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Lehrermedientag:Wenn übers Smartphone ständig neue Reize kommen

Schultasche mit Handy, 2017

Smartphone und Schulranzen: Mobiles Internet gehört für Schüler zum Alltag.

(Foto: Stephan Rumpf)

Etwa 120 Pädagogen haben am Lehrermedientag über Medien und Journalismus diskutiert. Ein wichtiges Thema: Wie das mobile Internet Schüler unterbewusst in Stress versetzt.

Von Jakob Wetzel

Wie Algorithmen, wie das mobile Internet den Alltag von Schülerinnen und Schülern verändern, fragt der Journalist Richard Gutjahr, und eine seiner ersten Antworten ist: Sie erzeugen Stress. Handynutzer würden ständig mit neuen Reizen konfrontiert, Apps würden direkt auf den Startbildschirmen auf sich aufmerksam machen und bewusst so programmiert, dass sie süchtig machen. Unter Jugendlichen grassiere die Angst, etwas zu verpassen, wenn sie offline sind.

Schon jetzt würden Jugendliche durchschnittlich mehr als sechs Stunden am Tag das Internet nutzen, doppelt so lange wie Erwachsene, sagt Gutjahr. Und sie konsumierten immer mehr Video-Angebote wie Tiktok. Selbst der Kurznachrichtendienst Twitter, über den Beiträge mit maximal 280 Zeichen verbreitet werden können, sei zu textlastig und werde von multimedialen Angeboten verdrängt. "Und dabei sind wir noch in der 4G-Welt", sagt Gutjahr. 5G, der nächste Mobilfunkstandard, werde noch zwanzigfach schneller sein. Das bedeute noch mehr bewegte Bilder, noch mehr aufploppende Hinweise auf den Handys, noch mehr Stress: "Der Dammbruch steht uns noch bevor."

Die Zuschauer Gutjahrs sind an diesem Mittwochvormittag rund 120 Lehrerinnen und Lehrer. Es ist Buß- und Bettag, deshalb geben sie keinen Unterricht, stattdessen haben sie Zeit sich fortzubilden. Die Süddeutsche Zeitung, der Münchner Merkur und die tz haben im vierten Jahr in Folge zum Lehrermedientag eingeladen, um über Medien und Journalismus zu diskutieren. Bayernweit haben elf Tageszeitungen Fortbildungen angeboten; die Münchner Zeitungen waren dazu in den vergangenen Jahren stets in Münchner Gymnasien zu Gast, doch in diesem Jahr ist das anders. Gutjahr, der nach eigenen Angaben ebenfalls mehr als sechs Stunden am Tag im Internet verbringt, mehr Zeit als im Bett, sitzt auch jetzt vor seinem Rechner, ein Mikrofon ragt ins Bild.

Aufgrund der Corona-Pandemie gab es den Lehrermedientag 2020 erstmals virtuell per Videokonferenz. Er war kompakter als sonst, kontaktlos, ohne Gespräche mit dem Sitznachbarn und ohne gemeinsame Kaffeepausen. Für Fragen zum Journalismus war aber auch virtuell Zeit: SZ-Redakteurin Carolin Gasteiger und Dorit Caspary vom Merkur stellten Angebote der Tageszeitungen an Schulen vor, erzählten aus Gesprächen mit Schulklassen, in denen zwar weniger Schüler Zeitung läsen, aber doch großes Interesse am Journalismus bestehe - und rieten, wenn Schüler von der "Lügenpresse" sprächen, dazu nachzuhaken: Was genau wolle er damit sagen? Caspary sagte, sie sage Schülern in solchen Momenten gerne, sie sollten nicht verallgemeinern. Denn sie wollten ja auch nicht, dass man von "den faulen Schülern" spreche.

Fake News, Täuschung und Lügen würden mit der neuen Technik künftig noch gefährlicher, warnte Gutjahr in seinem Vortrag: Wenn etwa ein US-Präsident alleine mit einer irreführenden Text-Nachricht viele Menschen mobilisiern könne, auf die Straße zu gehen, was ginge erst mit gefälschten Bildern oder Videos, die ja weit emotionaler wirken als bloßer Text?

Nötig sei Medienerziehung, sagt Gutjahr: "Hat jemals jemand beigebracht bekommen, wie man verantwortungsbewusst mit einem Smartphone umgeht?" Er selber nicht. Dort müsse man ansetzen, sagt er und verweist als Vorbild auf den Unterricht an der Schule seines Sohnes in Israel. Dort gebe es reguläre Fächer wie "iPad" oder auch "Gefühle". Und er zeigt ein Video, in dem sein Sohn ein Referat per Tablet steuert; am Ende gibt er seine Quellen an. Das sei vorbildhaft, findet Gutjahr. Ganz fern ist das Münchner Klassenzimmern freilich offenbar auch wieder nicht. Eine Lehrerin im Chat fasst sich kurz: "Das machen wir schon auch."

© SZ vom 19.11.2020/aner/van
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