Süddeutsche Zeitung

Jubiläumsausstellung: 50 Jahre für die Kunst

Die Galeristin Margret Biedermann hat viele Münchner Künstler gefördert, Talente entdeckt und einmal für Beuys Streichfett besorgt

Von Martina Scherf, München

Joseph Beuys und die Margarine. Im Haus der Kunst wollte der Künstler 1968 seine berühmte Fettecke installieren. Dafür brauchte er 20 Packungen Margarine. Die Studentin der Kunstgeschichte Margret Biedermann wurde losgeschickt, das Streichfett zu besorgen. Es war Hochsommer und kein Lebensmittelladen in der Nähe. Als sie zurückkam, tropfte es schon aus ihrer Tüte - und auf dem Steinboden des Hauses floss die Kunst dann endgültig dahin. Das war ihre erste Begegnung mit dem damals propagierten "erweiterten Kunstbegriff".

"Wir wussten ja gar nicht, was da plötzlich alles auf uns zukam", sagt die Galeristin heute. Beuys, der in Düsseldorf gerade dabei war, die Akademie aus den Angeln zu heben. Hermann Nitsch, der Blut-Orgien-Künstler. Warhol und all die noch unbekannten Künstler der Pop-Art. Münchens Professoren dagegen verschanzten sich vor den revoltierenden Studenten. München war provinziell, "das muss man rückblickend wohl so nennen", sagt Margret Biedermann. Kurz vor der Vernissage im Haus der Kunst gab es eine Bombendrohung.

Es gibt ein Foto von Stefan Moses aus diesen Tagen. Da sitzt Margret Biedermann, Minirock, um die Schultern gelegter Blazer, braver Seitenscheitel, auf der Treppe im Haus der Kunst. Vorne im Bild der junge Prinz Franz von Bayern. Auf der untersten Stufe Beuys mit Hut. Mittagspause während des Ausstellungsaufbaus, jeder hat eine Alufolie auf dem Schoß, "vermutlich mit Hähnchen aus dem nahen Wienerwald".

"So genau erinnere ich mich nicht mehr", sagt die Galeristin. Es ist ihre unaufgeregte, bescheidene Art, dass sie nicht viele Worte um berühmte Begegnungen verliert. Sie hat einfach immer ihr Ding gemacht. Jetzt steht sie in ihrer kleinen Galerie in der Barer Straße 44 und sortiert die Werke, die in die Jubiläumsausstellung kommen. Viel Platz ist nicht, sie muss die Bilder dicht hängen - aber 50 Jahre, mein Gott, das ist eine lange Zeit, da sollen schon alle, die ihr wichtig sind, vorkommen.

Es begann mit einer Ausstellung afrikanischer Plastiken. In der Druckerei ihres Vaters in der Isabellastraße 32 bekam sie zwei Räume zu Verfügung gestellt. Sie beendete dann ihr Studium mit einer Dissertation über Ferdinand Kobell, für dessen Werkverzeichnis sie sich tief ins 18. Jahrhundert versenkte. Doch an der Uni bleiben wollte sie nicht. "Ich wollte Kunst anfassen dürfen." Dass ihr Onkel der berühmte Kunstsammler Walter Bareiss war, schadete da sicher nicht. Er hatte zusammen mit Franz von Bayern und dem Münchner Galerieverein auch dafür gesorgt, dass damals die Sammlung des Wella-Unternehmers Ströher ins Haus der Kunst kam, samt Beuys' Fettecke.

Bald konnte Biedermann dann eigene Räume in der Maximilianstraße 12 beziehen, Wohnung und Galerie zugleich. Sie machte alles allein, schnitt oft auch noch die Passepartouts für die Bilder, "und manchmal stand dann plötzlich ein Sammler vor der Tür". Es gab damals ein knappes Dutzend Galerien in der Straße, man organisierte einmal im Jahr gemeinsame Themenausstellungen. Bei den Vernissagen zogen Besucher in Grüppchen von Galerie zu Galerie, es herrschte ausgelassene Stimmung. Längst vorbei. Heute drängt viel Konkurrenz auf einen überhitzten Markt.

Biedermann zog in den Achtzigerjahren in die Maxmilianstraße 25. War ihr Schwerpunkt anfangs noch auf Zeichnungen und Grafiken des 16. bis 19. Jahrhunderts gelegen, kamen bald Münchner Künstler wie die Simplicissimus-Zeichner Max Mayrshofer und Erich Schilling dazu, dann die klassische Moderne mit Mark Tobey, Willem de Kooning, Tapies, Dorazio. Eduardo Chillida besuchte sie mehrmals in San Sebastian. "Da stand man in seinem Garten vor dieser riesigen Stahlskulptur, und dann kommt so ein stiller kleiner Mann auf einen zu." Münchner Künstler wie Heinz Butz, Franz Hitzler, Siegfried Kaden hat Biedermann gefördert. "Sie ist sehr zurückhaltend, aber immer wahrnehmend", schreibt Kaden zum Jubiläum.

Eine langjährige Freundschaft verband sie mit Zeitgenossen wie dem Münchner Bildhauer Toni Stadler, seinen Schülern Michael Croissant und Herbert Peters, und seiner Frau Priska von Martin. Stadler (von ihm stammt die große Liegende im Wasserbecken vor der Neuen Pinakothek) war bekannt für seine gnadenlose Selbstkritik. Wenn er mit einer Skulptur unzufrieden war, konnte es passieren, dass er den Hammer nahm und sie kurz und klein schlug. Oder einen Torso präsentierte mit den Worten: "Ich hab' ihm Arme und Beine abgeschlagen, jetzt ist er doch viel besser, oder?"

Unter den jungen, zeitgenössischen Künstlern, die sie förderte, sind ihr der Brite Patrick Procktor, die Amerikanerin Linda Karshan und der Münchner Johannes Wende besonders ans Herz gewachsen. Sie hatte nie "Top-Shots", sagt sie, "dafür muss man auch die Nerven und die Kondition aufbringen". Ihre Devise lautete vielmehr: "Es muss einem selbst Spaß machen."

Spaß machte auch die Fassadenmalerei am Altstadtring, für die sie einen Sponsor fand und den amerikanischen Künstler Richard Haas gewinnen konnte. Sie hatte ihn in den USA kennengelernt. Haas versah "eine ehedem nackte, grindige Brandmauer" (so die SZ von damals) mit einem fünfgeschossigen Trompe-l'oeuil-Bild. Ein Team von Malern, Kunstmalern, Grafikern und Bühnenbildnern setzte das Werk in fünf Wochen intensiver Arbeit um. Die Münchner liebten es. 30 Jahre später fiel es einer Baumaßnahme am Zwingereck zum Opfer.

Vor zehn Jahren zog Biedermann, wie viele Galerien, ins Kunstareal. Dort wird sie am Freitag, zur Open Art, ihre Jubiläumsausstellung eröffnen. Fast 300 Ausstellungen waren es insgesamt in den vergangenen 50 Jahren, sie kann es selbst kaum glauben.

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