Alle Jahre wieder schneit es an der Bayerischen Staatsoper in Puccinis „La Bohème“. Jetzt wird erstmals Benjamin Bernheim als Dichter Rodolfo in der Inszenierung von Otto Schenk auftreten, die unter Münchner Opernfans Kultstatus genießt. Der 40-Jährige gehört zu den begehrtesten Sängern der Gegenwart und ist spätestens seit seinem spektakulären Auftritt bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele in Paris einem Massenpublikum bekannt.

Herr Bernheim, wissen Sie, dass „La Bohème“ im Nationaltheater eine Legende ist unter Münchner Opernfans?
Ja, ich habe schon viel darüber gehört von anderen auf Instagram und Facebook. Sie freuen sich sehr, dass ich in dieser Produktion auftrete. Von wann ist sie nochmal?
…1969…
Dann ist sie älter als ich. Unglaublich. Ich sollte sie bereits 2020 bei den Opernfestspielen singen, aber das wurde wegen der Pandemie abgesagt. Eine „Bohème“ im Dezember, im Winter zu singen, ist sowieso immer etwas Besonderes.
Spielen Sie lieber ältere oder modernere Inszenierungen?
Wichtiger als modern oder alt finde ich, dass eine Produktion poetisch ist, dass sie ihr Publikum mitnimmt in ein eigenes Universum. Ich habe vor knapp zehn Jahren in Paris in einer Neuinszenierung der „La Bohème“ von Claus Guth gesungen. Sie spielt in einem Raumschiff, sehr modern, sehr konzeptionell, aber visuell ist sie ausgesprochen poetisch.
Das Pariser Premieren-Publikum hat damals vor Wut geschrien, selbst zwischen den Szenen.
Das war schrecklich. Ich war damals die Zweitbesetzung und saß bei der Premiere im Orchestergraben, eine knifflige Situation. Das Pariser Publikum war vielleicht für solche Modernität nicht bereit. Aber inzwischen ist die Inszenierung immer voll, und jeder möchte sie sehen. Manche Dinge können Klassiker werden, wenn man ihnen die Chance gibt.

In der Münchner Inszenierung lebt die Bohème immer noch in den Cafés und in der Mansarde über den Dächern von Paris. Gibt es dieses Paris noch, das da gezeigt wird?
Ja, schon, im Quartier Latin, auch in der Nähe der Opéra de Bastille existiert noch viel davon auf den Straßen, in den Bars, den Brasserien. Im Grunde geht es in dem Stück um eine bestimmte Lebensqualität, Orte, an denen man gemeinsam etwas tun kann, miteinander spricht, etwas Neues erfährt. Dezember und Januar in Paris, das ist noch immer ein besonderes Gefühl.
Sind Sie nostalgisch?
Momentan ändert sich vieles besonders schnell, umso mehr brauchen wir Traditionen wie Weihnachten oder Silvester, vielleicht nicht mehr unbedingt in einem religiösen Sinn, aber als Gelegenheiten, zueinanderzufinden mit Freunden und der Familie. „La Bohème“ erzählt von der Kälte des Lebens. Der in der Stadt, aber auch davon, wie wichtig genau deshalb Freunde sind.
Sie haben angekündigt, sich mehr auf französische Partien konzentrieren zu wollen. „La Bohème“ ist eine italienische Oper, aber auf einer französischen Vorlage. Ist Rodolfo für Sie Italiener oder Franzose?
Ein bisschen von beidem, das macht das Genie Puccinis. Er zeigt tatsächlich die einfachen Leute in Frankreich, nach der Revolution, der Restauration, in der Zweiten Republik. Das ist nicht mehr die Welt von heute, aber es gibt darin eine Essenz des französischen Lebens, die weitergeht. In Verbindung mit Italianità entsteht daraus eine sehr europäische Mischung von zwei Kulturen, ein französisch-italienisches Meisterwerk. Wie bei Gounod im „Faust“ oder bei Massenet in „Werther“: deutschen Stoffen, die von französischen Komponisten vertont wurden.

Puccini hat für Rodolfo in der Arie im ersten Akt nicht zwingend ein hohes C vorgeschrieben, es ist aber Tradition. Wie halten Sie es damit?
Wichtig ist erstmal nicht eine Note, sondern die Geschichte zu erzählen. Gewöhnlich entscheide ich es am Tag zuvor. Meistens singe ich das hohe C, aber in Wien zum Beispiel habe ich es auch mal gelassen, nachdem ich Covid gehabt hatte und mich noch nicht richtig gesund fühlte. Es ist wichtig für alle Tenöre, sich da nicht unter Druck zu setzen, denn Puccini selbst hat uns unterschiedliche Möglichkeiten gegeben.
Bei vielen älteren Inszenierungen gibt es kaum noch Personenregie, es stehen quasi nur noch die Kulissen. Das ist bei der „Bohème“ an der Staatsoper immer auffallend anders. Hat man da entsprechend Probenzeit?
Ja, das ist gerade bei deutschen Opernhäusern wichtig, die ein großes Repertoire haben. Bei vielen Wiederaufnahmen probt man nur zwei oder drei Tage. In diesem Fall haben wir eine ganze Woche. Nicola Luisotti ist ein toller Dirigent, da will man auch musikalisch Zeit für die gemeinsame Vorbereitung, damit es für das Publikum wirklich stimmt.
Sie singen drei Vorstellungen, am 23. und 26. Dezember übernimmt dann Stephen Costello. Wollten Sie Weihnachten zu Hause sein?
Ich bin das ganze Jahr viel unterwegs, immer auf Reisen, ich opfere viel von meinem Privatleben für meinen Beruf und das Publikum. Aber es gibt ein paar Momente im Jahr, wo ich die Zeit mit Familie und Freunden brauche, das ist sehr wichtig.
Was Sie Silvester tun werden, wissen wir auch schon: ein Silvesterkonzert mit den Berliner Philharmonikern, das in 330 Kinos in zehn Ländern übertragen wird. Möchte man an Silvester nicht auch etwas anderes tun als singen?
Vielleicht, aber die Möglichkeit zu einem Silvesterkonzert mit Maestro Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern ergibt sich selten. Sowas wollte ich früher immer machen, und für diesen Jahreswechsel ist es dazu kommen. Darauf freue ich mich riesig. Wenn ich Zeit für Weihnachten habe, bin ich zufrieden, man kann nicht alles haben.
„La Bohème“, am 17. und 20.12, Bayerische Staatsoper, Vorstellungen bereits ausverkauft; Silvesterkonzert in der Berliner Philharmonie am 29., 30. und 31.12., am Silvesterabend Liveübertragung in München im Gloria Palast, im Neuen Rex und der Astor Film Lounge im Arri oder zeitversetzt bei Arte TV

