Würdigung:"Da kommt noch was"

Würdigung: Preise hat Hanna Schygulla schon viele für ihr Werk bekommen. Jetzt überreichte Dieter Reiter ihr den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München.

Preise hat Hanna Schygulla schon viele für ihr Werk bekommen. Jetzt überreichte Dieter Reiter ihr den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Hanna Schygulla bekommt den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München verliehen - eine "mehr als überfällige" Auszeichnung, sagt auch Oberbürgermeister Dieter Reiter.

Von Thomas Becker

Manche Dinge scheinen für die Ewigkeit gemacht zu sein. Bei Hanna Schygulla ist es ein Töpfchen, wie sie es liebevoll nennt. Und die Geschichte dieses alles andere als schnöden Koch-Utensils erzählt die 77-Jährige, die jahrzehntelang in Berlin und Paris gelebt hat, bei der Verleihung des Kulturellen Ehrenpreises der Stadt München - und die Geschichte geht so: "Ich denke viel mehr an München, als Sie sich alle vorstellen können. Das kommt daher, dass ich zu Hause ein Töpfchen habe. Als wir damals nach München umgesiedelt sind - da war ich fünf Jahre alt - hat das meine Mutter vom Ausgleichsamt bekommen, von einer Frau Beyerl. Die sagte: ,Da! Dass ihr was Warmes zum Essen habt und dass euch warm wird bei uns.' Mit diesem Töpfchen koche ich immer noch. Das scheint vom Kustermann zu sein, bei dieser Qualität, ganz erstaunlich. Mehr als 70 Jahre ständiger Benützung: Das ist deutsche Qualität."

Am Begriff Qualität kommt man beim Phänomen Hanna Schygulla nicht vorbei. Wer so viele bemerkenswerte Rollen gespielt hat und so selten von der Presse verrissen wurde, muss etwas richtig gemacht haben. Preise gab es für ihr breites Oeuvre jede Menge, vom Deutschen Verdienstkreuz bis zum Goldenen Bären für das Lebenswerk, sogar 1970 schon den Schwabinger Kunstpreis. Aber erst jetzt mit gewaltiger Verspätung hat sich die Jury des Kulturellen Ehrenpreises ihrer erinnert, obwohl sie schon in den Siebzigerjahren mit Rainer Werner Fassbinder den Neuen Deutschen Film in München "maßgeblich geprägt" habe, wie Oberbürgermeister Dieter Reiter sagte. Bei der feierlichen Verleihung im Filmmuseum gesteht er ein, dass dieser Preis "mehr als überfällig" gewesen sei. Und noch ein mea culpa: Schygulla sei nach Maria Nicklisch (1985) und Senta Berger (2011) erst die dritte Frau, die diesen Preis erhält, und der wird immerhin schon seit 1958 vergeben. Reiter bekennt: "Da müssen wir noch etwas besser werden." Kulturreferent Anton Biebl wird sicher die Ohren gespitzt haben.

Würdigung: Sie spielte in "Lili Marleen" und "Berlin Alexanderplatz", drehte mit Regie-Größen wie Godard, Schlöndorff und Ferreri.

Sie spielte in "Lili Marleen" und "Berlin Alexanderplatz", drehte mit Regie-Größen wie Godard, Schlöndorff und Ferreri.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Aber Schygulla nimmt das nicht übel, im Gegenteil. Nachdem sie der Oberbürgermeister höchstselbst zu ihrem Platz in Reihe eins geführt hat, bedankt sie sich mit einer kleinen Schote: "Die Ur-Enkelin meiner Cousine, die bei der Abendzeitung gearbeitet hat, meinte: 'Was? Du siehst morgen den Dieter Reiter? Das ist ein ganz Netter! Der spricht auch mit jedem.'" Und sie dankte Reiter für dessen Satz "Da kommt noch was", den der OB zum Schluss seiner Rede wunschdenkend formuliert hatte.

Hanna Schygulla nimmt im Filmmuseum zwar den Aufzug statt der Treppen, aber müde ist sie noch nicht. Gerade lief in Cannes die Francois-Ozon-Tragikomödie "Tout s'est bien passé", in der es um das Thema Sterbehilfe geht, mit Schygulla als sirenenhaftem Todesengel. Im Filmmuseum spricht sie nun über eine neue Idee: "Ich würde mich schon freuen, wenn in der kurzen oder langen Zeit, die mir noch gegeben ist, wenn da noch etwas kommen sollte. Vielleicht könnte ich das sogar in München machen. Nachdem Ihnen schon dieses Werk gefallen hat, könnte ich vielleicht mehrere von diesen vielen Videos, die ich gedreht habe, zu einem Kino-Konzert machen, mit Hilfe eines Musikers."

Mit "diesem Werk" meint sie den rund halbstündigen Film über ihr Leben, zu dem sie selbst den im besten Sinne poetischen Text gesprochen hat. Hanna Schygulla nimmt den Zuschauer bis in den Leib ihrer Mutter mit, damals 1943 im schlesischen Königshütte, als sie erst am 25. Dezember zur Welt kommen durfte, weil der Arzt an Heiligabend unterm Weihnachtsbaum sitzen wollte und der Mutter eine entsprechende Spritze verpasst hatte. Wir sehen ihre Geburtsurkunde samt Hakenkreuz und dem Namen des Arztes, der im nicht weit entfernten Auschwitz "noch ganz andere Spritzen gab", wie sie sagt. Dagmar hätte sie eigentlich heißen sollen, doch die Mutter entschied sich doch für Hanna, "nach einem besonderen Menschen - warum habe ich nie nachgefragt?"

Sie erzählt, wie sie schon im vom polnischen Schulmädchen Ursula geschobenen Kinderwagen ständig Grimassen schnitt, dass die Mutter mit ihr zum Arzt ging. Der meinte nur: 'Ach, lassen Sie mal. Vielleicht wird sie ja Schauspielerin.' Nach dem Krieg strandet die Familie in Stockdorf, der Vater kommt erst aus dem Krieg, als sie fünf ist, "wie ein Fremder", der nicht spricht außer "Das Leben ist gar nichts wert." In der Schule ist sie die "Polen-Matz", was sie nicht versteht. Und dann die erste Rolle: der Weihnachtsengel im Krippenspiel. Und all die anderen Rollen mit Regie-Größen von Godard über Schlöndorff bis Ferreri und Saura: Maria Braun, die Eva aus "Berlin Alexanderplatz", die Hauptrolle in "Lili Marleen" und viele mehr.

So ein Opus bei der eigenen Preisverleihung zu zeigen, kann schnell selbstreferenziell wirken, doch Schygulla balanciert gekonnt auf dem Grat, fesselt den Zuschauer mit ihrer betörenden Stimme, über die Laudator Lothar Schirmer geschwärmt hatte: "Wie Milch und Honig flossen die Worte aus ihrem Mund." Der Verleger kann kaum an sich halten, besingt Schygullas "ungeheures Gesicht, märchenhaft schön", lobt den "existenziellen Ernst ihres Spiels", die "nie gesehenen Seelenlandschaften" und sieht in der "sanften Deutschen mit dem polnischen Namen die beste deutsche Botschafterin in der Welt".

Diese Eloge lässt die so hymnisch Besungene natürlich nicht unbeantwortet: "Lieber Lothar Schirmer, vielen Dank für diese märchenhaft schöne Rede. Ich möchte anregen: Du sollst weiter schreiben. Aber da komme ich immer nicht so gut an bei dir. Tja, wenn man selbst einen Verlag hat. Aber trotzdem: Ich finde, du kannst schreiben. Wenn ich noch so richtig jung wäre, dann könnte ich mir vornehmen, zu dem hin zu wachsen, wie du mich geschildert hast, doch jetzt ist natürlich schon Abend. Aber so eine späte Rolle, wo ich noch so viel hineinlegen könnte, was aus mir heraus will, fände ich schon sehr schön."

Und bevor Hanna Schygulla dann zum Umtrunk im Innenhof des Stadtmuseums bittet, entlässt sie die Gäste, darunter auch Weggefährtin Margarethe von Trotta, sozusagen mit einer frohen Botschaft: "Danke fürs Kommen. Und ich glaube: Da kommt noch was!"

© SZ vom 13.07.2021/syn
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