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Projekt "Peace Damage":Stimmen der Akademie

Akademiestudentinnen Projekt Peace Damage

"Wir haben 940 Studierende hier, aber nur zwei von 14 Stimmen im Senat", beklagt Anneke Huhn. Mit einer künstlerischen Intervention will sie gemeinsam mit Mariella Maier und Ruth Hahn die Strukturen der Akademie deutlich machen und aufbrechen.

(Foto: Daniel Fuchs/oh)

"Leuchtturm-Profs", patriarchale Strukturen: Mit dem Projekt "Peace Damage" stellen drei Studierende die Frage nach demokratischer Teilhabe an der renommierten Kunsthochschule

Von Ellen Draxel

Die Akademie der Bildenden Künste ist eine Institution. Sie gilt nicht nur als eine der renommiertesten Kunsthochschulen Deutschlands, sie ist auch eine der ältesten. Aber ist sie auch zeitgemäß organisiert? Drei Studentinnen haben da ihre Zweifel. Anneke Huhn, Mariella Maier und Ruth Hahn fühlen sich durch und durch als Demokratinnen. Seit Jahren setzen sich die Kunst-Studentinnen mit politischen Fragestellungen auseinander, Huhn inzwischen als Vorsitzende des Studentischen Konvents der Akademie der Bildenden Künste, und ihre beiden Kolleginnen in der Studierendenvertretung. Gemeinsam haben die drei jetzt "Peace Damage" ins Leben gerufen - ein in drei Phasen aufgesplittetes und auf ein knappes Jahr angelegtes Kunstprojekt. Ihr Ziel: die Arbeit in der Akademie demokratischer zu gestalten.

"Die Struktur der Akademie ist sehr hierarchisch und patriarchalisch aufgebaut", sagt Bildhauerei-Schülerin Anneke Huhn. Die junge Frau hat auch Psychologie und Humanmedizin studiert und dabei stets Themen wie Grenzen, Nähe und Gerechtigkeit im Fokus gehabt. Dass sich an der Akademie die Professoren jede der insgesamt 34 Klassen selbst aussuchen, ohne dass es zuvor einführende Semester gibt, findet sie suboptimal. Vor allem aber fühlen sie und ihre beiden Mitstreiterinnen sich in den Gremien der Hochschule nicht gut vertreten. "Wir haben 940 Studierende hier, aber nur zwei von 14 Stimmen im Senat." Dagegen seien die Professoren zu acht vertreten. Ähnlich sehe es mit der Stimmenverteilung im Hochschulrat aus. "Und im Präsidium", kritisiert Bühnenbild-Studentin Maier, "sind überhaupt keine Studierenden vorgesehen". Das Projekt "Peace Damage" will diese Dominanz aufbrechen. Inwieweit sie ihre Aktion ans Ziel führt, lassen die Initiatorinnen offen - den Inhalt ihres Konzepts, für das sie nur den Rahmen vorgeben, bestimmen sämtliche Mitgliedergruppen der Akademie gemeinsam. Ganz demokratisch.

Am Beginn des Kunstprojekts stehen zunächst Interviews. Von allen Gruppen der Akademie sollen, gemessen am Proporz, ungefähr 20 Leute per Los ausgewählt werden: Studenten, Lehrer, Mitglieder der Verwaltung, aber auch Servicepersonal aus der Kantine und dem Reinigungsteam. Sie werden zu ihrem Alltag in der Akademie befragt, mit wem sie es zu tun haben, was sie gut und was als störend empfinden, inwiefern sie sich am Akademie-Leben beteiligen. Sechs dieser Interviews haben die drei Kunst-Studentinnen bereits geführt: Die Welten, in die sie nun eintauchen dürfen, sind aber sehr persönlich und bleiben deshalb vertraulich. "Da geht es um ein ganzes Universum", schwärmt Huhn. "Spannend" sei vor allem zu erfahren, mit welcher Begründung sich Kommilitonen und Kommilitoninnen nicht engagierten, ergänzt Mariella Maier.

Einen Fragebogen auf der Basis der Interview-Antworten können danach alle Akademie-Angehörigen ausfüllen. Er soll noch im Sommersemester verteilt werden und als statistische Erhebung den Ist-Zustand der Partizipation in der Akademie abbilden. Die Auswertung der Fragebögen obliegt einem Psychologen und zwei Dramaturginnen, Marie-Sophie Ernst von der Theaterakademie August Everding und der freien Autorin Carolina Heberling.

Honorarfrei nur in Zusammenhang mit  einem Bericht über  Peace damage , Aktion Studierender der Akademie der Bildenden Künste München

Ein Audiowalk ist Teil des Projekts.

(Foto: Daniel Fuchs/oh)

Damit kommt die Kunst ins Spiel. Ernst und Heberling sollen helfen, einen Audiowalk zu entwickeln, der durch die ganze Hochschule führt: den Altbau, den Neubau, den Garten. "Ob wir diese Reise durch die Akademie im realen oder digitalen Raum stattfinden lassen, muss sich noch zeigen", sagt Huhn. Auf jeden Fall werden bei der Erkundungstour Geschichten zu hören sein - Erzählungen über die Akademie, die so als "Gesamtorganismus" erlebbar wird. Die Akademie bestehe schließlich nicht nur aus "Leuchtturm-Profs", erklärt Maier.

Der Audiowalk soll deshalb einerseits Gäste von außen anziehen, er soll aber auch Menschen, die vielleicht schon lange in der Akademie arbeiten, bislang Unbekanntes zu Gehör zu bringen und damit die interne Kommunikation stärken. Aus diesem Grund wird beim Rundgang eine Person alle Geschichten vertonen: eine noch zu suchende "Stimme der Akademie". Ursprünglich war die Audio-Führung bis zur Jahresausstellung im Juli geplant, aber Corona hat die Terminierung durcheinandergeworfen.

Die Projektleiterinnen hoffen nun, dass wenigstens im Wintersemester das Herzstück von "Peace Damage", das "Gremium", wie vorgesehen tagen kann. Inhaltliche Bausteine dazu sind zum einen die Interviews aus Phase eins, komprimiert in dem Audiowalk, zum anderen Workshops und Diskussionen für Akademie-Angehörige zu den Themen Organisation und gewaltfreie Kommunikation, betitelt mit Phase zwei.

Zusammensetzen soll sich das voraussichtlich im Januar/Februar 2021 vier Wochen lang tagende "Gremium" basisdemokratisch aus allen Mitgliedergruppen der Akademie - jeder hat die Chance, sich für diese dritte Phase anzumelden und mitzudiskutieren. Eine Inszenierung soll versuchen, die Partizipation innerhalb der Akademie auf ein neues Fundament zu stellen. Der Verhandlungsort entspricht dabei dem kreativen Gedanken: Ein von den beiden Bühnenbildnerinnen Maier und Hahn und der Bildhauerin Huhn gestalteter Raum mit unebenen Böden beabsichtigt, den Körper aus der Balance bringen. Optische, szenografische und stimmliche Mittel sollen die Teilnehmer zum Um- und Neudenken zwingen.

Ob die künstlerische Intervention am Ende tatsächlich realpolitische Strukturen verändern kann? Das muss sich zeigen. Im Idealfall lassen sich die Erfahrungen auf andere Institutionen übertragen.

© SZ vom 06.06.2020
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