Süddeutsche Zeitung

Corona-Krise:Besuch von außen

Mit einer Arbeitsbühne können Angehörige Senioren sehen

Von Ekaterina Kel

Ein ungewöhnliches Bild: Im Hof des Senioren- und Pflegeheims Vincentinum im Lehel steht an diesem Freitag ein roter Lastwagen. Ein paar Männer mit Mundschutz hantieren mit Sicherheitsgurten herum. Eine Heimbewohnerin kommt, den Rollator vor sich herschiebend, in den Hof heraus. Sie hat Lippenstift aufgetragen. "Was ist denn hier los?", fragt sie. "Besuch is'!", antwortet ihr Georg Fischer.

Fischer organisiert normalerweise die hausinterne Tagesbetreuung für die 95 Bewohner des Pflegeheims an der Oettingenstraße. In dieser ungewöhnlichen Corona-Zeit heißt das hauptsächlich, Besuche zu organisieren. Viel mehr Aktivitäten lassen sich zur Zeit nicht machen - man soll Menschenansammlungen ja meiden. Und wenn die Menschen hoch betagt sind, sollten die Hygienemaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie besonders ernst genommen werden. Das Durchschnittsalter im Vincentinum sei 86 Jahre, sagt Heimleiter Karl Wagner. Viele der Bewohner seien nicht mehr sehr mobil. "Da ist Kreativität nötig", weiß Fischer.

Das dachte sich auch die Firma Roggermaier, ein Familienunternehmen aus dem Münchner Umland, das Arbeitsbühnen vermietet. Sie stellte einen ihrer roten Lkws für einen Tag dem Seniorenheim zur Verfügung, mit integrierter Hebebühne samt eigenem Bedienfahrer, der sie in maximal 37 Meter höhe bringen kann. Mit einem kaum merkbaren Surren. "Das ist unsere neue Greenline mit Elektromotor", sagt Michael Schneider von der Firma.

Damit werden einen Tag lang Besucher direkt zum jeweiligen Fenster der Heimbewohnerin oder des Heimbewohners hinaufgefahren. Es geht auch mal bis in den vierten Stock des Heimbaus aus dem frühen 20. Jahrhundert. Einander sehen geht zwar mittlerweile auch einfacher, seit einigen Wochen ist eingeschränkter Kontakt wieder erlaubt, zum Beispiel im Heimgarten auf schön weit auseinander stehenden Stühlen. Aber so, mit einer elektrisch angetriebenen Hebebühne und eigenem Bedienfahrer, das macht nur Corona möglich. Oder, wie ein Besucher es ausdrückt: "Das gibt ein bisschen Action."

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Quelle:
SZ vom 06.06.2020
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