Iranische Künstlerin:"Wir sind offen, wir sind gebildet, wir machen gerne Party"

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Iranische Künstlerin: "Ich hoffe, das nächste Mal, wenn ich nach Iran gehe, dass ich in ein freies Iran gehe", sagt Marjan Baniasadi. Sie kommt ursprünglich aus Teheran.

"Ich hoffe, das nächste Mal, wenn ich nach Iran gehe, dass ich in ein freies Iran gehe", sagt Marjan Baniasadi. Sie kommt ursprünglich aus Teheran.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Als Kunststudentin kommt Marjan Baniasadi aus Iran nach München. In ihren Werken nimmt sie Bezug auf iranische Frauen, die abseits ihrer Heimat den Kummer der politischen Lage in sich tragen. Sie spricht über Hidschab, Hoffnung und die Kunst als ein Zeichen der Freiheit.

Von Leila Herrmann

Scrollt man auf ihrem Instagram-Account nach unten, sieht man Fotos, auf denen Marjan Baniasadi Hidschab trägt. "Die Fotos, auf denen ich ein Kopftuch trage, wurden im Iran aufgenommen", erklärt sie. "Ich bin keineswegs religiös, aber das ist das Gesicht, dass du in Iran zeigen musst", sagt sie. "In Iran ist Hidschab Dresscode." Oder eher "die Zwangsuniform der Frauen".

Marjan lebt heute in München. Ihre Haare sind zu einem lockeren Zopf gebunden, ein paar Strähnen fallen ihr ins Gesicht. Sie trägt roten Lippenstift, ein schüchternes Lächeln umspielt ihren Mund. "In Iran musst du das Kopftuch sogar auf deinen Bildern auf deinem Instagram tragen", denn die Sittenpolizei, die sogenannte Gascht-e Erschad, schaut sich auch Online- Auftritte an. "Und je nachdem, ob du dein Kopftuch nicht trägst oder nicht richtig trägst, können sie dich verhaften", sagt Marjan. Richtiges Tragen bedeutet, dass man kein einziges Haar mehr sehen darf. "Wenn du aber das Kopftuch locker trägst, bedeutet das, dass du es eigentlich gar nicht tragen willst. Das ist ein Hinweis, den ich geben kann", sagt sie. Marjan will diese Situation nicht hinnehmen.

Ein Vogel will nicht einsperrt werden. Seine Flügel sind zum Fliegen gemacht. Seine Schönheit und sein Gesang können aus der Ferne in der Natur beobachtet werden. Er will frei sein. Das Bild des unfreien Vogels nimmt Marjan Baniasadi, 29, in ihrer Kunst auf. Mit ihrer aktuellen Ausstellung "A singing bird in an open cage" bezieht sich die Künstlerin auf iranische Frauen, die ihrer Heimat zwar geografisch fern sind, aber den Kummer der gewaltsamen aktuellen Lage in Iran in sich tragen. Also auch auf sich selbst.

Marjan kommt ursprünglich aus Teheran. Sie hat einen Bachelor in Fine Arts am National College of Arts Lahore abgeschlossen. Im Hauptfach hatte sie Malerei, im Nebenfach Bildhauerei. Seit 2020 wohnt sie in Deutschland und studiert in München an der Akademie der Bildenden Künste in der Klasse Pia Fries. Hier malt sie, ihre Gedanken sind bei ihrer Familie in Iran.

Schon in der Schule haben Marjan und die anderen Mädchen die Verpflichtung zum Tragen eines Kopftuches infrage gestellt. Ab neun Jahren gelten Mädchen in Iran als volljährig. Das bedeutet, dass sie von diesem Alter an ein Kopftuch tragen müssen. Und es bedeutet auch, dass sie schon verheiratet werden können. Die Kinder werden sogar für "Disziplin benotet, das war ein richtiges Fach", erzählt Marjan. Und "wer kein Kopftuch anzieht, kommt in die Hölle" - das wurde ihnen in der Schule gedroht. "Wir waren angepisst", sagt sie und lacht trocken. Das islamische Regime versucht "die Kinder zu brainwashen, aber niemand fällt darauf rein. Nicht im geringsten".

Der Hidschab ist das offensichtlichste Zeichen der Unterdrückung. Diese wird aber auch in der Gesetzgebung kenntlich. Frauen können nicht ohne die Erlaubnis ihres Vaters oder ihres Mannes das Land verlassen. Sie dürfen sich ohne Einwilligung weder scheiden lassen noch einen Beruf ausüben. Sie erhalten vom Erbe nur halb so viel wie ein männlicher Verwandter. Seit Mitte September, seit des Todes von Mahsa Amini, wehren sich Iranerinnen und Iraner gegen diese Unfreiheit. Besonders junge Menschen protestieren gegen das gewalttätige Auftreten das islamische Regimes, für Frauenrechte und Freiheit - darunter auch viele Menschen, die Marjan kennt. Aus dem Land erfährt sie, wie die Menschen aus ihren Fenstern in der Nacht "Woman, Life, Freedom" oder andere Parolen gegen das diktatorische System schreien oder auf Wände in der Öffentlichkeit schreiben. Die Polizei nutzt dagegen "Tränengas und Bomben, Luftgewehre und richtige Gewehre in Wohngebieten, sodass die Einheimischen Angst bekommen". Auch Männer unterstützen die Bewegung, sind Teil der Bewegung. "Die Polizei verübt Gewalt gegen jede und jeden, auch Kinder, auch alte Menschen. Das ist ihnen egal", gibt sie weiter.

Marjan selbst hatte auch schon Erfahrungen mit der Sittenpolizei gemacht. In Teheran hatte sie damals mit ihrer Familie in einem riesigen Gebäudekomplex gelebt. Alle, die nicht dort lebten, waren erst mal verwirrt, verstanden nicht, wo Ein- und Ausgang war. Mit ihrer Schwester hatte sie folgenden Plan: "Wenn die Moralpolizei eines Tages kommen sollte, rennen wir." Mit zwanzig Jahren haben sie und ihre Schwester ein kurzes Kleid auf dem Grundstück getragen. "Und mit kurz meine ich", sie deutet auf ihr Knie, "nicht wirklich kurz." Zwei Polizisten und eine Polizistin kamen plötzlich aus einem Van und haben die beiden angeschrien, "als würden sie Kriminelle fassen wollen". Dann sind die beiden Frauen weggerannt. "Wenn die Polizei mit dieser Disziplin wirkliche Kriminelle verfolgen würde, dann wäre Iran das sicherste Land der Welt", sagt sie und lacht.

"Die Menschen müssen realisieren, dass das, was in der westlichen Welt als Iran wahrgenommen wird, nicht die Menschen im Iran sind", sondern das "islamische Regime, das unser Land besetzt", sagt Marjan. Weder Kleiderordnung noch Regierung sind freie Wahl. "Wir sind offen, wir sind gebildet, wir machen gerne Party", sagt sie.

Mit ihrer Kunst will Marjan zeigen, was Iran für sie bedeutet. Das wahre Land Iran. Das nicht das Gefühl von Unterdrückung repräsentiert, sondern das Gefühl von ihrem Zuhause. Immer, wenn sie im Ausland war, waren der Grund, weshalb sie sich in ihrer Wohnung zu Hause gefühlt hat, die persischen Teppiche, die sie aus ihrem Heimatland mitgebracht hat und "die in gewisser Weise ihre Geschichte bezeugt und erzählt haben". Generell sind Teppiche in Iran essenziell. Sie "sind genauso wichtig wie Kühlschränke", sagt sie. "Jedes Treffen findet auf dem Teppich statt, sei es beim gemeinsamen Essen, beim Fernsehen oder Reden", sagt sie. Jede Iranerin und jeder Iraner würde dasselbe sagen. "Wir sind alle damit aufgewachsen, haben alle auf dem Teppich krabbeln und laufen gelernt." Und: "So ein Teppich hat viel zu erzählen."

Iranische Künstlerin: 2016 hat Marjan Baniasadi angefangen, realistische Gemälde von Perserteppichen anzufertigen.

2016 hat Marjan Baniasadi angefangen, realistische Gemälde von Perserteppichen anzufertigen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
Iranische Künstlerin: "A singing bird in an open cage" heißt die aktuelle Ausstellung von Marjan Baniasadi in der Galerie van de Loo.

"A singing bird in an open cage" heißt die aktuelle Ausstellung von Marjan Baniasadi in der Galerie van de Loo.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

2016 hat sie angefangen, realistische Gemälde von Perserteppichen anzufertigen. Dann wurde sie inspiriert von ihrer Struktur. Sie hat beobachtet, wie die Teppiche gewebt werden, "Knoten für Knoten, Sekunde für Sekunde". Diese Beobachtung hat sie dann mit in ihre Arbeit aufgenommen und seitdem weiterentwickelt. Sie malt Tiere und Pflanzen auf Leinwände und zeichnet darüber Linien, Pinselstrich für Pinselstrich, die die Fäden der Teppiche widerspiegeln. Das ist sehr "therapeutisch", sagt sie.

Sie will mit ihren Kunstwerken weiter auf die Unterdrückung in Iran hinweisen und ein Zeichen für Freiheit setzen. Auf die Frage, was die Menschen abseits von Iran machen können, um zu helfen, antwortet Marjan: "Einfach Informationen und Stimmen aus Iran teilen, einfach aufmerksam auf die aktuelle politische Situation machen", sagt sie. "Es ist schön, diese Unterstützung zu sehen." So wissen Iranerinnen und Iraner, dass sie nicht alleine sind. "Und die Menschen hier werden auf die Vorfälle aufmerksam gemacht und vielleicht sogar motiviert, sich weiter zu informieren oder selbst aktiv zu werden", sagt sie.

An einem Punkt hatten alle Iranerinnen und Iraner ihre Hoffnung verloren. "Es gab so viel Druck, eine wirtschaftliche Krise, die Menschen wurden stumpf." Jetzt haben sie wieder Hoffnung. "Endlich tut sich was. Alle sind das Regime satt. Die Proteste sind wirklich ernst", sagt Marjan. "Ich denke, das könnte die größte Revolution für Frauenrechte, für Menschenrechte sein", sagt sie, ihre Stimme klingt bestimmt. "Ich hoffe, das nächste Mal, wenn ich nach Iran gehe, dass ich in ein freies Iran gehe." Dass der Käfig endlich weg ist. Und alle Vögel singen.

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