Süddeutsche Zeitung

Langwied:Laute Nachbarn

Auf dem ehemaligen Strassergelände am S-Bahnhof wird Abraum vom Bau der zweiten Stammstrecke abgeladen. Die Anwohner sehen sich von morgens bis abends Lärm und Staub ausgesetzt, die Bahn verspricht Besserung

Von Ellen Draxel, Langwied

Spätestens um 7 Uhr morgens ist für Christiane Espich die Nacht vorbei. Denn dann wird es sehr laut am Lucia-Popp-Bogen: Um diese Zeit beginnen die Arbeiten auf dem benachbarten Bahngrundstück. Das ehemalige "Strassergelände" direkt neben der S-Bahn-Station Langwied wird für den Bau der zweiten Stammstrecke als Logistikfläche genutzt, es dient als Abraum-Zwischenlager. Für die Anlieger heißt das: Radlader verursachen mit ihren Schaufeln unüberhörbare "Kratzgeräusche", Lastwagen kippen ihre Ladung in "plötzlichen und unerträglichen Lärmspitzen" ab. Dazu kommt das Piepsen rückwärtsfahrender Lkw. Den ganzen Tag geht das so, von 7 bis 20 Uhr, manchmal auch samstags. Espich arbeitet von zu Hause aus, sie hört den Lärm permanent. "Selbst bei geschlossenen Fenstern mit Dreifachverglasung ist ein Telefonieren oder konzentriertes Arbeiten auf der Südseite unmöglich", sagt sie. Von der Nutzung der Terrasse oder des Balkons ganz zu schweigen.

Espich ist mit ihrer Kritik nicht alleine, ihren Nachbarn ergeht es ebenso. Die Anlieger haben sich deshalb zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen: Sie fordern, mit Unterstützung von Pasings und Aubings Lokalpolitikern, "dass diese unerträglichen Belästigungen und substantiellen Beeinträchtigungen wieder abgestellt werden". Dabei geht es ihnen um mehr als nur den Geräuschpegel - sie monieren auch die beim Verladen des Schüttguts entstehenden "Staubwolken, die sich bis in die Gärten ziehen". Jeden Morgen müsse alles erst einmal gesäubert werden, bevor es nutzbar sei. Einer der Anwohner berichtete dem Bezirksausschuss Aubing-Lochhausen-Langwied gar von Atemproblemen.

Ein dritter Kritikpunkt der Nachbarn ist die Lichtverschmutzung. Der gesamte Außenbereich des Areals, das seit fünf Jahren die Fahrbahn-Instandhaltungs- und Behandlungsanlage der Bahn (Fiba) beherbergt, werde nachts "wie ein Sportplatz beleuchtet", sagt Christiane Espich. "Wir machen kein Auge zu." Das Licht störe auch die Tiere in der angrenzenden Langwieder Haide. Als die Fiba errichtet wurde, hatte ein Erdwall die Lärm- und vor allem Lichtbelästigung noch abgemildert. Diesen Hügel wollen die Anlieger nach Fertigstellung der zweiten Stammstrecke wiederhaben.

Bei der Bahn kennt man die Argumente. "Wir nehmen die Anmerkungen und Wünsche der Anwohner sehr ernst und prüfen aktuell Maßnahmen zur Lärm- und Staubreduzierung", sagt Sprecher Michael-Ernst Schmidt. Auch zum Thema Licht sei man "in Kontakt". Erste Maßnahmen habe die Bahn bereits umgesetzt, "durch den Einsatz spezieller Wechselcontainer konnte der Schüttgutumschlag reduziert werden". Zur Verringerung der Staubbelastung seien Kehrmaschinen im Einsatz, die Straßen würden regelmäßig befeuchtet. Über weitere Fortschritte werde man die Anwohner "zeitnah" informieren.

Umgekehrt stellt Schmidt aber auch klar, dass das ehemalige Strassergelände "gleich in mehreren Planfeststellungsverfahren als Logistikfläche für den Bau der zweiten Stammstrecke festgelegt und durch das Eisenbahnbundesamt genehmigt" worden sei. Bei jedem dieser Verfahren seit Mitte der 2000er Jahre habe es eine Beteiligung von Öffentlichkeit wie Behörden gegeben. "Dabei", betont er, "hatten alle Bürger Gelegenheit, Einwendungen und Stellungnahmen zu verfassen, die anschließend von der Genehmigungsbehörde beurteilt werden." Der Gesetzgeber mute Anwohnern bei einer temporären Belastung wie dieser zwar mehr zu als bei dauerhaften Projekten. Aber selbstverständlich würden alle Grenzwerte eingehalten - "die Bahn muss sich schließlich auch an Recht und Gesetz halten".

Vorgesehen ist laut Planfeststellungsbeschluss auf jeden Fall ein Rückbau der Logistikfläche. Wann, kann der Sprecher nicht sagen, "das hängt vom Baufortschritt der zweiten Stammstrecke ab". Momentan seien die Stationen dran, die Haupttunnel müssten erst noch gebaut werden. Dass hingegen der Wall am Lucia-Popp-Bogen wieder errichtet wird, hält Michael-Ernst Schmidt für unwahrscheinlich. Dieser Hügel sei eher als Nebenprodukt beim Ausbau der Schnellfahrstrecke nach Augsburg sowie beim Umbau des Betriebswerks Pasing entstanden - als Lärmschutzwall geplant worden sei er nie.

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SZ vom 03.09.2020
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