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Festival im Museumsquartier:Raus aus geschlossenen Räumen

Miro Craemer malt vor dem Zelt, das er gemeinsam mit Besuchern der Munich Creative Business Week entworfen hat.

(Foto: Catherina Hess)

Das Kunstareal-Fest will Menschen motivieren, wieder mehr ins Museum zu gehen - mit ungewöhnlichen Erlebnissen.

Sie zieht das Handy aus der Tasche, andere in ihrem Alter würden jetzt Bilder von der letzten Party zeigen oder vom Baden am Fluss. Aber Nour Dhifallah nicht. Auf ihrem Handy sieht man das Bild eines Bildes. Gemalt im Jahr 1982, Acryl auf Leinwand. Dunkle Farben. Nour Dhifallah kennt das alles auswendig, denn einmal im Monat steht sie für eineinhalb Stunden im Museum Brandhorst. Immer an einem Sonntag, immer vor demselben Gemälde. "Rodchenko I" von Albert Oehlen.

Sie erzählt dem Publikum dann von ihrem ausgewählten Bild. Heute aber sitzt sie in einem Zelt hinter der Alten Pinakothek und sagt: "Manche Freunde fragen mich schon: 'Hä, was sollen wir denn im Museum?'" Nour Dhifallah ist 17 Jahre alt, trägt die Haare streng nach hinten gekämmt. Darüber ein Haarband, Chucks an den Füßen. Sobald jemand das Zelt betritt, berichtet sie, was heute geplant ist. Eine große Kunstaktion von allen für alle. Sie stellt sich nicht die Frage, was man im Museum soll. Viele andere aber durchaus - und deshalb haben an diesem Wochenende beim Kunstareal-Fest die Museen, Galerien und Hochschulen in der Gegend ihre Türen geöffnet. Umsonst.

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Es gibt Städte, in denen man bei "Museumsviertel" sofort an einen Ort denkt. In Wien etwa an das Museumsquartier oder in Berlin an die Museumsinsel. In München ist das anders, erst vor etwa zehn Jahren hat man den Plan entwickelt, die Gegend um die drei Pinakotheken zu einem Museumsquartier zu verbinden. Zum sogenannten Kunstareal, zu dem unter anderem das Lenbachhaus, die Glyptothek und die Hochschule für Film und Fernsehen gehören. Die liegt gegenüber von dem Zelt, in dem Nour Dhifallah im Trockenen auf neue Besucherinnen und Besucher wartet und sieht, wie die Menschen mit Regenschirmen von einem Museum zum nächsten laufen. Die Liegestühle auf den Wiesen zwischen den Pinakotheken sind leer.

Solche riesigen freien Flächen finden sich an kaum einem anderen Ort in der Innenstadt, den Englischen Garten einmal außen vor gelassen. Aber Kunst braucht eben auch Platz - vor allem, wenn sie nicht nur in den Ausstellungsräumen stattfinden soll. Im Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke werden kleine Gipsfiguren gegossen. Im Atrium des Staatlichen Museums Ägyptische Kunst Setzlinge in Töpfe gepflanzt und im Garten des Lenbachhauses Stabfiguren für ein Theaterstück gebaut. Die Menschen sehen sich Kunst an diesem Wochenende nicht nur an, sondern sie machen auch Kunst. Miro Craemer sagt: "Endlich."

Der Regen hat für einen Moment aufgehört. Miro Craemer steht vor dem Zelt, das er gemeinsam mit Besuchern der Munich Creative Business Week entworfen hat, alle Seiten sind offen. Links und rechts finden sich weiße Flächen zum Malen. Craemer arbeitet als Künstler vor allem mit Textil, aber hat zum Beispiel Boban Andjelkovic eingeladen, der Paletten und Farben an Passanten verteilt: "Ich muss letztendlich gar nicht mehr machen als auf die Farbtube drücken." Dann fingen die Leute schon von selbst an, sagt Boban Andjelkovic, der 44 Jahre alt ist, aber mit seiner großen Brille jünger aussieht. Er hat das Gefühl, dass die Kunst mittlerweile weit weg ist von den Menschen. Der Kunstmarkt diene vor allem sich selbst, dabei sei Kunst doch viel mehr als nur Geld. Miro Craemer nickt. Kunst habe keinen Zweck, und das sei in einer Leistungsgesellschaft doch wirklich selten geworden.

Neue Räume, neue Begegnungen

Zurück ins Zelt, im Inneren beginnen ausnahmsweise alle Führungen durch die Pinakotheken. Von der Decke hängen bemalte Stoffbahnen, das Team vom Kunstwerkraum hat ein paar Tische aufgebaut. Immer freitags lädt die Gruppe zum interkulturellen Workshop in die Pinakothek der Moderne ein, der Flyer ist in deutscher und arabischer Sprache gedruckt. Man wollte eben raus aus den geschlossenen Räumen.

"So viele Leute wie hier trifft man sonst an keinem anderen Wochenende im Jahr" sagt Pia Brüner aus der Kunstvermittlung der bayerischen Staatsgemäldesammlungen, also der Pinakotheken. Manche Besucher seien verwundert, wenn sie zum Beginn der Führung in dem kleinen Zelt stünden. Sie fragten dann: "Ich wollte doch eigentlich in die Alte Pinakothek, warum treffen wir uns hier?" Aber eben darum gehe es doch, um neue Räume und um neue Begegnungen. Die Stoffbahnen werden später zu einem großen Sonnensegel zusammengenäht, und manche Teile des Banners neben dem Zelt sind schon nicht mehr weiß. Die Farbpaletten sind verschmiert.

Was danach mit den Bildern passiere? Sie kommen auf jeden Fall nicht in ein Museum, sagt Miro Craemer.

Wenn das Fest am Sonntagabend vorbei sein wird, werden er und die anderen das Zelt abbauen, und sie werden auch die Bilder mitnehmen. Das aber geschieht gerade nicht, um die Werke auszustellen, sondern um sie zusammen mit dem Zelt irgendwann an einem neuen Ort zusammen wieder aufzubauen. Es brauche doch mehr solcher Orte wie diesen, an denen es nicht um Erfolg geht, sondern an denen "einfach mal etwas passieren kann", sagt Miro Craemer. Er schaut hinüber zur Hochschule für Film und Fernsehen. Die Bar vom Minna Thiel spielt leise Musik. Daneben ist eine Decke aus Plastikfolien, die hat die Regisseurin Doris Dörrie zusammen mit ihren Studentinnen und Studenten jüngst gehäkelt.

Er erzählt, dass Dörrie manchmal ein Seminar namens "Bier trinken" angeboten habe. Die Menschen sollten sich zusammensetzen, und dann werde man schon noch sehen, was passiert und welche Ideen ganz ohne Zwang entstehen. Finde er gut, sagt er.