Was läuft in der Literatur im JuniVon Frauenhass und anderen Feindseligkeiten

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Ildikó von Kürthys Bestseller „Alt genug“ erschien nicht allen gut genug. Die Autorin liest nun in München.
Ildikó von Kürthys Bestseller „Alt genug“ erschien nicht allen gut genug. Die Autorin liest nun in München. IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Ildikó von Kürthy und Christiane Rösinger beschäftigen sich mit dem Älterwerden, Judith Hermann oder Eva von Redecker mit dem Faschismus – herausragende Lesungen in München im  Juni.

Von Antje Weber

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Wo beginnt, wo endet Frauenfeindlichkeit? Viel wurde in letzter Zeit darüber diskutiert, ob es grundsätzlich in Ordnung ist, wenn ein Kritiker Bücher in den Papiercontainer wirft – und ob im Speziellen seine abfälligen Bemerkungen, was die Literatur von Frauen angeht, mehr als nur Überheblichkeit zeigen. Wer möchte, kann über solche Phänomene nun bei mehreren Lesungen in München nachdenken – und noch über einiges mehr.

Ildikó von Kürthy war die Autorin, deren Buch „Alt genug“ den Kritiker Denis Scheck an Geschnatter auf der Damentoilette erinnerte. Ganz davon abgesehen, dass dort in langen Warteschlangen durchaus Zeit für tiefsinnige Gespräche wäre – man kann auch die Alte Kongresshalle aufsuchen, um über das Thema Älterwerden unterhalten und informiert zu werden: Kürthy ist dort am 31. Mai zu erleben. Vielleicht aber hat man auch schon genug über das Thema erfahren: von Christiane Rösinger, die am Abend zuvor im Volkstheater Station machte mit ihrem Buch „The Joy of Ageing“. Oder am eigenen Leib.

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Alle reden über Ildikó von Kürthy, weil sie von Denis Scheck desavouiert worden ist. Aber wie liest sich ihr Buch „Alt genug“ denn nun? Und macht Christiane Rösingers eben erschienenes „The Joy of Ageing“ Lust darauf, älter zu werden?

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Was nicht heißt, dass solche Themen nur ältere Frauen interessieren. Auch eine junge Autorin wie Veronika Kracher macht sich in ihrem Buch „Bitch Hunt“ Gedanken darüber, warum Hass und Hetze gegen Frauen nicht weniger werden, sondern insbesondere im Internet sogar viel mehr. Die Autorin und selbsternannte „Expertin für belastende Männer im Internet“ wird darüber am 18. Juni im Literaturhaus berichten – und dabei auch Antworten suchen auf große Fragen wie: „Welche Rolle spielen misogyne Kampagnen im rechten Kulturkampf?“

Wer beim Stichwort „rechter Kulturkampf“ aufhorcht, ist auch bei einem Abend mit Christoph Bartmann richtig: „Attacke von rechts“ heißt das Buch des langjährigen Leiters von Goethe-Instituten, der das Erstarken des Rechtspopulismus in vielen Ländern miterlebt hat und einordnen kann (Literaturhaus, 23. Juni). Wie eine „Gegenwehr im Jetzt“ aussehen kann, darüber kann man sich auch an einem Abend im NS-Dokuzentrum verständigen: Die Autorinnen Asal Dardan, Lena Gorelik,  Shelly Kupferberg und der Historiker Dietmar Süß sprechen dort am 7. Juni anhand eines neuen Essaybands über Erinnerung, Demokratie und Solidarität.

Kraft schöpfen aus der Erinnerung, das kann auch ein Abend in der Monacensia leisten: Die Schriftstellerin Barbara Honigmann stellt hier am 9. Juni ihr Erinnerungsbuch „Mischka“ vor. Darin erzählt sie vom Leben und Überleben von jüdischen kommunistischen Intellektuellen, die sie in ihrer Jugend als Freunde ihrer Eltern kennenlernte – ein Kosmos, der sie damals „umstrahlte“, wie sie schreibt, und bis heute prägt.

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In „Mischka“ erzählt  Barbara Honigmann von Freunden ihrer Eltern, die den Nazis entkamen. Es sind Protokolle brutaler Schicksale, aber auch Geschichten des Weitermachens und der Würde.

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Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, dieser Gedanke inspirierte auch das neue Buch von Judith Hermann, das sie am 11. Juni im Literaturhaus vorstellt. Die Erinnerung hat hier allerdings nichts Strahlendes, im Gegenteil geht es um die Auseinandersetzung mit einer Täter-Perspektive, die sich durch Lücken in den Familienerzählungen nur schwer rekonstruieren lässt. „Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis“, schreibt Hermann, „sie existiert und wird zugleich geleugnet“, wie in so vielen Familien.

„Dieser Drang nach Härte“, könnte da jetzt die Philosophin Eva von Redecker aufseufzen, ihren eigenen Buchtitel zitierend. Sie analysiert die Kontinuitäten des Faschismus. Der trete heute in neuer Form auf, schreibt sie, und seinen Kern bilde eine „entfesselte Eigentumslogik“. Bei diesem Eigentum könne es sich um die Nation handeln, die Familie, den Verbrennermotor oder „die Meinungsfreiheit“. Diesen Besitz zu schützen, rechtfertige für Faschisten eine „Selbstjustiz gegen Plünderer“.

Wie dem begegnen? Eva von Redecker macht einige Vorschläge, sicher auch im Literaturhaus am 12. Juni. Dazu gehört auch bei ihr, entschieden gegenzuhalten, „sofort, ständig“, wenn einzelne gesellschaftliche Gruppen angegriffen werden. Und, nicht zuletzt, auf schieren Glauben zu setzen: das „große Risiko einzugehen, an die Menschheit zu glauben, an das Menschliche im anderen und, vielleicht noch herausfordernder, in sich selbst“.

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