Aus Verpackung wird Kunst:Ein Weckruf aus Tetrapaks

Lesezeit: 2 min

Die Tetrapak-Kunstaktion in Neuperlach der „Community Kitchen“ soll auf die immense Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen, die auch in München tagtäglich stattfindet. (Foto: Claus Schunk)

Rund 133 000 Kilo verzehrfähige Lebensmittel landen in München im Müll – pro Tag. Weil diese Zahl schwer greifbar ist, sollen nun Kunstwerke aus Verpackungsmüll das Ausmaß dieser Verschwendung zeigen.

Von Patrik Stäbler

Der mahnende Zeigefinger kommt hier in Form eines Würfels daher – gut zwei Meter hoch, ein buntes Potpourri an Farben, von Weitem wie ein Mosaik wirkend. Erst bei näherem Betrachten zeichnen sich auf dem Kubus einzelne Wörter ab. H-Vollmilch, steht da etwa. Oder: Ananas Direktsaft. Und gleich mehrfach: Barista Hafer. Denn jener XXL-Würfel besteht aus 5200 Tetrapaks, die Fridolin Bär in mühseliger Kleinarbeit zu einem Kunstwerk aneinandergeklebt hat. Sein Name: „Volume One.“

Mit jenem Würfel will der junge Künstler aus München auf die immensen Mengen an eigentlich noch essbaren Lebensmitteln hinweisen, die Tag für Tag in den Haushalten der Stadt im Müll landen. Noch bis Ende dieses Monats steht der Kubus auf dem Hanns-Seidel-Platz in Neuperlach – als Teil der „weltweit größten Kunstausstellung“, wie die „Community Kitchen“ ihre Aktion bewirbt. Diese 2021 gegründete Initiative hat sich dem Kampf gegen Lebensmittelverschwendung verschrieben und sammelt im großen Stil Nahrung, die andernfalls weggeworfen würde. Daraus fertigen 30 Festangestellte und 50 Ehrenamtliche dann Mahlzeiten für Kantinen und das hauseigene Restaurant in Neuperlach sowie Suppen, Eintöpfe und Marmeladen im Glas.

Laut Günes Seyfarth, Gründerin der „Community Kitchen“, werden allein in Münchens Haushalten 132 809 Kilo verzehrfähige Lebensmittel weggeworfen – pro Tag. Diese Zahl sei für viele jedoch nicht greifbar, sagt sie. „Deshalb habe ich lange überlegt: Wie könnte man das darstellen?“ Irgendwann kam ihr die Idee, die Menge der verschwendeten Lebensmittel durch Tetrapaks zu symbolisieren – also jene Verpackungen, die eine gleichnamige Firma aus der Schweiz fertigt und weltweit vertreibt. In der Folge sammelte die „Community Kitchen“ ein halbes Jahr lang zehntausende Tetrapaks, reinigte sie und gab sie danach an 25 Kunstschaffende weiter, damit diese daraus Kunstwerke zum Thema Lebensmittelverschwendung schaffen.

Ursprünglich sollte jeweils ein Werk in jedem der 25 Stadtbezirke aufgestellt werden. Da sich die Standortsuche jedoch vielerorts als schwierig erwies, steht nun die Hälfte der Kunstwerke zentral am Hanns-Seidel-Platz in einer Art Open-Air-Ausstellung: Neben dem „Volume One“ finden sich dort unter anderem ein drei Meter hoher Mülleimer, den die Künstlerin Emma Wittenburg aus tausenden Verpackungen gefertigt hat, sowie eine Skulptur der Amerikanerin Maddox Pratt mit der Aufschrift „Beauty Is a Matter of Perspective“ – also: Schönheit ist eine Frage der Perspektive. „Ein großer Teil der Lebensmittelverschwendung geht auf unsere Vorstellung von Schönheit zurück“, erklärt die US-Künstlerin. „Darauf will ich mit meinem Kunstwerk hinweisen.“

Künstlerin Helena Detsch vor dem Kunstwerk Save me. (Foto: Claus Schunk)
Künstlerin Manuel Braunmüller vor dem Kunstwerk Morgens, Mittags, Abends. (Foto: Claus Schunk)
Künstlerin Resa Bernert mit dem Kunstwerk Wachstumsblase. (Foto: Claus Schunk)

Das ursprünglich anvisierte Ziel, exakt 132 809 Tetrapaks zu sammeln, konnte die „Community Kitchen“ nicht erreichen. Insgesamt seien aber knapp 100 000 Verpackungen in den 25 Kunstwerken verarbeitet worden, sagt Günes Seyfarth. „Das ist ein neuer Weltrekord. Der bisherige war eine Aktion mit 45 000 Tetrapaks.“ Bis 31. Juli sind die Kunstwerke in Neuperlach sowie an gut einem Dutzend weiterer Standorte im Stadtgebiet zu sehen – jeweils zusammen mit einer Erklärtafel zu den Hintergründen des Projekts und dem Ausmaß der Lebensmittelverschwendung in München. Anschließend können die Skulpturen dann wahlweise erworben werden, sagt Günes Seyfarth, „oder sie gehen in die thermische Verwertung“. Sprich: Was einst Verpackung und dann Kunst war, landet in der Müllverbrennungsanlage.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusMünchner Erzdiözese
:Als Ministrant missbraucht: Kirche soll mehrere Hunderttausend Euro zahlen

Richard Kick leidet bis heute unter dem, was ihm ein Pfarrer angetan hat. Die Unfallversicherung hat festgestellt, dass die Erwerbsfähigkeit des 67-Jährigen dadurch um 80 Prozent gemindert ist. Nun fordert er von der Kirche, höhere Entschädigungen zu zahlen.

Von Bernd Kastner, Annette Zoch

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: