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Kultur in München:Hohe Töne aus dem Werksviertel

Alain Roche spielt das Piano - nur das Ambiente und der Blick auf den Künstler sind anders als sonst.

Halb sieben Uhr morgens, eisige Kälte lässt die Füße kribbeln. Trotz der winterlichen Temperaturen gibt es Liegestühle - Logenplätze, wie bei einer klassischen Darbietung, gibt es nicht. Trotzdem beginnt hier ein Konzert. Die Musik kommt von einem Flügel, der am Drahtseil eines Krans hängt. Das schwarze Instrument schwebt über der Baustelle, auf der das neue Münchner Konzerthaus entstehen soll.

Über Kopfhörer hört man Alain Roche auf diesem eindrucksvollen, offenen Flügel seine Komposition "Chantier" spielen - in vertikaler Ausrichtung. "Es geht darum, den Blickwinkel zu ändern, ins Gegenteil umzukehren und den Alltag aufzubrechen. Das Klavier in horizontaler Ausrichtung kennt man, in vertikaler Form aber nicht", erklärt der Schweizer Komponist Alain Roche. Die Kopfhörer ermöglichen ein völliges Abtauchen; ein Symbol der Isolation, durchbrochen von der Nähe zum Pianisten. Das Stück ist mal sanft, fröhlich oder mitreißend.

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2013 wurde "Piano Vertical" ins Leben gerufen und seitdem mehr als 120 Mal in der Schweiz und international aufgeführt. Für das hängende Klavier wurde extra ein System entwickelt, was das Spielen in bis zu 78 Metern Höhe ermöglicht. Überkommt einem in solcher Höhe nicht die Furcht? "Wenn ich vor dem Kran stehe, habe ich Angst, aber sobald ich spiele und es losgeht, verschwindet alles um mich und ich bin vollkommen auf die Musik fokussiert", sagt der Künstler dazu.

Die Komposition ist auf die Szenerie und Effekte abgestimmt: Nebel steigt an bestimmten Stellen der Musik empor, Lichtreflexe an den Gebäuden und Gerüsten fügen sich, Baustellengeräusche geben dem Takt eindrucksvolle Impulse. Diese Geräusche hat der Interpret Alain Roche zuvor aufgenommen, als er München besuchte. Für ihn passen die mechanischen und metallischen Klangquellen, die repetitiv erfolgen, perfekt zum gegensätzlich Klassischen des Pianos - musikalisch wie auch ästhetisch.

Ein weiterer Gegensatz: der schleichende Übergang, wenn die Nacht zum Tag wird. "Piano Vertical" mit der Komposition "Chantier" (frz. Die Baustelle) findet im Zuge des "Out of the Box"-Festivals im Werksviertel statt. In den frühen Morgenstunden ist die Darbietung bis Sonntag, 26. Januar zu sehen. Einlass ist nur bis 6.30 Uhr. "Alles wirkt wie eine Choreografie aus Musik, Licht und Tanz", meint Tanzlehrerin Aline Brugel, die das Konzert als Zuschauerin verfolgte. Es scheint, als habe jede Kleinigkeit der Vorstellung eine Bedeutung. Wenn dann auch noch die Sonne langsam aufgeht und einen wärmt, ist ein harmonischer Start in den Tag ganz einfach.

© SZ vom 25.01.2020/amm
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