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Neuhausen:Nur ein Wall gegen den Lärm

120 000 Fahrzeuge täglich passieren die Landshuter Allee, einen Abschnitt des Mittleren Rings. Den Bau einer neuen Röhre lehnt die grün-rote Stadtratsmehrheit ab. Die Neuhauser CSU fordert dennoch: "Wir sollten wieder mit der Tunnel-Diskussion beginnen."

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auf effektiven Schutz vor Krach und Abgasen warten die Anwohner der Landshuter Allee immer noch vergeblich. Höchstens an der Borstei kann sich die Stadt eine 330 Meter lange Abschirmung vorstellen. Zu wenig, sagen Kritiker.

Von Sonja Niesmann

"Mehr Ruhe, mehr Grün, mehr Lebensqualität" an der mit 120 000 Fahrzeugen täglich hoch lärm- und abgasbelasteten Landshuter Allee - das hört sich ja verheißungsvoll an. Was sich aber nun im Gesamtkonzept des Baureferats dazu findet - eine Lärmschutzwand für die Borstei zwar, aber keine effektiven Verbesserungen für die Neuhauser Anwohner auf die nächsten Jahre hin -, enttäuscht die Neuhauser Stadtviertelpolitiker, die Bürgerinitiave Pro Tunnel und auch das grün-rote Stadtratsbündnis selbst.

"Wir werden dazu einige Änderungsanträge einbringen", kündigte die Stadträtin und Grünen-Fraktionsvorsitzende Anna Hanusch an, "es müssen kluge Lösungen für die einzelnen Straßenabschnitte gefunden werden, eventuell sogar Teileinhausungen". Der Bezirksausschuss (BA) forderte in seiner jüngsten Sitzung auf Antrag der Grünen mehrheitlich, zum sofortigen Lärmschutz nachts das Tempo auf diesem Stück des Mittleren Rings noch weiter zu reduzieren, von jetzt 50 auf 30. Gudrun Piesczek (CSU) zog ein ganz anderes Fazit: "Wir sollten wieder mit der Tunnel-Diskussion beginnen!"

Als Alternative zu einem von Grün-Rot nicht mehr gewünschten Tunnel-Bau hatten die Fraktionen der Grünen/Rosa Liste und der SPD/Volt im vergangenen Juli beantragt, ein Gesamtkonzept für mehr Lärmschutz, Luftreinhaltung, Klimaschutz und Aufenthaltsqualität an der Landshuter Allee zu entwickeln und verschiedene Punkte dazu aufgezeigt. Eine Lärmschutzwand an der Brücke über die Dachauer Straße für die Siedlung Borstei hält auch die Verwaltung für dringend geboten, sie schlägt vor, mit der Planung zu beginnen. 330 Meter lang, bis zu 5,50 Meter hoch, könne die Wand den Lärmpegel in den oberen Geschossen um bis zu drei Dezibel, im Erdgeschoss um bis zu 11 Dezibel mindern.

Bei optimalem Planungsverlauf könnte sie von Herbst 2024 bis Sommer 2025 gebaut werden. Den Neuhauser BA freut das für die Moosacher Nachbarn, auch wenn ihm die wohl nötige Fällung von 50 Bäumen gar nicht gefällt. "Aber die anderen schauen zehn bis 15 Jahre weiter in die Röhre", sagte Gudrun Piesczek bitter.

Denn von den im Antrag angesprochenen Einhausungen zwischen der Heideckstraße und dem Platz der Freiheit sowie an der Tunnelausfahrt zur Donnersbergerbrücke hält das Baureferat wenig. Zwar könnten sie (an der Donnersberbergerbrücke allerdings weniger) lärmmindernd wirken, jedoch sei bereits in der Machbarkeitsstudie von 2015 als gewichtiger Nachteil die Trennwirkung fürs Viertel benannt worden.

Friedlich geht es in den Innenhöfen der Siedlung Borstei zu. Zum Mittleren Ring hin wird es hingegen laut.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Zwischen der Heideckstraße und dem Platz der Freiheit etwa entstünde eine circa 730 Meter lange, 26 Meter breite und rund sieben Meter hohe Mauer, die im Übrigen wegen ihrer Länge auch nach den Richtlinien für Straßentunnel zu behandeln wäre. Die Donnersbergerbrücke sei auch nicht robust genug für eine große Lärmschutzwand, diese könne erst im Zuge eines Ersatzneubaus der Brücke berücksichtigt werden; Baubeginn: "spätestens in zehn bis 15 Jahren", sofern die Planungen rechtzeitig aufgenommen werden.

Lärmschutzwände in solchem Ausmaß liefen allerdings zahlreichen Forderungen von Bürgern und aus dem BA zuwider, endlich das Trennende dieser breiten Verkehrsschneise zu überwinden, die Gebiete diesseits und jenseits des Mittleren Rings zueinanderzubringen. Über mehr Querungsmöglichkeiten, mehr Grün auf der Oberfläche des bestehenden Tunnels, über eine gewisse Umverteilung des Raumes soll laut Baureferat das neue Mobilitätsreferat "unter Einbeziehung der Ideen und Wünsche aus der Bürgerschaft" gesondert Vorschläge erarbeiten.

Jedoch, heißt es an dieser Stelle warnend: Die Landshuter Allee ist eine Hauptverkehrsstraße, die Durchgangsverkehr bündelt. "Umverteilungen des öffentlichen Raumes zu Lasten von Kfz-Verkehrsflächen" seien ohne gravierende Eingriffe in die Leistungsfähigkeit der Straße nicht möglich.

Zum Aspekt, dass die NO₂-Belastung an der Landshuter Allee zu hoch ist und mit einer Einhaltung des Grenzwertes wohl erst 2026 zu rechnen sei, verweist die Beschlussvorlage auf ein dreijähriges Pilotprojekt des bayerischen Umweltministeriums. Es untersucht die Wirkung von Filtersäulen im Abschnitt südlich der Nymphenburger Straße. Sollte sich zeigen, dass dadurch die Luftqualität verbessert wird, "könnten die Filtersäulen solange betrieben werden, bis die zulässigen Immissionsgrenzwerte eingehalten werden". Nicht zuletzt verweist das Baureferat noch auf das städtische Förderprogramm "Wohnen am Ring", das Lärmschutz-Maßnahmen an Gebäuden finanziell unterstützt.

Die Neuhauser Stadtviertelpolitiker finden in diesem Konzept keine wirklich "effektiven Maßnahmen zum Schutz der Anwohnerinnen und Anwohner". Und auch die Bürgerinitiative Pro Tunnel Landshuter Allee kommentierte die Beschlussvorlage mit dem Satz: "Die Katze ist aus dem Sack - kaum Maßnahmen an der Landshuter Allee!" Die statt des Tunnels propagierten Alternativmaßnahmen könnten zu einem erheblichen Teil nicht oder nur unter unverhältnismäßigem Aufwand umgesetzt werden. Statt tatsächlich ein zukunftsweisendes Gesamtkonzept zu schaffen und die Lebensqualität der Anwohner endlich zu verbessern, "verharrt die Stadt stur ... weiter im Klein-klein einiger Einzelmaßnahmen, so die BI-Sprecher.

© SZ vom 28.05.2021/amm, van
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