Ein Ort, an dem vieles möglich ist, kann inspirierend sein. Oder ermüdend. Manchmal auch beides. Das Lehel ist nicht das hippste Münchner Stadtviertel. Der Name leitet sich ab von „lohe“, ursprünglich stand hier ein lichter Auenwald, durch den sich Bäche schlängelten. Das Lehel ist die älteste Münchner Vorstadt und wohl das gediegenste Viertel, das sich so nah am Herz der Stadt finden lässt. Hier etwas zu wagen, kann gewagt sein.
Und damit zum Frex, das im Februar 2024 in der Mariannenstraße dort einzog, wo zuvor das Sir Helga versucht hatte, ein neues Gastro-Konzept zu etablieren: ein Lokal, das täglich von 9 bis 0 Uhr öffnet, durchgehend warme Küche bietet und damit einen Anlaufpunkt für internationale Nomaden, die in der Nähe für einige Zeit in möblierte Wohnungen eingemietet sind. Gastronomie als Erweiterung eines Immobiliengeschäftes: Das Konzept ging nicht ganz auf.
Nicht unwesentliche Teile des Sir-Helga-Interieurs sind im Frex noch zu finden, der Anspruch ist weiter recht breit gespannt, aber statt moderner Lüster hängen nun Leucht-Schmetterlinge und eine Disco-Kugel von der Decke. Und es gibt mehr Hochtische, die mehr Flexibilität ermöglichen. Auf den 65 Quadratmetern können bis zu 60 Gäste Sitzplätze finden. Im Sommer gibt es einen Schanigarten, in dem sich sitzen oder in Liegestühlen lümmeln lässt. Vieles ist möglich.
Hinter Frex stehen Alexander Blümchen und Frank Brunner, die als Geschäftsführer firmieren. Sie versprechen: „Ob ein schneller Drink, ein gemütliches Dinner oder ein Abend mit Freunden – bei uns wirst Du Dich willkommen fühlen.“

Von Dienstag bis Freitag gibt es einen Business-Lunch (zum Beispiel Tomaten-Mozzarella-Ravioli mit Thymian-Butter oder Flammkuchen Elsässer Art mit Speck und Zwiebeln; je 10 Euro), an Sonn- und Feiertagen Frühstück und Brunch. Spannend wird es am Abend. Da wird das Frex zum Restaurant. Zur Bar. Samstags auch mal zum DJ-Spielplatz.
Es ist hier also ziemlich viel gleichzeitig möglich, was einem besser zuvor bewusst sein sollte. Sonst kann es einem passieren, dass man in Erwartung eines gediegenen Abendmahls etwas überrascht ist, von eher lauter Musik von oben, einer eher feineren Geburtstagsrunde am Nebentisch und dem Männer-Trio vor der Bar, das auf dem Heimweg vom Sport einen nicht nur isotonischen Drink nimmt.
Der Service ist fix, freundlich und unprätentiös, die Karte nicht überbordend. Das mitunter nicht alles, was draufsteht, genauso auch da ist? Auch mal möglich. Aber es wirkt fast, als gehöre es zum Konzept. Unkompliziert soll es hier zugehen. Und das tut es auch.
Die Sardinen mit Olivenöl, Zitrone und Brot (9,90 Euro) werden als Vorspeise direkt aus der Dose und mit der Packung serviert, in der sie im Versandhandel für 6,40 Euro zu beziehen sind. Im ersten Moment mag das irritieren, aber die Simplizität hat ihren Reiz – und die Sardinen schmecken.
Die Gurkenschiffchen mit Baba Ganoush und orientalischem Perl-Couscous (13,90 Euro) schaukeln eher unaufgeregt über die Geschmacksnerven. Für sie gilt, wie auch für das Rinder-Carpaccio mit frittiertem Rucola, Kirschtomaten und Parmesankäse (16,50 Euro) ein Versprechen, mit dem in den ersten Jahren der Personal-Computer-Grafikprogramme beworben wurden: WYSIWYG – what you see is what you get.

Die Atmosphäre ist entspannt. Die floralen Muster, die das Sir Helga prägten, sind zurückgeschnitten (auf den Toiletten wuchern sie noch). Die Wände prägen Fließen in Betonoptik, in Rahmen sind Fotocollagen ausgestellt, auf den Männer und Frauen mitunter so viel von sich zeigen, dass sie eindeutig als Männer und Frauen zu lesen sind.
Die große Glasfront zur Mariannenstraße hin, die im Sommer in Gänze geöffnet werden kann, lässt einiges an Licht herein. Wer gerne nicht an Hochtischen sitzt, kann dort aber auch erleben, dass sie im Nicht-Sommer so einiges an Zugluft durchlässt.

Die Hauptgerichte bewegen sich preislich zwischen 13,90 Euro (Caesar Salad, aber auch der oben schon erwähnte Flammkuchen Elsässer Art, der abends mit Aufschlag serviert wird) und 31,50 Euro (230 bis 250 Gramm Rinderhüftsteak mit Pommes und Sauce béarnaise).
An der Asia Bowl mit Glasnudeln, Edamame, Mango, Rote Bete, Avocado, Spinat und Thai-Mayo (mit Sashimi von Tuna 21,90 Euro, ohne 15,90) lässt sich wenig bemäkeln. Die Pasta Salsiccia (16,90 Euro) gelingt in Küchen, die sich auf die Zubereitung italienischer Gerichte spezialisiert haben, hingegen überzeugender. Das Steak ist ein Steak. Auch hier gilt: WYSIWYG.
Wer zum Dinieren kommt, dem sei die Tageskarte empfohlen. Auf der lässt sich zur rechten Zeit ein lauwarm servierter Spargelsalat mit Erdbeeren, Walnüssen und Himbeer-Balsamico finden (17,90 Euro), bei dessen Genuss man nur eines bedauert: dass Spargel ein Saisongemüse ist. Oder eine gebackene Aubergine, die als Gemüse-Oktopus mit Dip serviert wird (17,90 Euro) und auch Meeresfrüchte-Fans inspirieren dürfte.

Überzeugend auch: die langsam geschmorten Isar-Miso-Kalbsrippchen-Ribs. Zart, wunderbar gewürzt, mit Sesam bestreut, das dazu gereichte Süßkartoffelpüree mit Ingwer und Minze angereichert: In der Mariannenstraße gibt es noch den Mariannenhof (Hausnummer 1) und das Nage & Sauge (Hausnummer 2), als Dritter in der Reihe ist es sicher nicht verkehrt, sich um eigene Akzente zu bemühen.
Das Nachtisch-Angebot ist übersichtlich. Chocolate-Cake mit Marillen-Sorbet (9,50 Euro), San Sebastian Cheesecake (6,50 Euro). Hier gilt, wie beim offensiv beworbenen Porn-Star-Cocktail (Martini mit Maracuja-Mark und Crémant): KMMMMN – kann man machen, muss man nicht.
Im Frex lässt sich auch feiern (Die Faschingsparty stand unter dem Motto „Nutten und Zuhälter“). Wer das mit Freunden unter sich tun möchte, kann die Location mieten. Dann ist erst recht vieles möglich.
Frex, Mariannenstraße 3, 80538 München, Telefon: 089/54887776. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12 bis 14.30 Uhr und ab 17 Uhr, Samstag 12 Uhr bis Mitternacht, Sonntag 10–17 Uhr, frex-munich.de, instagram.com/frex.munich
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

