Bayerisches Landeskriminalamt:Eine App soll Kunstschmuggler enttarnen

Lesezeit: 3 min

Kunstfahnder des LKA verhaften Antikenschmuggler in München, 2020

Ein vor zwei Jahren konfiszierter korinthischer Helm ist einer der Testgegenstände für die App.

(Foto: Stephan Rumpf)

Echt oder nicht? Weil das für Beamte im Alltag kaum zu erkennen ist, soll die Technik bei illegalem Antikenhandel helfen. Im Münchner Landeskriminalamt wird sie derzeit an echten und gefälschten Kunstwerken aus der Asservatenkammer getestet.

Von Martin Bernstein

Als der ältere Herr aus der süditalienischen Provinz Tarent am 21. Januar vor knapp zwei Jahren abends gegen halb elf am Münchner Hauptbahnhof aus dem Zug steigt, geht ihm vermutlich alles Mögliche durch den Kopf. Aber bestimmt nicht, dass das, was er in einem seiner beiden Reisekoffer dabei hat, die deutsche Kriminalpolizei auf ihrem Weg ins digitale Zeitalter ein gutes Stück voranbringen wird. Zumal das in Schaumstoff eingewickelte Reisegepäck selbst schon 2400 Jahre alt ist. Der korinthische Helm schützte damals den Kopf eines griechischen Soldaten. Die bronzene Wehr konnte der Mann bei den seinerzeit üblichen bürgerkriegsähnlichen Scharmützeln in seiner Heimatstadt Kroton - heute Crotone in Kalabrien - sicher gut gebrauchen.

Seinem späten Nachfahren bringt der Helm dafür jede Menge Verdruss. Denn keine elf Stunden später findet die Europareise des damals 77 Jahre alten Italieners ein jähes Ende: Bevor er in den Zug steigen kann, der ihn nach Belgien bringen soll, klicken die Handschellen der Kunstfahnder des bayerischen Landeskriminalamts (BLKA). Der Mann aus Apulien, der sich selbst als "Geschäftsmann und Händler" bezeichnet, ist nach Überzeugung der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft ein professioneller Kunstschmuggler - und der Helm, der auf einen Wert von rund 20 000 Euro geschätzt wird, Kulturgut, das Italien nie hätte verlassen dürfen.

Knapp zwei Jahre später wartet der jetzt 79-Jährige auf seinen Prozess vor dem Schöffengericht des Münchner Amtsgerichts. Und der Helm liegt weiterhin in der Asservatenkammer der BLKA-Kunstfahnder in der Barbarastraße. Zurückgefordert hat ihn nämlich bislang niemand. Er stammt trotz seines guten Erhaltungszustands wohl nicht aus einem Museum, sondern aus einer jener Raubgrabungen, die auf das Konto spezialisierter einheimischer Banden gehen. Oft steckt die kalabrische Mafia-Organisation 'Ndrangheta dahinter, deren Bosse sich aber beim illegalen Geschäft mit geschützter Kunst selbst die Hände nicht schmutzig machen wollen. Beim Buddeln schon gleich gar nicht.

Die App gleicht das Fundstück mit Fotos ab, die in einer Datenbank hinterlegt sind

Bis in eine Museumsvitrine hat es der Helm aus dem antiken "Magna Graecia" (Großgriechenland) also bislang nicht geschafft. Aber immerhin darf er dabei mithelfen, die schwierige Jagd nach geraubten, illegal gehandelten oder gefälschten archäologischen Funden für die deutsche Polizei ein wenig komfortabler zu gestalten.

Gefördert mit einer halben Million Euro von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien hat das Fraunhofer-Institut für sichere Informationstechnologie (SIT) nämlich eine App entwickelt, die im Idealfall binnen Sekunden klären können soll, ob es sich zum Beispiel bei Vasen oder Skulpturen, die Polizisten oder Zöllner in einem von ihnen durchsuchten Koffer oder Kofferraum entdeckt haben, um Fälschungen oder echte antike Gegenstände handelt und ob der Besitzer oder die Besitzerin die antiken Gegenstände legal transportiert. "KIKu" heißt das Projekt - das possierliche Kürzel steht für "Künstliche Intelligenz für den Kulturgutschutz".

Bevor KIKu aber bei Grenzkontrollen, Schleierfahndungen und Razzien mitmachen darf, muss die App erst einmal getestet werden - idealerweise an Gegenständen, deren Hintergrund schon bekannt ist. Ermittlerinnen und Ermittler können so schnell feststellen, wie zuverlässig ihr künftiger digitaler Partner im Ernstfall arbeitet. Neben neun weiteren Dienststellen bundesweit nehmen auch die sechs BLKA-Kunstfahnder aus München mit ihrem Chef Christian Klein an der Testphase teil. Und der Helm aus Kalabrien, den der mutmaßliche Schmuggler möglicherweise in Belgien hatte zu Geld machen wollen.

Aus allen möglichen Winkeln und Perspektiven ist das Fundstück mit dem Smartphone fotografiert worden. Die KIKu-App hat die Bilder dann einen SIT-Server geschickt. Dort werden sie automatisch mit Fotos abgeglichen, die in einer Datenbank hinterlegt sind.

Auch Gegenstände aus nicht-europäischen Kulturen soll die App erkennen

Ziel ist es, Ähnlichkeiten zwischen dem fotografierten Gegenstand und bereits bekannten Kulturschätzen zu finden. "Korinthischer Helm aus Süditalien, 4. oder 3. Jahrhundert vor Christus" wäre dann im Ernstfall für Fahnder schon ein wichtiger Hinweis. Umso mehr natürlich, wenn es sich bei dem Vergleichsobjekt in der Datenbank um einen Gegenstand handelt, für den spezielle Aus- und Einfuhrregelungen gelten.

KIKu soll sich jedoch nicht nur in Europa auskennen. Griechen und Römer sollten für sie kein Problem sein - aber die Olmeken? Die lebten vor 3000 Jahren am Golf von Mexiko, ihre typischen Skulpturen sind begehrte Ware im illegalen Kunsthandel. Figuren im Stil dieser mittelamerikanischen Kultur stellten BLKA-Kunstfahnder vor einem Jahr in München sicher.

Die Kriminalbeamten des Sachgebiets 622 ("Sonderermittlungen") sind Experten, wenn es um Raub- und Beutekunst geht, um illegal eingeführte Antiken, um gestohlene Kunstgegenstände - und um Fälschungen. "Wir wollten schauen, wie clever die neue App ist", sagt Wera Engelhardt von der Pressestelle des BLKA. Denn mittlerweile steht eindeutig fest: Die vermeintlichen Olmeken aus der Münchner Asservatenkammer sind gut gemacht - aber falsch.

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