Neue Tramstrecke im Münchner WestenSo lebt es sich an der Mega-Baustelle

Lesezeit: 4 Min.

Ute Kurzer und George Rogozea sind Nachbarn in einem Mehrparteien-Haus an der Baustelle der Tram-Westangente in Laim und beklagen Bauschäden in ihren Wohnungen.
Ute Kurzer und George Rogozea sind Nachbarn in einem Mehrparteien-Haus an der Baustelle der Tram-Westangente in Laim und beklagen Bauschäden in ihren Wohnungen. (Foto: Robert Haas)
  • Seit 2024 laufen in Laim die Arbeiten an der Tram-Westtangente, die Ende 2028 auf acht Kilometern Länge fünf Stadtteile verbinden soll.
  • Anwohner beklagen Risse in Wänden und Böden ihrer Wohnungen, die sie auf die Bauarbeiten mit schwerem Gerät zurückführen.
  • Die Baustelle verursacht weitere Probleme wie gesperrte Tiefgaragenzufahrten, wochenlang nicht abgeholten Müll und ohrenbetäubenden Lärm.
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Lärm, Risse in den Wänden, Müll, der nicht wegkommt: Viele freuen sich, dass die Straßenbahn-Westtangente endlich kommt. Aber Anwohner leiden unter Baustellenstress.

Von Martin Mühlfenzl

Beim Fensterputzen fällt Ute Kurzer erstmals auf, dass etwas nicht stimmt. Direkt über dem Rahmen hat sich in der Wand ihrer Wohnung ein Riss gebildet – ein lang gezogener Spalt, der mittlerweile gut mit bloßem Auge zu erkennen ist. „Und der vorher nicht da war“, sagt Kurzer. Und was sie mit „vorher“ meint, wird beim Blick von ihrem Balkon deutlich: Bevor die gigantische Baustelle der Tram-Westtangente auf der Fürstenrieder Straße eingerichtet worden ist.

Seit 2024 laufen in Laim die Arbeiten an einem der wichtigsten Münchner Verkehrsprojekte. Der neuen Straßenbahn, die spätestens Ende 2028 auf einer Länge von etwas mehr als acht Kilometern die Stadtteile Neuhausen-Nymphenburg, Laim, Hadern, Sendling-Westpark und Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln miteinander verbinden soll.

Unumstritten ist das Projekt allerdings nicht; insbesondere die Aussicht auf jahrelangen Baustellenlärm, Verkehrsbeeinträchtigungen, Gefahren für Fußgänger und Radfahrer, Baumfällungen und auch die unzureichende Kommunikation der Verantwortlichen haben immer wieder Kritik hervorgerufen. Und der Unmut ebbt nicht ab.

Anwohner beklagen Lärm und Verkehrsbeeinträchtigungen durch die Baustelle der Westtangente auf der Fürstenrieder Straße.
Anwohner beklagen Lärm und Verkehrsbeeinträchtigungen durch die Baustelle der Westtangente auf der Fürstenrieder Straße. (Foto: Robert Haas)

Ute Kurzer steht an diesem Nachmittag auf ihrem Balkon und blickt über das lang gezogene Baufeld der Tram-Westtangente. „Ich habe die beste Aussicht“, sagt die 70-Jährige, die seit mehr als 30 Jahren in dem Mehrparteien-Haus gegenüber einer Tankstelle wohnt.

Grundsätzlich sei sie nicht gegen den Bau der neuen Straßenbahn, und auch mit dem Lärm komme sie halbwegs zurecht. „Krach gehört zu einer Baustelle dazu, das weiß jeder“, sagt die Mieterin. Aber all die anderen Effekte, die von der Baustelle der Tram-Westtangente verursacht würden, seien kaum mehr hinnehmbar. Und jetzt sind da auch noch die Risse in der Wand, die sie eindeutig auf die Arbeiten mit schwerem Gerät auf der Fürstenrieder Straße zurückführt.

Der Riss in der Wand in der Wohnung von Anwohnerin Ute Kurzer ist mit bloßem Auge leicht zu erkennen.
Der Riss in der Wand in der Wohnung von Anwohnerin Ute Kurzer ist mit bloßem Auge leicht zu erkennen. (Foto: Robert Haas)

Auch ihr Nachbar George Rogozea aus dem zweiten Stock berichtete von kleinen Rissen in seiner Wohnung, die er 2005 gekauft hat. Im Bad hätten sich in den Fugen kleine Spalten gebildet, einige Fliesen seien „etwas locker“, sagt er im gemeinsamen Gespräch mit Ute Kurzer.

Rogozea vermutet, es seien insbesondere die Arbeiten an der fast schon berüchtigten „Wasserleitung 5“, die im Zuge des Baus der Westtangente auf einer Länge von mehr als fünf Kilometern auf der Fürstenrieder Straße neu verlegt werden muss. „Morgens fällt man schon aus dem Bett raus“, sagt der Wohnungsbesitzer über die ohrenbetäubenden Arbeiten. „Und das ganze Haus bebt. Man sitzt auf der Couch wie auf einem Trampolin“, beschreibt Kurzer ihren Gemütszustand im fünften Stock.

Es ist aber nicht nur die Baustelle an sich, die Anwohnerinnen und Anwohnern das Leben schwer macht. Immer wieder berichten Betroffene davon, dass die Tiefgaragenzufahrten zu ihren Häusern kurzfristig ohne Vorankündigung einfach zugesperrt worden seien – und das für mehrere Tage oder Wochen.

Auch Rogozea hat das erlebt. „Es ist schon vorgekommen, dass ich einfach nicht herausgekommen bin. Und ich arbeite in Penzberg“, berichtet er. „Es kam auch schon vor, dass die Tiefgarage gesperrt war, und erst dann mit Flyern informiert wurde. Oder Seitenstraßen gesperrt wurden und dann das Parkverbot einfach drei Monate rückdatiert wurde.“

Auch an diesem Tag wird erneut eine Sperrung der Tiefgarage für mehrere Wochen angekündigt. Den Anwohnern, so teilen die Stadtwerke München (SWM) schriftlich mit, würden alternativ für mehrere Wochen Plätze in einer Tiefgarage nahe der Postfiliale zur Verfügung gestellt. „Immerhin werden wir dieses Mal informiert. Das war nicht immer so“, sagt Rogozea.

Anwohner berichten davon, dass der Müll teils mehrere Wochen lang nicht abgeholt worden sei.
Anwohner berichten davon, dass der Müll teils mehrere Wochen lang nicht abgeholt worden sei. (Foto: privat)

Das Leben mit und an der Baustelle bringe aber auch weitere Einschränkungen mit sich, beklagen die beiden Bewohner. So sei teils über Wochen der Müll nicht abgeholt worden, in den überfüllten Tonnen seien Ratten und Kakerlaken gesichtet worden.

Rogozea hat die Zustände mit Fotos dokumentiert – ebenso die Korrespondenz mit dem Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM), in die auch die Hausverwaltung involviert war, und die der SZ vorliegt. Immer wieder wurde der AWM aufgefordert, die Tonnen endlich zu leeren. Mehrmals antwortete das Beschwerdemanagement, eine Leerung sei aus „betrieblichen Gründen“ nicht möglich gewesen, werde aber mit der nächsten regulären Leerung erfolgen.

Auf SZ-Nachfrage antwortet der Abfallwirtschaftsbetrieb, dass im speziellen Fall des Hauses von Kurzer und Rogozea die nicht erfolgten Leerungen auf einen „funktionsunfähigen Schlüssel“ zurückzuführen gewesen seien. Das Problem sei mittlerweile aber gelöst.

Dennoch bestätigt auch der AWM, dass die „Großbaustelle“ Auswirkungen auf den Verkehr und die Müllabfuhr habe. Teils könnten Einsammelfahrzeuge wegen starker „Verparkungen“ in den Seitenstraßen nicht in die Fürstenrieder Straße einfahren. Ein Gebührenerlass, so der AWM, sei aber auch bei verzögerter Müllabholung oder gar Ausfällen nicht vorgesehen. Und von Schädlingsbefall im Bereich der Fürstenrieder Straße sei dem AWM bislang nichts bekannt.

Ute Kurzer hat neben den Rissen in der Wand in ihrer Wohnung auch eine Verformung im Boden festgestellt. In ihrem Designbelag, so die Mieterin, habe sich eine Spalte gebildet – wie auch die Risse erst nach Beginn der Bauarbeiten.

Die Stadtwerke München berichten, dass bisher erst „wenige Meldungen von Anwohnern“ über mögliche Schäden eingegangen seien. Stellen Anwohner einen Schaden in der Wohnung oder am Haus fest, können sie diesen dokumentieren und an eine eigens dafür eingerichtete E-Mail-Adresse der SWM schicken.

Wenn dies passiert, teilt ein Sprecher mit, werde eine sogenannte Zwischenbeweissicherung vorgenommen, um die Schäden aufzunehmen und zu bewerten. Stellt sich dann nach der Prüfung eines Gutachters heraus, dass eine Baumaßnahme der SWM ursächlich für den Schaden ist, kommt eine Versicherung für die Beschädigung auf.

Aber auch bereits vor dem Einrichten einer Baustelle werden die Gebäude entlang der Baumaßnahme vorab „beweisgesichert“, so die Stadtwerke. Zudem werden dort, wo es möglich ist, „erschütterungsarme Bauverfahren“ angewandt.

Ute Kurzer aber hat den Schaden bereits. Ob der Riss als Baustellenschaden anerkannt wird, wird sich erst noch zeigen müssen. Noch hat sie den Schaden nicht offiziell gemeldet; die Stadtwerke aber haben die Mieterin nach der SZ-Anfrage bereits angeschrieben. Zeit genug bleibt, denn Kurzer wird wie so viele im Münchner Westen noch länger mit der Baustelle leben müssen.

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