SZ-Serie: Grün im Grau:"Natur und Stadt dürfen wir nicht mehr als zwei voneinander getrennte Elemente betrachten"

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SZ-Serie: Grün im Grau: Der Landschaftspark Baumkirchen ist anders als andere Parks.

Der Landschaftspark Baumkirchen ist anders als andere Parks.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Landschaftspark Baumkirchen ist besonders: Hier müssen sich Besucher an Regeln halten, damit Pflanzen und Tiere mehr Freiheiten haben.

Von Konstantin Rek

In diesem Park gibt es weder Spielflächen für Kinder noch Picknick-Wiesen oder Sportanlagen. Im Landschaftspark Baumkirchen fehlen all diese Dinge, hier trifft Industrie auf Natur. Verrostete Schienen, alte Bahnschwellen oder verbeulte Leitplanken liegen im Dickicht aus Sträuchern und Pflanzen. Selbst eine alte Eisenbahn-Drehscheibe, von der aus man auf Bänken dem Sonnenuntergang zuschauen kann, versteckt sich im Gelände. Die Plattform im westlichen Teil des Landschaftsparks ist überwuchert.

Auf dem Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerks München 4 ist das Stadtquartier Baumkirchen Mitte entstanden. Hier nimmt der Landschaftspark, den alle nur Gleispark nennen, ungefähr sechs von 15 Hektar ein. Das war schon bei der Planung umstritten: Wieso sollte fast die Hälfte des Geländes der Natur gehören, fragten sich einige Anwohner. Sie verlangten eher einen Englischen Garten mit Brunnen oder Spielflächen - und nicht alte Gleise mitten im Gelände. Skepsis überwog, doch nach einiger Zeit wurden die Bewohner neugierig. Heute wird der Park, der fast wie ein kleiner Schrottplatz wirkt, gut angenommen, Spaziergänger fühlen sich auf der ruhigen Grünfläche wohl. Hinter dem Konzept steckt mehr, als mancher sich zu Beginn gedacht hatte.

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(Foto: SZ-Karte/Mapcreator.io/HERE)

Beim Gang durch den Park hört man das Rascheln der Blätter. Tiere seien ein ständiger Begleiter und sogar "Mitgestaltungsgeber dieses Parks", erklärt Landschaftsarchitektin Andrea Gebhard. Mit ihrem Landschaftsarchitekturbüro Mahl Gebhard Konzepte und den Architekten Peter Ebner & Friends hat sie den Park gestaltet. Die Natur hat sich das Bahngelände zurückerobert und bietet nun mit ihrer Überwucherung, den heißen Böden und dem Schotter das perfekte Refugium für bestimmte, streng geschützte Tierarten. Besonders die Zauneidechse, die Blauflügelige Ödlandschrecke und die Blauflügelige Sandschrecke finden hier ihren Platz.

SZ-Serie: Grün im Grau: Ein Steg aus Beton mit kleinen Schlitzen ...

Ein Steg aus Beton mit kleinen Schlitzen ...

(Foto: Alessandra Schellnegger)
SZ-Serie: Grün im Grau: ... führt durch den Park ...

... führt durch den Park ...

(Foto: Alessandra Schellnegger)
SZ-Serie: Grün im Grau: ... der früher ein ehemaliges Bahnbetriebswerk war.

... der früher ein ehemaliges Bahnbetriebswerk war.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein wichtiger Aspekt ist beim Gleispark die Pflege. Dabei achte man darauf, so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen, erklärt Andrea Gebhard. Regelmäßig werden alte Bäume und Sträucher gestutzt oder entfernt, damit der Boden nicht verschattet. Die Tiere mögen die Hitze. Der Boden ist offenporig, damit die Tiere dort ihre Eier ablegen können. Andere Eingriffe oder gar Forstwirtschaft gibt es nicht, der Park kann sich selbst regulieren. Die Untere Naturschutzbehörde sei begeistert, die Umgebung für die Tiere habe sich deutlich verbessert, berichtet Gebhard. Für dieses Konzept hat das Landschaftsarchitekturbüro sogar Preise gewonnen, darunter auch den Bayrischen Landschaftsarchitekturpreis 2020.

Den Menschen soll das tierische Schauspiel nicht verborgen bleiben. Sie dürfen die "ökologische Vorrangfläche" betreten - mit klaren Regeln. Das Motto: Tiere und Menschen sollen im Einklang miteinander leben. "Natur und Stadt dürfen wir nicht mehr als zwei voneinander getrennte Elemente betrachten", sagt Stadtbaurätin Elisabeth Merk. Damit dies gewährleistet ist, sollen Besucher des Parks nur auf einem eigens angelegten Steg aus Beton mit kleinen Schlitzen laufen und nicht die Grünflächen betreten. Dort sollen sich nur die Tiere ausbreiten. Der 480 Meter lange Weg führt durch das wilde Gestrüpp - verschiedene Sitzmöglichkeiten inklusive. Für den Steg haben die Landschaftsarchitekten einfach Spaltenböden aus Schweineställen verwendet. Diese sind wasser- und lichtdurchlässig und belüften durch die kleinen Schlitze auch den Boden. Oft kriechen durch die Löcher Eidechsen.

Trotz des eingeschränkten Bewegungsradius wirkt der Park groß. "Der Gleispark ist einer der Orte, mitten in der dicht bebauten Stadt, wo man die Weite spüren kann", sagt Stadtbaurätin Merk.

SZ-Serie: Grün im Grau: Müll ist manchmal ein Problem hier.

Müll ist manchmal ein Problem hier.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
SZ-Serie: Grün im Grau: Erklärtafel mit Informationen über Tiere.

Erklärtafel mit Informationen über Tiere.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Problemfrei ist der Park allerdings nicht. Wo Menschen sich aufhalten, dort entsteht Müll. Die Meinungen gehen auseinander, wie schlimm die Situation ist. Für Markus Diekow von der CA Immo ist der Abfall zwar die größte Herausforderung, doch insgesamt sei es nicht schlimmer als in anderen Parks. Sein Unternehmen ist der ehemalige Eigentümer des Bahngeländes und wirkt nun als Quartiersentwickler. Auch kümmert man sich um die Entsorgung des Abfalls. Hierfür gibt es einen Hausmeisterdienst, der den Park regelmäßig von Glasflaschen und anderen Resten befreit. Landschaftsarchitektin Gebhard sieht das Problem ebenfalls als nicht so groß an. "Der Park wird nicht als Müllablage benutzt", sagt sie.

Das war nicht immer so. Ende vergangenen Jahres musste sogar mal ein Sofa aus dem Park entfernt werden. Für die Kreisgruppe München des Bund Naturschutz (BN) ein Weckruf. "Wir fordern die Stadt München auf, sich mehr um die Grünfläche zu kümmern", sagt der stellvertretende Geschäftsführer Martin Hänsel. Daneben liege es auch an den Menschen, die Regeln besser einzuhalten. Um die Besucher noch weiter zu sensibilisieren, erklären inzwischen Schilder die Regeln im Park. Auch über die besonderen Tiere wird auf kleinen Tafeln berichtet, wenngleich sie teilweise voller Graffiti oder zerstört sind. Der Spagat zwischen Natur und Erholungsdruck bleibt ein Dilemma. "Wir wollen den Park nicht einzäunen", erklärt Diekow. Das verändere den besonderen Charakter. Für Naturschützer Hänsel wäre das eine "Bankrotterklärung".

Der Bund Naturschutz lobt die Idee hinter dem Park. Das Konzept sei ein zentrales Element, um die Artenvielfalt in München zu retten. Bisher sei die Idee in München, aber auch in Deutschland einmalig, berichtet Diekow von der CA Immo. Er glaubt nicht, dass sich diese Art von Park überall durchsetzen wird. Das Konzept beschränke die Entfaltung der Menschen. Besonders in der Stadt hätten andere Parks, die vor allem auf menschliche Bedürfnisse ausgelegt sind, ihre Berechtigung. Landschaftsarchitektin Gebhard sieht im Landschaftspark Baumkirchen trotzdem einen "zukunftsfähigen Ansatz". Er sei ein Inkubator für Biodiversität, in dem Tiere und Menschen im Einklang leben würden - ein Vorbild für die Zukunft.

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