Das pralle Münchner Leben ist zurück aus den Ferien. Vor allem jenes, das sich draußen abspielt, weil der Münchner ja empfänglich ist für Restsommer-Genüsse. Beim traditionellen „Metzgersprung“ am Fischbrunnen, bei Tangoschritten auf dem „Corso Leopold“ und mit einer wunderbar widerständigen Feierlaune der Giesinger bei ihrem Stadtteilfest „Ois Giasing“.
Sosehr das Publikum am Samstag auch immer jenen glanzpolierten Automobilen in der Innenstadt huldigen möchte – den Giesinger an sich ficht das nicht an. Der hat besseres droben auf der Höhe über der Stadt, und das sozialpolitisch gleich auch noch auf der Höhe der Zeit: Das Fest „Ois Giasing“ ist kein von oben übers Viertel gestülptes „Event“, es ist ein zu einem Freiluftfestival geronnenes Wir-Gefühl eines Stadtviertels, das sich seiner Arbeitergeschichte bewusst ist und erstaunlich kommerzfrei gemeinsam feiert.
Den Auftakt fürs Nachbarschaftsfest an 43 Orten rund um die Tegernseer Landstraße (Tela), organisiert vom Stadtteilverein „Wir in Giesing“, macht eine historische Führung durchs „rote Giesing“, immer der großen roten Fahne nach. Sieht ein bisserl nach Revolution aus, stört in Giesing aber niemanden. Weil das 1854 zu München eingemeindete Giesing mit seinen damals 3500 Einwohnern immer schon arm war, wie Michael Rapp gemeinsam mit Simone Schirmer und Lara Prölß beim Rundgang durch die Feldmüllersiedlung erläutern. Auch um 1900, als dort bereits 25000 Menschen lebten, blieb das so: Giesing und Schwanthalerhöhe waren die ärmsten Viertel, in ungefähr jedem fünften Haus eine Wirtschaft. Oberschicht Fehlanzeige, gewohnt wurde in derart „schauerlichen Lebensverhältnissen“, dass die rund 100 Wirtschaften wohl auch Küchenersatz sein mussten für Viele.
Erläutert wird beim roten Rundgang auch das riesige Graffiti-Kunstwerk am Stadtwerke-Umspannwerk an der Martin-Luther-Straße, das der Künstler „won“ alias Markus Müller in Erinnerung an die Münchner Räterepublik von 1919 im Jahr 2019 dort malte. Erinnerung an Kommunisten. Giesing leistete viel Widerstand gegen das, was nachkam.
Und es ist immer noch widerständig. In der Oberen Grasstraße schmettert das „Munich Ukulele Collective“ Joe Dassins „Les Champs-Elysées“, und alle sind froh, dass sie statt der Pariser Prachtstraße eine nette Gasse in ihrer Feldmüllersiedlung haben. Es gibt Bratwürste, Bier, Spezi, Eis, und von Angelika Luible vom Verein „Heimat Giesing“ natürlich am Originaltatort die Erzählung einer Münchner „Räuberpistole“: Die Zerstörung des Uhrmacherhäusl. Noch immer gibt es alle zwei Monate eine Mahnwache genau hier, und natürlich feiert „Ois Giasing“ hier ganz besonders hartnäckig. Luible macht es Freude, jenem Investor „Präsenz“ zu zeigen, der längst gerichtlich zum Wiederaufbau gezwungen wurde, was sich zwar verzögere, aber nun wohl „endlich muss“. „Mia san do“, sagt Luible und fasst den ganzen nachbarschaftlichen Zusammenhalt, auch heute beim Feiern, einfach nur in ein Wort, das sie mit beglückter Inbrunst betont: „Giesing!“



DJs drehen an den Plattentellern vor Lokalen an der „Tela“, der ganze Grünspitz ist ein bumsvoller Biergarten, überall flanieren Giesingerinnen und Giesinger. Die Widerständigen mögen auch die Gelassenheit.
Recht lässig genießen die Münchner auch das zweitägige Kulturfest auf der Leopoldstraße, den „Corso Leopold“. Der ist aufwendiger, weniger handgestrickt, hat einige Musikbühnen vom Münchner Kulturreferat aufgebaut bekommen, dazwischen gibt es Gratis-Live-Fußball von „Bunt kickt gut“ in einem Kunstrasenfeld mitten auf der Straße. Am Samstagnachmittag sind auch alle Essensbuden voll besetzt, ob es ungarische Lángos oder andere Weltspezialitäten gibt.
Weil’s die letzte Corso-Gelegenheit vor den nächsten Kommunalwahlen Anfang 2026 ist, haben alle demokratischen Groß- und Kleinparteien Stände aufgebaut. Am Stand von „Mehr Demokratie“ kann man ein Quiz lösen und bei Stefan Bauer lernen, dass es im Gegensatz zum restlichen Deutschland nur in Bayern und Niedersachsen kein Informationsfreiheitsgesetz (Transparenzgesetz) gibt. Und dass dort, wo es das gibt, inzwischen die Behörden selbst die besten Kunden dieser hauseigenen, Internet-öffentlichen Aktensuchmaschine sind.
Für die Olympiabewerbung besteht kaum Interesse
Stark vertreten ist auch die Olympiapark GmbH mit der Münchner Olympiabewerbung „OlympJa“. Bei der groß beworbenen Originalfackel, mit der 1972 in München die olympische Flamme entzündet wurde, springt der Funke diesmal nicht über, die Leute interessieren sich kaum dafür. Lieber lernen sie nebenan auf der Bühne „Leo Latino“, wie man Salsa- oder Tangoschritte elegant auf den Boulevard Leopold legt.
Die Nähe zur allzu dominanten Autoschau IAA nebenan auf der Ludwigstraße stört die Corso-Macher und deren 40 NGOs und Partner nicht, die Leopoldstraße ist in der Samstagssonne voll. Es sei lediglich schwieriger gewesen, Sponsoren zu bekommen wegen der IAA – und Biergartengarnituren, verrät Corso-Vorsitzender Andy Keck. Veranstaltungsleiter Lars Mentrup, zudem SPD-Stadtrat und Vize-BA-Vorsitzender in Schwabing, assistiert zufrieden: „München ist ein Weltdorf mit Herz“, der autofreie „Corso“ bringe die Menschen zusammen und sei ja auch für IAA-Besucher eine attraktive Ergänzung.
Am Sonntagmittag wurlt es schließlich auch am Marienplatz. Nach dem 12-Uhr-Glockenspiel stürzen sich junge Menschen in weißen Kostümen mit (künstlichen!) Kälberschwänzen ins eiskalte Wasser des Fischbrunnens. Seit der Pest im 15. Jahrhundert hat die Metzger-Innung in München das Privileg, ihre Gesellen-Freisprechung mit diesem Brauch abzuschließen. Die Metzger gingen damals mit den Schäfflern hinaus auf die Straßen, sie kündeten als erste von der überwundenen Pest. Nach Reden unter anderem des Innungsobermeisters Andy Gassner (ein Lob auf das „garantiert nie arbeitslose“ Lebensmittelhandwerk) und des Oberbürgermeisters Dieter Reiter („gehe in diesen Fischbrunnen nur zum Geldbeutelwaschen“) stürzen sich die Auserwählten (von insgesamt rund 50 Innungsabsolventinnen und -absolventen) in den Brunnen. Ein Spektakel, das es nur alle drei Jahre gibt. Mit ihren kleinen Holzschaffln machen sie das Publikum und die Berichterstatter auch noch ziemlich nass. Oder sagen wir: Sie lassen sie erfrischend teilhaben am prallen Münchner Leben.
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, nur Bayern und Baden-Württemberg verfügten noch über kein Informationsfreiheitsgesetz. Stefan Bauer vom Landesvorstand des Vereins „Mehr Demokratie“ hatte tatsächlich darauf hingewiesen, dass so ein Transparenzgesetz für Akteneinsicht in Bayern und Niedersachsen fehle. Wir haben das korrigiert. Ein Vergleich der Bundesländer findet sich auf dieser Transparenz-Ranking-Internetseite.

