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Lange Nacht der Museen:Der große Kunsthunger

Längst ist die Lange Nacht der Museen zur beliebten Marke geworden. Bei der ersten, vor 20 Jahren, ging es noch recht chaotisch zu, dieses Mal läuft sie routiniert ab - etwa 25 000 Besucher schwärmten im Dunkeln aus.

Kann denn niemand die Zeit anhalten? Wenigstens in dieser einen Nacht, damit sie nicht schon endet, bevor man im Museum Brandhorst war? Wollte man doch längst mal wieder besucht haben, diesen von außen so farbenprächtigen Tempel moderner Kunst. Ein Gedanke, der auch andere in der Langen Nacht der Museen anzutreiben scheint.

Kurz vor 23 Uhr reicht die Warteschlange vor dem Eingang bis auf die Straße. Was tun? Warten, denn nur 600 Besucher dürfen zur selben Zeit im Inneren sein. Man will die großformatigen Warhols und Twomblys aus der Nähe sehen, überhaupt schauen, was sich getan hat in diesem Haus, das im Mai vor zehn Jahren eröffnet wurde. Die Stimmung der Wartenden ist gelassen, die Temperatur auch mit dünner Jacke erträglich, und schon kommt nach 30 Minuten das Okay der Sicherheitsleute, die beflissen mit dem Daumen auf einen kleinen Zählapparat drücken.

In der Karmeliterkirche erwartete die Besucher eine Labyrinth-Installation.

(Foto: Stephan Rumpf)

Endlich darf man hinein, wo einen Wärme und gut ausgesuchte Musik von Tocotronic oder Udo Lindenberg empfängt. Immerhin ergab sich zuvor die Gelegenheit, im Schein der Handytaschenlampe das 130 Seiten starke Programmheft durchzublättern. Wenn man die Zeit schon nicht aufhalten kann, will man sie wenigstens nutzen. Was gäbe es nicht noch alles zu sehen in dieser Nacht, die von 19 bis 2 Uhr dauert: eine Science Show im Deutschen Museum, Fotografien von Michelle und Barack Obama im Amerikahaus, Ödön von Horvath im Deutschen Theatermuseum, Kirchen mit Installationen wie in der St. Maximilian, wo man sich engelsgleich bewegen kann im Glanz von Leuchtpunkten. Oder Gotteshäuser selbst als Lichtkunst: eine Kunstintervention namens Eastern Munich, bei der Grundrisse Münchner Sakralbauten auf den Boden des Wittelsbacherplatzes projiziert werden.

Mehr als 100 Museen und Orte sind Teil dieser Großveranstaltung, die im Herbst vor 20 Jahren das erste Mal die Münchner zur nächtlichen Kunsttour mobilisierte. Nur die Hälfte, also 50 Häuser, machten damals mit. Aber es waren doppelt so viele Menschen unterwegs. 50 000 zählten die Veranstalter in dieser ersten Nacht, 25 000 sollen es heuer gewesen sein.

Mit dem enormen Andrang hatte 1999 niemand gerechnet, entsprechend chaotisch ging es zu. Manche Direktoren schlossen entsetzt die Türen, weil sie um ihre Exponate fürchteten. Vielerorts war schon lang vor Mitternacht weder Essen noch Trinken zu ergattern, und die Verkehrsbetriebe ließen spontan die Eintrittskarte für damals 20 Mark als Ticket gelten, um die Leute von der Straße zu holen.

Aus solchen Erfahrungen haben alle gelernt. Längst haben die Veranstalter, die Münchner Kultur GmbH, die MVG zum Partner gemacht. Für heute 15 Euro Eintrittsgeld darf man alle Verkehrsmittel zusammen mit Kindern nutzen, selbst wenn man aus Holzkirchen oder Wolfratshausen kommt. Und Bustouren steuern ausgehend vom Odeonsplatz die Museen an. Auch hier mittlerweile: gute Stimmung unter den Nachtschwärmern, die sich gegenseitig Tipps zuraunen. "Ich geh' lieber dorthin, wo man sonst nicht reinkommt", sagt etwa ein bärtiger junger Mann. In die Xylothek der Technischen Universität zum Beispiel, wo über Holz geforscht wird.

Gut 21 Prozent der Besucher reisen aus dem Umland zur langen Museumsnacht an, haben Studierende der Fachhochschule ermittelt. 57 Prozent wohnen in München, die anderen machen sich aus anderen bayerischen Städten oder Bundesländern oder gar dem Ausland auf. Die "Lange Nacht" ist zur Marke geworden, die man sich gern vom Patentamt hätte schützen lassen wollen, sagt Veranstalter Gabriel Weiß. Das aber war nicht durchzusetzen. Denn Pioniere sind die Münchner nicht. In Berlin und Stuttgart gab es die ersten Museumsnächte Deutschlands. Nur die Lange Nacht der Musik findet man so wie in München sonst nirgendwo. Die steht im Frühjahr auf dem Terminkalender, für die Museumstouren aber hat sich nach einigen Experimenten der Herbst bewährt. 2003 wollte man das Publikum im Sommer in die Museen locken, was nur 13 000 Besuchern gefiel. In einem anderen Jahr standen die Leute verärgert vor den geschlossenen Türen der Pinakotheken. Längst sind auch sie wieder dabei. Denn sie merken, dass die Museumsnacht animiert, auch mal am Tag vorbeizuschauen.

Nach dieser Theorie wird sich das Museum Fünf Kontinente wappnen müssen. Bereits um 24 Uhr zählte man dort gut 4700 Besucher. Ein Erfolg, zu dem sicher die Ausstellung "Collecting Japan" mit Filmen aus dem Land, wo Matcha und Sake fließen, beigetragen hat. Nicht weniger begeistert war man noch am Abend im Muca an der Hotterstraße. Auch hier eine Menschenmenge vor der Tür, was diejenigen etwas verstimmte, die im hauseigenen Restaurant dinieren wollten. Die Kunsthungrigen, die geduldig ausharrten, konnten eintauchen in die Welt der US-amerikanischen Streetartkünstlerin Swoon.

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