles irgendwie zusammen. Es gibt „eine Hauptgeschichte, eine Vor- und eine Vorvorgeschichte. Und ein paar Neben- und Untergeschichten“, wie er schreibt. „Das ist wie bei einer guten Baklava: Es braucht verschiedene Schichten, die, im richtigen Verhältnis übereinandergelegt, ein großes Ganzes ergeben, etwas wirklich Überwältigendes.“
Pierre Jarawan stellt seinen Roman am 29. April im Literaturhaus vor. Es ist eine von vielen interessanten Lesungen, die in den nächsten Wochen in München zu erleben sind: Sie mögen zwar recht unterschiedliche Themen behandeln. Doch übereinanderlegt ergeben sie ein vielfältiges großes Ganzes der Themen, die unsere Gesellschaft gerade umtreibt.
Wie geht es etwa mit der Demokratie weiter? Wer keine Karte mehr für den ausverkauften Abend mit der Ex-Kanzlerin Angela Merkel (12.5., LMU) bekommen hat, gibt sich vielleicht mit Ex-Minister Horst Seehofer zufrieden, der mit dem Autor Stephan Lamby im Salon Luitpold über die „kippende Mitte“ diskutiert (29.4.). Politisch wird es auch in der Woche der Meinungsfreiheit: „Diskutieren statt polarisieren“ heißt ein Abend mit den Autoren Joana Osman, Nikolaus Blome und Sally Lisa Starken im Literaturhaus (8.5.).
Eine große „Debatte über den Wert von Kultur und ihre Finanzierung“ gibt es zwei Tage später in den Kammerspielen. Es ist kein Zufall, dass an jenem 10. Mai dort auch eine „Bibliothek der Schicksale“ eröffnet wird, die Texte zu Mitarbeitern des Theaters, die in der NS-Zeit verfolgt wurden, zugänglich macht: Das Datum ist traurig eng mit der Erinnerung an die Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten 1933 verbunden. Wie immer am 10. Mai gedenkt auch ein Team um den Künstler Wolfram Kastner auf dem Königsplatz mit einer langen Lesung bis 18 Uhr, die Oberbürgermeister Dieter Reiter um 11 Uhr eröffnet. Der OB wird dann weiterziehen zum Odeonsplatz, wo von 12 Uhr an ebenfalls aus Texten ehemals verfolgter Autorinnen und Autoren gelesen wird.
Darunter waren viele jüdische Schriftsteller. Da Antisemitismus nicht nur Geschichte ist, sondern schmerzhaft in die Gegenwart ragt, ist es umso bedeutsamer, dass die Autorin Dana von Suffrin und der Historiker Philipp Lenhard eine neue Reihe im Literaturhaus begründen: „Der jüdische Buchclub“ diskutiert Werke, die jüdisches Leben aufgreifen (6.5.). Nicht dabei ist der neue Roman von Leon de Winter, doch der Autor kommt selbst, um „Stadt der Hunde“ vorzustellen (18.5.). Einen Monolog des jüdischen Schriftstellers Max Aub aus dem Exil 1939 tragen übrigens Sibylle Canonica und Elina Fernández im Eine-Welt-Haus vor: „Ich will keinen Trost von Niemandem“ (29.4.).
Doch es gibt bei allen ernsten Themen im Mai auch einiges zu feiern – etwa den Kulturpreis der deutschen Wirtschaft, der in den Kammerspielen drei Nominierte vorstellt (16.5.): Yevgeniy Breyger, Elias Hirschl und Hengameh Yaghoobifarah sind in die engere Auswahl gekommen. Würde man alleine ihre sehr unterschiedlichen Bücher wie eine Baklava übereinanderlegen, käme dabei auch ein sehr vielschichtiges großes Ganzes heraus.

