Sir Helga:Ehrgeizig international

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Kleiner Aufwand, großer Effekt: die gratinierten Feigen mit Ziegenkäse, Bulgur, Honig und Walnüssen. (Foto: Robert Haas)

Die Küche im Sir Helga fusioniert die Kulturen, serviert die "stramme Helga" statt den "strammen Max". Dabei wird nicht herumexperimentiert - aber auch nicht viel falsch gemacht.

Von Felix Mostrich

Unter dem gewollt komischen Namen Sir Helga hat eine Immobilienfirma einen neuen Gaststätten-Typus in München zu etablieren versucht: ein Lokal, das täglich von 9 bis 24 Uhr geöffnet ist und durchgehend warme Küche bietet. Erdacht wurde diese ganztägig offene Gaststube von international aktiven Wohnungsvermittlern, die ihren "Residents", den von einer Stadt in eine andere gelockten zeitweiligen Mietern, nicht nur attraktive Wohnungen, sondern möglichst im gleichen Haus auch noch eine Gaststätte bieten wollen, die ganztägig mit Speisen und Getränken dienen kann. Doch beim Modellversuch in München mussten die Betreiber von Sir Helga die fast utopischen Öffnungszeiten wegen Personalproblemen nach einigen Probemonaten deutlich verkürzen. Derzeit ist das Lokal im Lehel nur noch an Samstagen und Sonntagen von 9 Uhr an geöffnet. An diesen Vormittagen ist der Erfolg des gastronomisch ehrgeizigen Konzepts aber schön zu erleben. Allenfalls in den Lobbys großer Hotels dürften so viele fremde Sprachen gleichzeitig zu hören sein. In keiner dieser Lobbys aber kann man so früh schon so angenehm speisen.

Auf kulinarischem Gebiet ist das Lokal um einen Kompromiss zwischen deutscher und internationaler Küche bemüht. Und auch bei den Getränken versucht es gleichzeitig regional und international zu sein. So gibt es Chiemseer Bier vom Fass und anständige offene Weine aus Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich. Die Flaschenweine stammen alle von besten Erzeugern.

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Auf der Frühstückskarte, auf der auch Amerikanisches wie Pancakes und Ahornsirup stehen, hat uns die hauseigene Variante des deutschen Klassikers Strammer Max besonders interessiert, die Stramme Helga: Statt gebratenem Speck liegen hier ein paar Scheiben Räucherlachs und ein mustergültig dotterweiches Spiegelei auf einem Bett aus Sprossen, das sich auf einer knusprig gerösteten Sauerteigbrotscheibe ausbreitet - ein herzhaft schmeckender Sattmacher zum Tagesbeginn (11,50 Euro).

Staunenswert freundlicher Service zu nerviger Hintergrundmusik - aber es gibt ja auch den Schanigarten vor der Tür. (Foto: Robert Haas)

Bei den Vorspeisen haben sich die Erfinder des Lokals geschickt auf Gerichte konzentriert, die sich ohne großen Aufwand aus kalt bereitstehenden und jeweils frisch zubereiteten Materialien zusammenstellen lassen. Die gratinierten Feigen mit Ziegenkäse, Bulgur, Honig und Walnüssen sind ein überzeugendes Beispiel für diese Art des Kombinierens von Dingen, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, aber sich auf dem Teller geschickt ergänzen, ja gegenseitig aufwerten (11,50). Oder auch die geräucherten Forellenfilets, die mit einem überraschend guten, mundgerecht lauwarmen Kartoffelsalat, mit Radieschen und Meerrettich serviert werden (12,50).

Die Bouillabaisse kann man als Vorspeise oder als Hauptgang bestellen. Sie ist dem mitteleuropäischen Geschmack angepasst, also in der Würze deutlich zurückhaltender als ihre mediterranen Vorbilder. Der Knoblauch in der Sauce Rouille explodiert nicht im Mund, er schmiegt sich zahm in die mayonnaiseartige Creme. Die dazugehörenden Meeresfrüchte - die Stücke vom Kabeljau und die Garnelen aus ASC-zertifizierten Farmen - werden für sich zubereitet, lassen sich darum erfreulich prall und fest aus der gemüsebetonten körnigen Suppe heben. Statt dünnen Weißbrotscheiben liegen geröstete dicke Sauerteigbrotscheiben bei, was zu dieser milden, aber klug abgestimmten nordischen Variante des Gerichts gut passt.

Der andere Klassiker der französischen Küche, der Coq au Vin, wird mit Wurzelgemüse, Perlzwiebeln und - wie es sich gehört - mit Rotwein zubereitet und kommt seinem gallischen Vorbild recht nahe (18,50). Sehr zufrieden konnten wir auch mit dem gebratenen Kotelett vom Duroc-Schwein sein; es lagen gleich zwei von ihnen auf dem Teller, sie harmonierten bestens mit den Beilagen Ratatouille und Rosmarinkartoffeln (24,50).

Auf der Getränkekarte stehen auch Cocktails. (Foto: Robert Haas)

Neben den Gerichten, die ganzjährig auf der Karte stehen, bietet Sir Helga gerne auch saisonale Spezialitäten an. So konnte man im Winter etwas spezifisch Deutsches entdecken, was auf Münchner Speisekarten leider nur selten zu finden ist: Grünkohl. Leider haben wir das damals von Corona-Einschränkungen geplagte Lokal noch nicht besucht. Zur Spargelzeit aber waren wir da und haben uns von der kleinen Spezialkarte den Spargelsalat ausgesucht, eine geschmacklich sehr weit ausholende Salatversion aus grünem und weißem Spargel, angereichert mit Spinatblättern, Feta-Käse, einem weich gekochten Ei und Trüffeldressing (12,90).

Fazit: In der Küche von Sir Helga wird nicht herumexperimentiert, aber auch nicht viel falsch gemacht. Die Karte bietet Speisen, die sich gut vorbereiten und vergleichsweise rasch servieren lassen. Fast immer wird dabei ein ordentliches Niveau erreicht. Staunen kann man auch über die Freundlichkeit, mit der das nach der Pandemie zurückgekehrte Restpersonal, auch wenn das Lokal voll besetzt ist, die Übersicht bewahrt. Weniger erfreulich ist die räumliche Enge. Die Tische sind viel zu klein für die aufwendigen Gedecke und stehen bedrängend dicht nebeneinander. Am besten sitzt man im Schanigarten draußen vor der Tür. Dort muss man sich auch nicht die banale Hintergrundmusik anhören, deren dumpfes Pochen einen drinnen ziemlich stören kann.

Sir Helga , Adresse: Mariannenstraße 3, 80538 München, Telefon: 089/27275470, gastgeber.lehel@sirhelga.com , Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 17 bis 24 Uhr, Samstag 9 bis 0 Uhr, Sonntag 9 bis 18 Uhr

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik "Kostprobe" der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch Online und mit einer Bewertungsskala. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts - von München, Wissen bis zur Politik - schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen - um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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