bedeckt München 10°

Lerchenau:Kleine Schau für ein großes Werk

Zweigstelle der Raiffeisenbank an der Lerchenauer Straße 206 mit Dauerausstellung im Inneren, die den Werken des Bildhauers Otto Zehntbauer gewidmet ist.

Meister der christlichen Kunst: Teil der Ausstellung ist ein aufwendig restauriertes Kruzifix.

(Foto: Florian Peljak)

Otto Zehentbauer hat bedeutende Kirchenkunstwerke geschaffen, wurde berühmt für seine Krippendarstellungen. Gegen erhebliche Widerstände ist seine Villa in der Lerchenau durch den Neubau einer Bankfiliale ersetzt worden - dort ist nun eine Auswahl seines Schaffens zu sehen

Von Jerzy Sobotta, Lerchenau

Einen alten Schwarz-weiß-Film gibt es noch, der Otto Zehentbauer in seinem Münchner Atelier zeigt: Halbglatze, strenger Blick, weißer Kittel. Der Bildhauer steht vor einer Holzfigur, die er Schlag für Schlag mit einem Schnitzeisen bearbeitet. Ein junges Paar schaut ihm über die Schulter, bestaunt die Arbeiten und kauft schließlich drei Figuren: die heilige Familie für die Weihnachtskrippe. Der Kurzfilm ist von 1941, wohl die einzige Filmaufnahme, die aus dem Atelier Zehentbauers existiert. Heute erinnern an die alte Wirkungsstätte des berühmten Krippenschnitzers eine Eisenstele und eine kleine Ausstellung, die Anfang des Monats eröffnet wurde. Ist sie ein Ausdruck von Heimatpflege oder doch nur ein Feigenblatt für einen viel größeren Verlust? In der Lerchenau ist das umstritten.

Eines der Werke aus der Ausstellung ist ein Kruzifix Zehentbauers. Ein Bildhauer hat es jüngst aufwendig restauriert und neu lackiert, dem Heiland hatten die Arme gefehlt. Das Kreuz steht in einer Glasvitrine in der Filiale der Raiffeisenbank München-Nord - einer neuen Filiale in einem neuen Gebäude, das erst vor wenigen Wochen fertig wurde. Zehentbauers altes Haus war dafür abgerissen worden, trotz des großen Protests von Nachbarn, Heimatpflegern und dem örtlichen Bürgerverein.

Otto Zehentbauer

Otto Zehentbauer auf einer undatierten Aufnahme.

(Foto: Nachlass Familie Zehentbauer)

Die prachtvolle Villa an der Lerchenauer Straße 206 hatte der Künstler 1912 errichten lassen und darin bis zu seinem Tod 1961 gelebt. Das Haus war ganz in Efeu eingehüllt, eines der ältesten Häuser in der Lerchenau. Hier entstanden seine wichtigsten Werke. Eindrucksvoll gearbeitete Krippen, die mit ihren Burgen und Steinruinen an Renaissance-Gemälde erinnern. Gipsfiguren mit beweglichen Gliedmaßen, fein ausgearbeitete Holzschnitzereien, Bildnisse voller Individualität und Lebenskraft.

Heute stehen die Krippen und Figuren von Zehentbauer im Aachener Dom, im Dom zu Speyer und in der Münchner Frauenkirche. "Er war in ganz Deutschland bekannt, einer der besten Krippenbauer seiner Zeit, der seine Arbeiten sogar bis nach Brasilien verkauft hat", sagt Karola Kennerknecht, die vor acht Jahren ein Buch über den Bildhauer geschrieben hat. Als die Villa noch stand, hat sie viel Zeit in der alten Werkstatt in der Lerchenau verbracht. Die habe bis zum Abriss noch so ausgesehen, wie in dem Stummfilm von 1941. Einzigartig in Deutschland, sagt sie. Das Haus hatte damals noch dem Erben und Schwiegersohn des Künstlers, Gerd Schramm, gehört. Nachdem er gestorben war, wurde es 2014 verkauft.

Zweigstelle der Raiffeisenbank an der Lerchenauer Straße 206 mit Dauerausstellung im Inneren, die den Werken des Bildhauers Otto Zehntbauer gewidmet ist.

Die Ausstellung ist in der Raiffeisenbank-Filiale zu sehen.

(Foto: Florian Peljak)

Dass das Zehentbauer-Haus schließlich abgerissen wurde und heute auf der Parzelle ein Neubau steht, hat Kennerknecht verbittert zur Kenntnis genommen. "Eine Stiftung, die sich für Volkskunst und Denkmalschutz einsetzt, hätte das Haus retten müssen", sagt Kennerknecht über die Raiffeisenbank und deren Stiftung, die für die Restaurierung des Kreuzes gezahlt hat. Was die Raiffeisenbank letztlich zum Abriss bewogen hat, darüber will sich ihr Sprecher nicht äußern.

Die Figuren, die in der Ausstellung zu sehen sind, stammen aus dem abgerissenen Atelier des Künstlers. Allerdings seien es nur einige wenige Restexemplare, sagt Kennerknecht. Den Großteil des Nachlasses, rund 200 Gips- und Tonfiguren, habe der Bürgerverein übertragen bekommen, der gegen den Abriss gekämpft hatte. Sie sind eingelagert.

Abgesehen von der kleinen Ausstellung werden zur Weihnachtszeit weitere Arbeiten des Bildhauers zu sehen sein. Man muss sie etwas suchen, denn sie stehen in verschiedenen Kirchen im Münchner Norden. So gebe es Zehentbauers Figuren und Krippen in Moosach, Feldmoching und Oberschleißheim, zählt Kennerknecht auf. Sie entdecke immer wieder neue Krippen und Figuren von ihm. Sie erkennt sie nicht zuletzt an dem eigenartigen Stil. "Es sind richtige Typen, Menschen mit Haken und Kanten", sagt Karola Kennerknecht.

Die Ausstellung in der Raiffeisenbank, Lerchenauer Straße 206, ist während der Öffnungszeiten zu sehen. Den zehnminütigen Stummfilm kann man online unter domkrippe-speyer.de anschauen.

© SZ vom 23.11.2020/van
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema