Süddeutsche Zeitung

Kreisverwaltungsreferat in München:"Es gibt nicht nur den mittelalten, körperlich unversehrten Deutschen"

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Eine Behörde mit Rollstuhlrampen, Parkplätzen für Familien oder Toiletten für alle Geschlechter: Das KVR in der Ruppertstraße ist inklusiv ausgestattet worden - ein Rundgang.

Von Stephan Handel

Das Kreisverwaltungsreferat ist unvermeidlich: Personalausweis, Reisepass, Heirat, Wohnungswechsel, Führerschein und, in wachsendem Maß: Ausländerangelegenheiten. All das und noch viel mehr zwingt die Münchner in das Hauptgebäude an der Ruppertstraße oder in eines der dezentralen Bürgerbüros. Der Hauptsitz der Behörde wurde in den vergangenen fünf Jahren vergrößert und tiefgehend umgestaltet - mit einem besonderen Schwerpunkt bei der Diversität, also der Nutzbarkeit für alle Bürgerinnen und Bürger, auch für solche, die nicht oder schlecht Deutsch sprechen, die blind sind oder im Rollstuhl sitzen.

Münchens Zweite Bürgermeisterin Katrin Habenschaden und Kreisverwaltungsreferentin Hanna Sammüller-Gradl haben das Konzept am Donnerstag vorgestellt. "Es gibt nicht nur den mittelalten, körperlich unversehrten Deutschen", sagte Katrin Habenschaden. Deshalb gelte es, das gesellschaftliche Bewusstsein für die Vielfalt zu schärfen und dabei nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten zu betonen. Hanna Sammüller-Gradl meinte, das KVR solle "offen für alle" sein: "Es gibt nicht nur eine Art von Mensch."

Das beginnt schon draußen vor der Tür: Alle Eingänge sind mit Rollstuhlrampen ausgestattet, mit einer Neigung, die etwa auch Behinderte ohne motorisierten Rollstuhl leicht bewältigen können. Sehbehinderte und Blinde können sich an einem sogenannten taktilen Leitsystem orientieren - ähnlich dem in den U-Bahnhöfen: Eingekerbte Bodenfliesen können mit dem Blindenstock abgetastet werden und führen zum Ziel. In der Tiefgarage gibt es nicht nur Frauen- und kostenlose Behindertenparkplätze, sondern auch welche für Familien. Die sind breiter als die Standardplätze, sodass Buggys oder Kinderwagen leichter ausgeladen werden können.

Breiter als vorgeschrieben sind auch die Aufzüge, sie können ohne weiteres mit einem Rollstuhl befahren werden. Die Bedienelemente sind in einer Höhe angebracht, sodass sie auch im Sitzen erreichbar sind. Zudem werden die einzelnen Stockwerke per Lautsprecher angesagt.

Die Stadt ließ sich bei der Planung von einem Gremium beraten, das sich aus Mitgliedern verschiedener Behinderten- und Minderheiten-Beiräten zusammensetzte. Sie machten im Lauf des Baus auf einen Mangel aufmerksam, an den niemand gedacht hatte: In den Treppenhäusern waren Handläufe jeweils nur an einer Seite angebracht. Was aber, wenn jemand auf eine Art behindert ist, die ihm eine Stützvorrichtung auf der anderen Seite nötig macht? So wurden weitere Handläufe nachgerüstet, auf jeder Etage ist auf ihnen die Nummer des Geschosses zu lesen, in normaler Schrift, die aber eingraviert ist, so dass sie auch ertastet werden kann, und zusätzlich in Brailleschrift.

Displays weisen die Wege. Auch sie können von Rollstuhlfahrern auf ihre Höhe gebracht werden, verschiedene Sprachen sind möglich. Daneben gibt es analoge Stelen, die Aufschriften auf ihnen sind ebenfalls erhoben, Brailleschrift ist immer hinzugefügt. Für Mütter gibt es einen Stillraum mit Wickelmöglichkeit, Väter können ihre Kinder in allen Behindertentoiletten wickeln. Eine Toilette ist "all gender", das heißt, dass man sie nutzen kann, egal welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt.

Und an allen Wänden ist die gesellschaftliche Vielfalt Münchens zu sehen: Bilder von jungen und alten Menschen, mit und ohne Behinderung, mit religiösen Zeichen und ohne und unterschiedliche familiäre Konstellationen. Mann und Mann, Mann und Frau, Frau und Frau - eben alle, für die das KVR in der Ruppertstraße unvermeidbar ist.

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