Lehrermedientag:Schulfach "Smartphone"

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Digitaler Schulalltag an der Sabel Schule in München in Zeiten der Corona-Krise, 2020

Ein kompetenter Umgang mit Medien müsse festes Schulfach sein. Dies sei existenziell wichtig für die Demokratie, sagt der Wissenschaftler Bernhard Pörksen beim Lehrermedientag.

(Foto: Stephan Rumpf)

Am schulfreien Buß- und Bettag informieren sich hunderte Lehrer über den Umgang mit Medien. Es geht um Fake News, Manipulation durch Sprache - und das unbedachte Hochladen von Fotos im Netz.

Von Sonja Niesmann

Medienmündigkeit, postuliert der Wissenschaftler Bernhard Pörksen, sei zur Existenzfrage der Demokratie geworden in Zeiten einer "tektonischen Verschiebung unserer Medienwelt". Jede und jeder kann rund um die Uhr Nachrichten oder Videos hochladen und posten, in denen Wahres wie Falsches, Gewissheiten oder Scheingewissheiten in ungeahnter Geschwindigkeit verbreitet werden.

Beim Amoklauf im OEZ im Juli 2016 etwa, streut Pörksen ein, seien bis zu 300 Tweets pro Minute abgesetzt worden. In der Entwicklung eines "Öffentlichkeitsbewusstseins", vergleichbar dem Umweltbewusstsein, sieht Pörksen daher den großen Bildungsauftrag unserer Zeit.

Dass Lehrerinnen und Lehrer dies längst auch als ihren Auftrag begriffen haben, zeigt sich schon daran, dass Hunderte aus ganz Bayern an einem für sie schulfreien Buß- und Bettag in aller Frühe, kaum später als zu Unterrichtsbeginn, vor ihren Bildschirmen sitzen und dem Vortrag des Tübinger Professors lauschen.

Auch in diesem Jahr findet der Lehrermedientag nur virtuell statt, als Livestream aus der Media School in München. In den Beiträgen geht es um Fake News und wie man ihnen auf die Schliche kommt, um Manipulation durch Sprache, um das - vor allem bei Jüngeren - oft allzu unbedachte Hochladen von Fotos ins Netz. Bei seiner Aufklärungsarbeit zu Letzterem, räumt der Ex-Lehrer und Digitaltrainer Hendrik Odendahl ein, stoße er leider schnell an Grenzen.

Von der gedruckten Zeitung zum digitalen Erzählen

Für die Süddeutsche Zeitung, Mitveranstalter des Lehrermedientags, stellen Elisabeth Gamperl und Christian Helten "Digitales Storytelling" vor, erläutern also, wie sich das Erzählen im Digitalen vom Schreiben für die gedruckte Zeitung unterscheidet.

Die Quintessenz in einem Satz: Nicht allein der Text ist die Geschichte, sondern auch die visuelle, oft opulente Einbettung mit Bildern, Videos, Infografiken, Karten, Möglichkeiten zur Interaktion. "Wir erreichen vor allem unsere jungen Leser nur, wenn wir unsere Texte fürs Lesen auf dem Smartphone optimieren", sagt Elisabeth Gamperl.

Weiterer Vorteil des digitalen Erzählens sei die Messbarkeit des Erfolgs: Wie kommt die Geschichte an, wie viele klicken, bleiben wie lange dabei? Im Begleitchat zum Stream stößt dies auf großes Interesse, ruft aber auch nachdenkliche Reaktionen hervor, bis hin zur provokant zugespitzten Frage: Werden Bildergeschichten den Text ersetzen? Wegen der knappen Zeit können Gamperl und Helten nur auf einige wenige Punkte eingehen, stellen aber klar, gerade im Digitalen könne ein Text beliebig lang sein.

Der Journalismus soll sich transparent machen

Veranstaltungen wie diese, lobte Pörksen eingangs in seinem Vortrag, seien eine wichtige Säule für die anzustrebende Medienmündigkeit. Der Journalismus müsse den Dialog suchen, sich transparent machen, über die Gesetzmäßigkeiten der eigenen Branche aufklären. Das stärke auch Lehrkräfte in ihrer eigenen Medienkompetenz und deren Weitergabe an die Schüler.

Medienpraxis und Medienanalyse müssten in der Schule als eigenes Fach unterrichtet werden, schlägt der Professor als zweite wichtige Säule vor. Das haben vor ihm schon viele gefordert, doch bis dahin wird es wohl noch ein längerer Weg sein.

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