Lastenfahrräder in München:Ja, mir san mit'm Rammbock da

Lastenfahrräder in München: Auf Münchens Straßen tummeln sich immer mehr Lastenräder.

Auf Münchens Straßen tummeln sich immer mehr Lastenräder.

(Foto: Hersteller)

Lastenräder schwingen sich in München unaufhaltsam zu Beherrschern der Radwege auf, wenn nicht überhaupt zu Königen der Straße. Noch viel zu wenig ausgeschöpft wird allerdings ihr friedensstiftendes Potenzial.

Glosse von Wolfgang Görl

Neben dem obligatorischen SUV für Shoppingfahrten in die Innenstadt und dem aktuell leistungsstärksten 8er BMW, mit dem der Wochenendtrip zum Gardasee zelebriert wird, hat der umweltbewusste Münchner noch einen großzügig angelegten Radlfuhrpark. Unverzichtbar ist selbstverständlich ein Mountainbike, mit dem man so herrlich die letzten intakten Bergwiesen durchpflügen kann. Für Wettfahrten mit Autos auf dem Mittleren Ring dient das Carbon-Rennrad, wohingegen das E-Bike nur zum Einsatz kommt, wenn eine Strecke von mehr als zehn Kilometern zurückgelegt werden muss. Sollte der SUV gerade beim Auftunen in der Werkstatt sein, steigt der Münchner auch mal aufs Citybike oder auf den noch etwas cooleren Beachcruiser, und für Fahrten nach Holland hat er das Hollandrad. Wer aber ganz auf der Höhe der Zeit sein will, legt sich ein Lastenrad zu. Das Lastenrad ist ein Must-have, ebenso lebensnotwendig wie ein Smartphone oder die Mitgliedschaft im Hausbesitzerverein.

Auch wenn sich Mountainbiker und Kampfradler heroisch abstrampeln, ist unübersehbar, dass Fahrer (m/w/d) von Lastenrädern sich unaufhaltsam zu Beherrschern der Münchner Radwege aufschwingen, wenn nicht überhaupt zu Königen der Straße. Die durchschlagendste Wirkung erzielen dabei Cargobikes mit Frontlader, deren langgestrecktes Vorderteil bei der Begegnung mit feindlichen Radlern oder Fußgängern wie ein Rammbock eingesetzt werden kann. Auf ihrer Ladefläche hat praktisch alles Platz, vorrangig Kinder, die von stolzen Eltern gern wie eine Trophäe durchs Viertel gekarrt werden. Auch Bierträger, Brennholz, Spanferkel und im Darknet erworbenes Plastikgeschirr kann man mit dem Lastenrad klimaneutral dorthin transportieren, wo die Sachen hingehören, also an die Feierstrände der Isar. Es hat sich bewährt, am Schluss die gesamten Abfälle in den Fluss zu werfen, damit bei der Rückfahrt auf der Ladefläche Platz ist für diejenigen, die nach zehn Flaschen Augustiner nicht mehr gehen können.

Noch viel zu wenig ausgeschöpft wird das friedensstiftende Potenzial der Lastenräder. Man sagt es nicht gerne, aber Münchens Radler und Fußgänger geraten oft miteinander in Konflikt, was vor allem daran liegt, dass die oft traumtänzerischen Flaneure nicht schnell genug zur Seite springen. Dies schafft böses Blut und spaltet die Stadtgesellschaft. Aber das muss nicht sein. Allzu häufig nämlich sind Lastenradler ohne Last unterwegs - eine Gedankenlosigkeit, bei der Muskelkraft sinnlos verschwendet wird. Deshalb halten verantwortungsvolle Cargobiker bei Leerfahrten nach Fußgängern Ausschau, um sie aufzuladen und irgendwohin zu transportieren. Wenn genug mitmachen, ist die zweite Stammstrecke überflüssig.

© SZ vom 30.07.2021
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