Verkehrswende in München:Wo früher ein Auto stand, parken heute zwei Fahrräder

Parkplätze für Lastenfahrräder, 2021

Auch in der Sedanstraße in Haidhausen hat die Stadt Stellplätze für Lastenräder markiert.

Lastenräder sind als umweltfreundliche Verkehrsmittel vor allem in Großstädten wie München beliebt. Das Mobilitätsreferat hat für sie mehr als 40 Abstellflächen ausgewiesen - auch zu Lasten von Kfz-Stellplätzen.

Von Linus Freymark

"Eine echte Alternative zum Auto": Mit diesen Worten pries Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) 2019 die damals neu entwickelten E-Scooter an. Die Geräte seien eine prima Möglichkeit, um die "letzte Meile" von der Bahn- oder Bushaltestelle zu überbrücken - dies mache das eigene Auto in der Garage überflüssig und sei so ein wichtiger Beitrag für die Verkehrswende.

Die Realität sieht bekanntlich anders aus, die Roller werden in den meisten Kommunen mehr als Ärgernis denn als Erleichterung wahrgenommen, weil sie meist kreuz und quer auf den Gehwegen abgestellt werden. Und so diskutiert man nun, knapp zwei Jahre später, in deutschen Großstädten noch immer über wirkliche Alternativen zum Auto. Gerade, so scheint es, setzt sich dabei ein Lösungsansatz durch, den auf Bundesebene vor allem die Grünen in die Debatte eingebracht haben: Lastenfahrräder. Mit einer Transportbox vor dem Lenker und in den allermeisten Fällen einer elektrischen Antriebshilfe sollen sie Einkäufe und sonstige logistische Alltagsherausforderungen möglich machen, ohne dass dafür ein Auto nötig wird.

Weil die Gefährte aber deutlich mehr Platz brauchen als herkömmliche Fahrräder, hat der Stadtrat bereits im Januar 2019 beim damaligen Planungsreferat ein Pilotprojekt in Auftrag gegeben. Es sollten Stellplätze extra für Lastenfahrräder geschaffen werden, um zu testen, ob und wie diese von der Bevölkerung angenommen werden. Fast drei Jahre nach dem Start des Projekts sind mittlerweile mehr als 40 dieser speziell markierten Flächen ausgewiesen worden - in manchen Fällen mussten dafür Kfz-Parkplätze weichen. Dort, wo früher ein Auto parken konnte, finden nun zwei Lastenfahrräder Platz, so die Rechnung des Mobilitätsreferats, das inzwischen dafür zuständig ist.

Welche Flächen als Stellplätze für Lastenfahrräder infrage kommen, entscheidet das Referat zusammen mit den zuständigen Bezirksausschüssen. Bis Ende 2020 entstanden bereits 14 Abstellflächen an fünf verschiedenen Standorten. So gehören jene Stellplätze am U-Bahnhof Messestadt Ost sowie am Hohenschwangauplatz, der Gietl-, Blüten- und Rosenstraße zu den ersten ihrer Art in München. Mittlerweile hat sich die Zahl der Stellplätze in etwa verdreifacht. Einen Fokus auf bestimmte Stadtteile wie Schwabing oder Haidhausen, in denen man deutlich mehr lastenradelndes Klientel vermuten, legt man dabei offenbar nicht: Die 15 Standorte mit jeweils mehreren Parkplätzen verteilen sich laut Stadt auf die Zuständigkeitsbereiche von neun Bezirksausschüssen.

Wie gut die Lastenfahrradparkplätze bislang angenommen werden, kann das Mobilitätsreferat noch nicht sagen. "Die Erhebungen als Grundlage für die Evaluation des Pilotprojekts laufen aktuell", teilt es auf SZ-Anfrage. Erst nachdem die Ergebnisse feststehen und dem Stadtrat mitgeteilt wurden, entscheide dieser darüber, wie das Projekt fortgesetzt wird, heißt es.

Hört man sich bei den Parteien im Rathaus um, erhält man naturgemäß ganz unterschiedliche Rückmeldungen. Die Grünen sind wie der aktuelle Koalitionspartner SPD sehr zufrieden mit dem Verlauf des Pilotprojekts und würden den eingeschlagenen Kurs gerne weiterverfolgen. "Wir brauchen insgesamt mehr Radabstellflächen", sagt Grünen-Stadträtin Gudrun Lux. "Und weil Lastenfahrräder mittlerweile viel mehr genutzt werden, ist klar, dass es dafür auch ausreichend Stellplätze braucht." Die bisher installierten Flächen würden bislang auch gut angenommen. "Der Bedarf ist auf jeden Fall da." Für die Zukunft möchte Lux sogar noch einen Schritt weitergehen: Sie denkt über abschließbare Stellplätze nach, auf denen die nicht gerade günstigen Lastenfahrräder für längere Zeit geparkt werden können. Denn nicht jeder verfüge über die Möglichkeit, diese in seinem Hof oder privaten Fahrradkeller abzustellen.

Auch bei den Sozialdemokraten ist man angetan von der bisherigen Bilanz. "Das ist ein Erfolgsmodell, das man unbedingt weiterführen muss", sagt Stadtrat Andreas Schuster. Lastenräder seien in der Stadt eine echte Alternative zum Auto. Und auch nach Schusters Beobachtungen kommen die bisher installierten Stellplätze bei den Münchnern an. "Das wird sehr gut angenommen." Jedoch dürfe man es mit der Umwandlung von Pkw-Parkplätzen in Stellplätze für Lastenfahrräder nicht übertreiben, um keinen Konflikt zwischen Rad- und Autofahrern heraufzubeschwören. "Das muss man mit Maß machen."

Bei der CSU dagegen nimmt man die Begeisterung der Regierungsparteien mit Skepsis auf. "Wir wollen keine ideologische Umverteilung zugunsten nur des einen Verkehrsträgers Rad", sagt Manuel Pretzl, verkehrspolitischer Sprecher der CSU-Fraktion im Rathaus. Vielmehr müsse man darauf setzen, alle Verkehrsteilnehmer auf dem Weg hin zur Mobilitätswende mitzunehmen und die verschiedenen Gruppen nicht gegeneinander auszuspielen. "Es geht um ein Miteinander in der Mobilität, nicht um ein Gegeneinander."

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