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Friedrich Anis neuer Krimi:Wenn eine Demo ins Auge geht

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Friedrich Ani stellt am Dienstag seinen Roman "Bullauge" im Literaturhaus München vor - einen hochaktuellen Krimi, der ins dunkle Herz der Stadt führt.

Von Antje Weber

Wenn er in den Spiegel sieht, starrt ihn ein Fremder an, "eine vernarbte, bleiche Fratze mit knochigen, stoppeligen Wangen und einer schwarzen Klappe über dem Auge; der Mund verzerrt, Panik im Blick". Dabei war Kay Oleanders Welt bis vor Kurzem noch leidlich in Ordnung - bis der 54-jährige Polizist beim Einsatz auf einer Demo in der Münchner Innenstadt von einer Bierflasche getroffen wurde und ein Auge verlor. Wer aus der Menge, deren "Geschrei nach Freiheit und angeblich abgeschafften Bürgerrechten" dem Polizisten ohnehin auf die Nerven ging, hat die Flasche geworfen?

Dies ist die Ausgangsfrage, die Friedrich Ani in seinem neuen Roman "Bullauge" (Suhrkamp) stellt. Und die in einer ersten Antwort den verletzten Polizisten, der nun zu Hause vor sich hinbrütet, zu einer möglichen Täterin führt: Silvia Glaser, auch sie eine körperlich Versehrte, ist dringend verdächtig - und hasst seit einem schicksalhaften Unfall, der ihre Hüfte ruinierte, die daran in ihren Augen mitschuldige Polizei ohnehin: "Ihr seid alle gleich" ist ihre Haltung, die sie schließlich in die gefährliche Nähe einer rechtspopulistischen Partei hat rücken lassen.

Damit wäre das Feld für einen in vielerlei Hinsicht typischen Ani-Krimi bereitet, den er am 4. Oktober im Literaturhaus vorstellen wird. Dass der Roman auf Münchner Straßen, in Münchner Mietshäusern und Spelunken spielt, ist ohnehin fast selbstverständlich. Auch, dass die meist empathisch gezeichneten Menschen stets in irgendeiner Form beschädigt sind, manchmal nur im Inneren, diesmal auch äußerlich. Sie kämpfen mit den eigenen Dämonen und denen der anderen. Und die sind diesmal besonders augenfällig - und hochpolitisch.

Ani umkreist insbesondere das Thema Polizei

Denn Ani umkreist in "Bullauge" insbesondere das Thema Polizei in ihren vielen Facetten. Einfache Antworten gibt er nicht, wenn er Licht und Schatten zeigt, die Beamten als Freunde und Helfer ebenso vorführt wie als Rüpel oder gar Staatsfeinde mit im Verborgenen wuchernden rechten Gesinnungen. Mit Verbindungen, die womöglich bis zu einem Anschlag auf den Bundespräsidenten reichen, bei einem Festakt zum Jahrestag der Grundsteinlegung des Jüdischen Zentrums am St.-Jakobs-Platz.

Es ist also wieder einmal eine brisante Versuchsanordnung, die der vielfach ausgezeichnete Münchner Schriftsteller für seinen neuen Krimi gewählt hat. Darüber, dass etwa die Beziehung, die sich zwischen dem Polizisten und der Polizeihasserin entwickelt, nicht bis ins Letzte glaubwürdig wirkt, werden die meisten Leser und Leserinnen vermutlich hinwegsehen - und gebannt dran bleiben, bis sich der Fall nach so einigen Wendungen und Zuspitzungen in einer überraschenden Schlussszene auflöst. Sie werden sich hineinziehen lassen in eine düster wirkende Welt, die der Realität beunruhigend ähnelt; werden abtauchen in politische wie menschliche Untiefen. Denn wie sagt Silvia Glaser in einer bierberauschten Nacht zum Polizisten Oleander: "Ich schau durch dich hindurch wie durch ein Bullauge, und alles, was ich seh, ist ein schwarzes Meer."

Friedrich Ani: Bullauge, Dienstag, 4. Oktober, 20 Uhr, Literaturhaus, Salvatorplatz 1, literaturhaus-muenchen.de

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