Artenvielfalt:Münchens Naturschatzkammer

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Artenvielfalt: Rückzugsgebiet für viele Vogelarten: Der Brutturm im Virginia-Depot wird von Turmfalken, Mauerseglern und Dohlen genutzt.

Rückzugsgebiet für viele Vogelarten: Der Brutturm im Virginia-Depot wird von Turmfalken, Mauerseglern und Dohlen genutzt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein altes, abgeriegeltes Militärgelände an der Schleißheimer Straße ist zur Heimat einer einzigartigen Flora und Fauna geworden. Pflanzen und Tiere sind auf dem Areal des Virginia-Depots aber nicht sich selbst überlassen.

Von Ilona Gerdom

Schmetterlinge tanzen durch die Luft, Idas-Silberfleckbläulinge und andere mit ähnlich wundersamen Namen. Es riecht nach Thymian. Er wuchert zwischen kniehohen Grashalmen. Nur ein Rauschen im Hintergrund erinnert daran, dass man sich in München befindet. Zu hören ist kein Fluss, sondern der Verkehr auf der Schleißheimer Straße. Das Virginia-Depot im Stadtteil Lerchenau ist nur ein paar Meter von ihr entfernt. Es ist ein Zuhause für bedrohte Tiere und Pflanzen. Bei einem Rundgang lernt man einige von ihnen kennen - und auch viel darüber, wer sich wie um das Biotop kümmert.

"Dann sperr ich jetzt zu", sagt eine der Gastgeberinnen. Ehe man sich's versieht, ist der Schlüssel im Schloss gedreht und man sitzt auf einer umzäunten Fläche von rund 20 Hektar fest. Raus kommt man erstmal nicht mehr. Aber warum sollte man das auch wollen? Nicht jeden Tag kann man einen "Schatz im Stadtgebiet", wie Landschaftsarchitektin Angelika Ruhland das Depot nennt, erkunden. Betreten darf man das Gelände nur bei Führungen des Landesbunds für Vogelschutz München (LBV). Er pflegt und entwickelt die Naturoase mit dem Staatlichen Bauamt und dem Planungsbüro Luz Landschaftsarchitekten.

Wuchernde Gräser, Moosflechten am Boden, so sah es hier nicht immer aus. Frauke Lücke vom LBV zeigt Richtung Norden. Wo heute Bäume wachsen, standen bis 2011 noch Häuser. In der NS-Zeit waren sie als Lager für Getreide gebaut worden. Ihren heutigen Namen erhielt die Fläche später, als amerikanisches Militärgebiet.

Artenvielfalt: Um die Pflege der Naturlandschaft kümmern sich (von links) Frauke Lücke und Heinz Sedlmeier vom LBV mit Architektin Angelika Ruhland und Veronika Metz vom Staatlichen Bauamt München.

Um die Pflege der Naturlandschaft kümmern sich (von links) Frauke Lücke und Heinz Sedlmeier vom LBV mit Architektin Angelika Ruhland und Veronika Metz vom Staatlichen Bauamt München.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Heinz Sedlmeier, Geschäftsführer des LBV, freut sich wie ein Kind, während er im weißen Hemd durch das Biotop führt. Plötzlich macht er einen Schritt zur Seite, deutet entzückt nach unten. Das graue Tierchen auf dem steinigen Boden ist mit ungeschultem Auge leicht zu übersehen: eine Blauflügelige Ödlandschrecke. In anderen Teilen Bayerns bedroht, begegnet sie einem hier oft. Rund 100 000 Stück vermutet Sedlmeier in der Grünanlage. Schon 2002 bis 2011 arbeitete der LBV auf dem Gelände, und seit 2022 ist er wieder mit an Bord. In der Zeit dazwischen hat sich viel getan, zum Beispiel ist das Gebiet um zehn Hektar Ausgleichsfläche gewachsen.

Eine, die den Ort von Anfang an mitentwickelte, ist Angelika Ruhland. Sie stellt klar: Was man sieht, ist eine Kulturlandschaft. Die Planerin erklärt: "Würde man gar nichts machen, wäre der Endzustand Wald." Um die Artenvielfalt zu schützen, dürfe man das Depot also nicht sich selbst überlassen. Seit 2015 gibt es alle zwei Jahre Untersuchungen zu Flora und Fauna, "damit man justieren kann". Immer wieder wird die Pflege an das Gelände angepasst. Seit 2017 läuft die "Folgepflege". 20 Jahre soll sie dauern, erst danach ist ein Ausgleich für große Bauten, etwa das nahegelegene Forschungs- und Innovationszentrum von BMW, abgeschlossen.

Dunkle Steine erinnern daran, dass die Fläche nicht natürlichen Ursprungs ist. "Alles wurde irgendwann mal von Menschen verändert", sagt Sedlmeier und deutet auf ein altes Gleisbett. "Die Gleise musste man wegen der Altlasten ausbauen. Der Schotter wurde ersetzt", erläutert Ruhland. Ganz verschwinden durfte die Anlage nicht, weil sich dort ebenfalls Tiere und Pflanzen eingerichtet hatten. Zu denen, die sich auf dem Schotter herumtreiben, gehören die Keulenschrecken - eine von 20 bis 25 Schreckenarten, die laut LBV auf dem Areal unterwegs sind.

Artenvielfalt: Seit Jahrzehnten ungestört: Jedes Blatt und...

Seit Jahrzehnten ungestört: Jedes Blatt und...

(Foto: Alessandra Schellnegger)
Artenvielfalt: ... jede Ritze bietet Schutz und Ruhe.

... jede Ritze bietet Schutz und Ruhe.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein paar Schritte weiter liegt die ehemalige Panzerverladerampe. Gut 150 Meter lang und zwischen 20 und 25 Meter breit erstreckt sich die Zunge aus Pflastersteinen. Die Hinterlassenschaft aus Kasernenzeiten zu entfernen, wäre ein "irrer Aufwand" gewesen, sagt Sedlmeier. Ruhland ergänzt, das sei zwar "eine bizarre Situation" angesichts des Betons, aber die Rampe sei "Pionierstandort für angepasste Arten". Aus den Ritzen sprießen zum Beispiel Rispen-Flockenblume und Mauerpfeffer. Sedlmeier zeigt nach oben. Drei Mäusebussarde ziehen Kreise. Wohl eine Familie, sagt der Biologe. Das Biotop ist auch Rückzugsort und Brutgebiet für viele Vögel.

Dieses Zuhause muss geschützt werden, sind sich die Anwesenden einig. Ruhland betont: "Die Flächen sehen so aus, weil sie jahrzehntelang abgeriegelt waren. Wäre das nicht so, hätte es nicht die Qualität." Überhaupt könnte man das Gelände nicht aufmachen, weil es "hinten und vorne nicht verkehrssicher" sei, so der LBV-Chef. Er wünscht sich jedoch für die Zukunft, dass Kinder- und Jugendliche hier Natur erfahren können.

Nach etwa eineinhalb Stunden fällt das Tor wieder ins Schloss. Das Depot ist erneut abgeriegelt. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass dieser Schatz von weit mehr als einem Zaun behütet wird.

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