„Blutbuch“ an der Kulturbühne SpagatWie es ist, wenn es den eigenen Körper nicht geben darf

Lesezeit: 2 Min.

Energiebündel: Lucy Wirth mit ihrem Soloabend „Blutbuch“ in der Kulturbühne „Spagat“.
Energiebündel: Lucy Wirth mit ihrem Soloabend „Blutbuch“ in der Kulturbühne „Spagat“. (Foto: Severin Vogl)

Kim de l’Horizons preisgekrönten Roman „Blutbuch“ bringt Regisseurin Florentina Tautu sehr verdichtet mit der energiegeladenen Schauspielerin Lucy Wirth auf die Bühne. Die Konzentration geht bestechend gut auf.

Kritik von Yvonne Poppek

Da sind also die Hände der Großmutter. Der „Grossmeer“, wie es in ihrem Berner Dialekt heißt. Sie sind grob, suchend, stets in Bewegung, sich ineinander krallend, nach etwas greifend. Für das Kind sind Grossmeers Hände grauslich, Furcht einflößend. So wie auch Grossmeers Mund, der immer in Bewegung ist, wie ihre krachenden Zähne, wenn sie ihre „Fotzelschnitten“ isst. Die Körperteile der Großmutter sind von einer märchenhaften Gruseligkeit, jedes für sich eine Hexe.

Das Kind, die Grossmeer und Grossmeers Hände, sie sieht man auch in der Kulturbühne Spagat. Oder vielmehr sieht man auf Lucy Wirth, die das alles gleichzeitig ist. Im unheimlichen, kaltweißen Nachtlicht kniet sie auf der Bühne, ein weißer Matrosenkragen liegt um ihren Nacken, ihre Hände stecken in Handschuhen mit überlangen, Gicht-gekrümmten Fingern. Diese Finger sind bedrohlich, gruselig und viel zu nah. Das Kind steckt quasi in ihnen fest, während sie nach ihm greifen. Wie kann das Kind ausweichen, sich diesem Zugriff entziehen?

Es ist ein eindrucksvolles Bild, das Regisseurin Florentina Tautu für ihre Adaption von Kim de l’Horizons preisgekröntem Roman „Blutbuch“ gefunden hat, eines von einigen. L’Horizon setzt sich in diesem Debüt, das 2022 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis erhielt, mit der eigenen genderfluiden, nichtbinären Identität auseinander, mit der problematischen Erfahrung, dass es diesen Körper so lange Zeit nicht geben durfte, in der Familie, auf dem Land, später auch in der Stadt. Die Auseinandersetzung wuchert in die Familiengeschichte hinein und umgekehrt. Kim de l’Horizon spielt dabei mit Autofiktion und löst sich vom gängigen Aufbau eines Romans.

Tautu hat sich mutig über diese Vorlage gebeugt, hat Passagen entnommen, umgestellt, neu zusammengefügt. Wer den Roman kennt, entdeckt ihre starke Konzentration auf das Thema, wie ein unterdrücktes Sein in permanente Unwucht gerät. Für die Hauptfigur Kim ist es die nicht zugelassene queere Identität. Bei Tautu und Wirth wird sie zu einem Beispiel. Die Ursache für die Zerrissenheit bleibt zwar wichtig, doch noch bedeutender ist die Auswirkung. Nicht sein zu dürfen, was man ist, ist ein verheerendes Gefühl. Es lässt sich universell begreifen. Das macht dieses „Blutbuch“ zu einem sehr überzeugenden Abend.

Wobei dies natürlich auch an der famosen Schauspielerin liegt. Lucy Wirth ist Energie pur auf der kleinen Bühne. Sie füllt den Raum derart aus, dass er manchmal zu klein für sie wird. Sie ist mal schüchternes Kind, mal hexenhafte Grossmeer oder sachlich-kühle Mutter. Sie schreit auf in Wut, ist gepanzert in einem geliehenen Männlichkeitskokon oder unbehaglich in den eigenen Gliedern, die sie bearbeiten muss. Dank ihres schweizerischen Hintergrunds bringt sie problemlos Dialektsprache ein, mit der das Kind gleichsam festgekleistert wird. Lucy Wirth ist in „Blutbuch“ Furie und Flüchtige, sehnsüchtig danach, frei zu sein.

Blutbuch, Kulturbühne Spagat, nächste Termine: Do., 27.11., Sa., 29.11., Mo., 1.12., jeweils um 19:30, Tickets und weitere Informationen unter: www.spagat-theater.de

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